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Ultimate Fighting in Köln: Adrenalin für alle

Blut, Busen und Bier: Die umstrittene Deutschland-Premiere von Ultimate Fighting in Köln war vor allem eins - eine große Show für Männer mit zu viel Testosteron. Aber es wurde auch klar: Es sind keine hirnlosen Schläger, die aufeinander losprügeln, sondern gebildete Männer.

Von Lenz Jacobsen, Köln

Knapp 30 Minuten dauert es, bis endlich Blut fließt. Es strömt aus einer Platzwunde auf der Stirn von Stefan Struve, rinnt ihm über das ganze Gesicht, über den mächtigen Oberkörper. Immer wieder schlägt sein Gegner Denis Stojnic zu. Ein tiefes, beeindrucktes Raunen geht durch das Publikum. Der Ringrichter trennt die beiden kurz, ein Arzt kontrolliert Struves Wunde, nur halb so schlimm, und schon geht es weiter, prasseln die Fäuste wieder auf Nasenbeine und Schädel. Die Zuschauer johlen.

Ultimate Fighting nennt sich dieses ultra-brutale Spektakel, und das hier ist die Deutschland-Premiere. Knapp 13.000 Menschen sind in die Kölner Lanxess Arena gekommen, um zuzusehen, wie meist kahl rasierte junge Männer sich in einem achteckigen Käfig und quasi ohne jeglichen Körperschutz prügeln.

Königsdisziplin oder Brutalo-Event?

Was für die Fans die Königsdisziplin des Kampfsports ist, ist für ihre Gegner einfach nur "ekelhaft", ein "Brutalo-Event", bei dem "die niedrigsten Instinkte eines Menschen ihren Tiefpunkt" erreichen. So erregten sich Politiker aller Lager im Vorfeld. Der Kölner Stadtrat wollte die Veranstaltung verhindern, selbst der Sponsor der Halle, der Chemiekonzern Lanxess, war nicht wirklich glücklich damit, dass sich unter seinem Logo junge Männer in die Bewusstlosigkeit prügeln sollten. Veranstalter-Legende Marek Lieberberg verteidigte sein Projekt, sprach von "lautstarken Diffamierungen" und "Unwahrheiten", kein anderer Kampfsport sei schließlich so stark reglementiert wie das Ultimate Fighting. Bis in die Tagesthemen schaffte es das Thema, wieder einmal erschauderte die Republik über die vermeintliche Gewaltlust ihrer Jungmänner.

Was passiert in Köln also wirklich? Stefan Struve hat den Kampf gedreht. In einer Ecke des achteckigen Käfigs hat er seinen Gegner auf den Bauch geworfen, von hinten würgt er ihn mit seinen mächtigen Armen. Der Ringrichter beendet den Kampf, Struve gewinnt doch noch.

Eine regel- und anstandslose Schlägerei ist Mixed Martial Arts, wie der Kampfsport offiziell heißt, schon lange nicht mehr. 31 Regeln haben die Veranstalter aufgestellt, verboten sind unter anderem: Kopfstöße, Beißen, Tritte und Knieattacken auf den Kopf eines am Boden liegenden Gegner, Anspucken. Und Regel 29: Feigheit. Keinen einzigen Toten oder schwer Verletzten habe es in ihrer Geschichte gegeben, beteuern die Veranstalter von der UFC (Ultimate Fight Championship). Im Gegensatz zum brutalen Boxen sei ihr Sport hoch komplex und technisch anspruchsvoll, da die Kämpfer vom klassischen Ringen über Jiu-Jitsu und Kickboxen gleich mehrere Disziplinen beherrschen müssen. Nur allzu gerne sprechen sie von "Schach mit dem Körper", das klingt so schön akademisch.

Und ordentlich auf die Fresse

Doch von Schach wollen die Zuschauer nichts sehen. Wenn sich zwei Kontrahenten zu lange gegenseitig belauern oder ineinander verkeilen, dann werden sie bald ausgebuht. "Jetzt gebt euch mal endlich ordentlich auf die Fresse!", ruft ein Fan. Es sind fast nur junge Männer, die hier auf den Rängen stehen, sehr viele von ihnen selbst mit rasiertem Schädel und muskelbepackt. Zwischen 55 und 285 Euro haben sie für ihrer Karten bezahlt, und je taktischer die Duelle im Ring, desto ungeduldiger werden sie. Was sie wollen ist klar: Das Blut der Kämpfer, die Busen der Pausen-Girls und für sich selber ein neues Bier. Jugendlichen ist der Zutritt verboten, soviel haben die Veranstaltern ihren Kritikern dann doch zugestanden. Und das ist auch gut so. Wäre es doch, Minderjährigen virtuelle Gewalt in Computerspielen verbieten zu wollen, um ihnen die echte, wenn auch kontrollierte Gewalt von Ultimate Fighting zugänglich zu machen.

Über jeweils drei Mal fünf Minuten laufen die zwölf Kämpfe des abends, bei rund der Hälfte ist jedoch schon vorher Schluss. In den kurzen Pausen wischen Helfer das Blut vom Boden, dann geht's weiter. Es sind keine hirnlosen Schläger, die hier aufeinander losgehen, sondern gebildete Männer. Zum Beispiel Rich Franklin, einer der Stars der Szene, ein Exweltmeister. Er bestreitet heute Abend den Hauptkampf. Eigentlich ist der 34-Jährige Lehrer, jetzt hat er sogar noch ein Mathematik- und Englisch-Studium drangehängt.

In Köln bekommt er es mit Wanderlei Silva zu tun, ebenfalls ein ehemaliger Weltmeister. Die beiden treiben sich 15 Minuten durch den Ring, für den Laien ist nicht zu erkennen, wer in diesem rasanten Duell der Bessere ist. Mal kann Silva einige seiner mächtigen Schläge im Gesicht von Franklin landen, mal wirft Franklin seinen Gegner durch Hebelgriffe auf den harten Boden. Zwischendurch animieren sie das johlende Publikum. Wer in dieser Branche zu den ganz Großen gehören will, kommt mit Schach nicht weit, er muss vor allem eine große Show abliefern.

Eigentlich ist die Idee von Ultimate Fighting recht simpel: Man führt gerade so viele Regeln ein, dass es schon als Sport gelten kann, aber noch wie eine Straßenprügelei aussieht. Es muss gefährlich aussehen, nicht gefährlich sein.

Per Triumphmarsch aus der Halle

Es ist halb zwölf, als der Ringrichter Rich Franklin zum Sieger nach Punkten erklärt. Der Amerikaner reckt seine Fäuste in die Luft, umarmt seinen Gegner noch einmal, dann läuft er im Triumphmarsch aus der Halle, klatscht die Zuschauer ab. Einer der Fans bekommt dabei einen kleinen Sprenkler Blut auf die Hand, er lässt ihn von seiner Freundin fotografieren, wie eine Trophäe.

Dann strömen die Massen aus der Halle, mit Adrenalin vollgepumpt. Hier und da gibt es kleinere Pöbeleien und Rangeleien, nicht wenige von ihnen würde jetzt wohl selbst gerne in den Käfig steigen.

Währenddessen sitzt Dana White, der Chef der UFC, in den Katakomben und wird gefragt, ob er von dem Proteststurm in Deutschland überrascht gewesen sei, und wie es nun weitergeht. Da lächelt er nur: "Wissen sie, man muss das den Leute erst beibringen, was wir machen, das dauert ein bisschen." Dann fährt er sich mit der Hand über den kahlrasierten Kopf und sagt: "Wir werden wiederkommen, das ist sicher."

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