US Open Agassis tränenreicher Abschied


Am Ende siegten die Schmerzen: Zwei Jahrzehnte nach seinem erstem Auftritt bei den US Open musste sich Andre Agassi in Runde 3 dem deutschen Newcomer Benjamin Becker geschlagen geben. Mit Tränen in den Augen ging er vom Platz - das Ende einer ganz großen Karriere.

Ausgerechnet ein deutscher Außenseiter namens Becker hat den schwer angeschlagenen Andre Agassi in den verdienten Tennis-Ruhestand geschickt und mit seinem bisher größten Coup eine ganz große Karriere beendet. Zwei Jahrzehnte nach Agassis erstem Auftritt bei den US Open gewann der 25-jährige Saarländer Benjamin Becker am Sonntag in New York 7:5, 6:7 (4:7), 6:4, 7:5 und brachte sein großes Gegenüber zum Weinen.

Agassi versagte zunächst die tränenerstickte Stimme, als er sich an die fast 24.000 Zuschauer im Arthur-Ashe-Stadion wandte: "Die Anzeigetafel sagt: Ich habe verloren. Was sie nicht sagt, ist die Loyalität und die Großzügigkeit, die ich auf dem Platz gefühlt habe. Ich habe eine Inspiration gefunden. Ihr habt mir Eure Schulter zum Anlehnen gegeben, auch als ich ganz unten war", sagte Agassi. "Ich habe Euch während der vergangenen 21 Jahre gefunden und werde die Erinnerung an Euch für immer behalten."

Ovationen zum Abschied

Der 36-jährige Agassi wurde nach 1144 Profimatches mit Ovationen verabschiedet. Der Ehemann der zuschauenden Steffi Graf holte acht Grand-Slam-Titel, 60 Turniersiege, drei Mal den Daviscup stand in 30 weiteren Finals - zuletzt vor einem Jahr bei den US Open, wo er Roger Federer unterlag. Wegen chronischer Rückenschmerzen konnte er in diesem Jahr nur wenig spielen und quälte sich auch gegen Becker.

Dieser applaudierte seinem Idol, das mit Tränen in den Augen zum letzten Mal Kusshände ins Publikum warf. "Das war wie ein Film für mich. Er war ein Idol, als ich aufgewachsen bin. Er ist einzigartig und ein Gentleman. Es war eine Ehre für mich, gegen ihn spielen zu dürfen. Er hat alles verdient, was er erreicht hat und wird im Leben sehr glücklich sein", sagte Becker. Er steht bei seinem zweiten Grand-Slam-Turnier erstmals im Achtelfinale und trifft dort am Montag entweder auf Ex-US-Open-Sieger Andy Roddick oder den Spanier Fernando Verdasco, dem er in Wimbledon knapp unterlegen war.

Mächtiger Aufschlag à la Becker

Wegen Dauerregens, den der tropische Wirbelsturm "Ernesto" mitgebracht hatte, war der Samstag komplett ins Wasser gefallen und Beckers Partie verschoben worden. Thomas Haas bekommt gar erst am Montag die Revanche gegen seinen letztjährigen Bezwinger Robby Ginepri aus den USA und müsste nur 24 Stunden später im Achtelfinale wieder auf den Platz, weil das Turnier bereits zum zweiten Mal während der ersten Woche lahm gelegt war.

Becker bestand nach der Rückkehr der Sonne nach Flushing Meadows früh seinen ersten Test im Arthur-Ashe-Stadion. Der mit nur vier Profisiegen ausgestattete Mettlacher, verglichen mit Agassis 870, hielt nach 0:40 und vier Breakbällen sein Service zum 2:1. Wie sein Namensvetter konnte er sich auf seinen mächtigen Aufschlag verlassen. "Er schlägt wie ein anderer Becker auf, den wir einst gesehen haben", lobte Ex-Star John McEnroe.

"Man will nicht, dass der Körper einen im Stich lässt"

Agassi konnte sich nach zwei harten Fünf-Satz-Matches nicht hundertprozentig bewegen und hatte sich vor Spielbeginn zufrieden über den zusätzlichen Tag Pause geäußert. Nach seiner Kortison-Injektion am Dienstag hatte sich der zweimalige US-Open-Sieger zuletzt entzündungshemmende Mittel spritzen lassen und versuchte, schnelle Punkte über den Aufschlag zu machen. Ausgerechnet beim ersten Satzball für Becker leistete er sich einen Doppelfehler.

Doch Becker ließ Agassi zurück ins Spiel. Er riskierte mitunter mehr als nötig gegen Agassi, der oft das Gesicht verzog und offenbar Schmerzen hatte. Im Tiebreak unterliefen Becker zwei Doppelfehler zum überflüssigen Ausgleich. Er ließ sich davon aber nicht erschüttern und schaffte im dritten Durchgang gleich zwei Breaks zum 3:0. Doch im vierten Satz wirkte der Qualifikant bei seinem sechsten Match in New York nicht mehr so frisch, hatte Glück, dass Agassi einen Satzball ins Aus setzte. Prompt nutzte Becker, der sich immer wieder mit seinem Aufschlag rettete, seine erste Breakchance zum 6:5. Wenig später verwandelte er mit seinem 27. Ass seinen ersten Matchball nach 3:03 Stunden Spielzeit zum Erfolg. Sein voraussichtlich nächster Gegner Roddick wurde einst von Beckers jetzigem Berater Tarik Benhabiles betreut und arbeitet nun mit Tennis-Idol Jimmy Connors zusammen.

Agassi schien sich im Verlauf der Partie zwar besser zu fühlen, sein Vater Mike hatte ihm aber geraten, nicht mehr gegen Becker anzutreten und seine Karriere sofort zu beenden. Die bald 50-jährige Martina Navratilova, die nach den US Open ebenfalls abtreten wird, äußerte Verständnis für Agassi: "Er will zu seinen Bedingungen aufhören. Man will nicht, dass der Körper einen im Stich lässt."

Robert Semmler/DPA DPA

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