US Sport Der ganz normale Frühjahrs-Wahn

In den USA beginnt am Donnerstag ein besonders männliches Ritual - das Basketball-College-Turnier des Jahres, zurecht auch "March Madness" genannt. Einschaltquoten explodieren, Testosteron geplagte Spätpubertäre drehen durch.
Von Helmut Werb, San Francisco

Nicht umsonst wird das Spektakel "March Madness" genannt, frei übersetzt "Der pure Wahnsinn im März". Während deutsche Männer sich auf die Suche nach dem Osterei machen, kleben Abermillionen amerikanischer Geschlechtsgenossen (und mehrere hundert amerikanischer Frauen) vor der Glotze, um dem NCAA College Basketball Tournament zuzuschauen. Ganze Heerscharen Testosteron-geplagter Spätpubertärer kaufen sich trotz anhaltender Kreditkrise riesige Flachbildfernseher, um vom kommenden Donnerstag an dem einzigen wahren Turnier im US-Sport zumindestens TV-mässig beizuwohnen. Soviel Sport auf einmal kennt der Rest der Welt nur von internationalen Fußballturnieren wie der WM oder der kommenden Europameisterschaft.

Amerikaner hingegen kennen das K.O.-System sonst nur aus mannschaftlich mehr oder weniger begrenzten Endspielserien wie bei der NFL, der NHL oder der NBA. Nicht einmal zur Superbowl werden jedoch die Gesamteinschaltquoten (und Verkaufszahlen von Fernsehgeräten) erreicht, wie beim Turnier der 64 besten College Basketball Mannschaften. In einer Talkshowrunde des renommierten Radiosenders NPR (National Public Radio) wurde männlichen Basketball-Fans gar zur Vasektomie geraten. Der Moderator Peter Sagal empfahl den Schnippelgang nicht etwa, damit sich Basketball-süchtige Alpha-Männchen während des Turniers der Zeugung enthalten, sondern wegen der zwei freien Krankheitstage, die den Geschnittenen nach der Prozedur zustehen, Tage, die nach vollbrachter Abtrennung zur Ballbeschau genutzt werden können. "Nächstes Jahr kann man dann den Vorgang rückgängig machen lassen", scherzte Mo Rocco, Zeitungs-Kolumnist und einer der Gäste Sagals, "Das geht dann immer im Jahresrhythmus!"

Was die Amerikaner so an die Glotze zwingt, ist ein einmaliges Schauspiel im US-Sport und ein geradezu unglaublicher Geldbringer für alle Beteiligten. Die 64 besten Mannschaften aus allen US-Staaten kämpfen um die Meisterschaft der NCAA (National Collegiate Athletic Association), dem Sportverband aller amerikanischer Universitäten und Colleges. Dabei werden die Teilnehmer des gigantischen Turnieres nur bedingt auf Grund ihrer bis dato erbrachten Leistungen ausgewählt. Ein Gremium zum Teil recht betagter NCAA Fachleute, bestehend aus Coaches, Administratoren und Sportlichen Leitern bestimmten vergangenen Sonntag - wie jedes Jahr -, welche Teams gegen wen antreten werden.

Da die Ergebnisse der vorhergegangenen Spiele nur schwer miteinander vergleichbar sind, immerhin wird an weit über eintausend Schulen Basketball gespielt, entscheidet letztendlich das Gremium über die Teilnehmer. Da kann es schon passieren, dass die Finalisten des letzten Jahres, Florida und Ohio State, dieses Jahr gar nicht antreten dürfen, weil ihre Leistung dieses Jahr als zu schwach eingestuft wurde. Und selbst die "powerhouses" der vergangenen Saisonen wie Arizona State, Illinois State oder Virgina Tech kommen diesmal nicht zum Zug. Dafür treffen bei den Auftaktspielen schon solch namhafte Gegner wie Kansas State und USC (University of Southern California) aufeinander. Bobby Gonzalez, Coach von Seton Hall und College Basketball-Fachmann der New York Times, nannte das hochkarätige Matchup "…ein made-for-TV Spiel wie es besser nicht geht".

Und darum geht es letztendlich.

Die US-Fernsehgesellschaft CBS, die die Spiele bis hin zum Endspiel am 7. April in San Antonio, Texas, überträgt, erwartet Rekordeinnahmen für die Finalspiele. Bierbrauer und Chips-Hersteller rüsten sich für einen Ansturm auf die Bestände, und überragende Spielertalente wie O.J. Mayo (USC) und Michäl Beasley (Kansas State University), Mario Chalmers (University of Kansas) und UCLA's Kevin Love erhoffen sich genügend Ruhm und Ehre, um in der NBA später einmal die dicken Schecks einfahren zu können. Dabei wird gleich von Anfang an hervorragender Sport geboten. Theoretisch kann jedes Team im K.O. System gewinnen, ob wohl die vier grossen Favoriten, UCLA, North Carolina, Kansas und Memphis, von den Buchmachern weit oben geführt werden. Fans hingegen erhoffen sich die traditionellen grossen Upsets gleich in den Auftaktspielen wie Clemson (auf Platz 5 gesetzt) gegen Villanova (Platz 12). Obwohl Cornell nur auf Platz 14 gesetzt ist, darf sich der Erstrundengegner Stanford (Platz 3) nicht sicher fühlen, denn das Team aus der Kleinstadt Ithaca im US-Bundesstaat New York ist Fachleuten (und das sind alle männlichen US-Bürger unter 90 Jahren) immer für eine Überraschung gut.

Da der Spielpan ausgesprochen hart wird - die Spiele folgen im Zwei/Drei-Tage-Rhythmus aufeinander - haben auch Teams eine Chance, deren Stärke mehr im Durchhalten als im talentierten Ballspiel besteht. Für Spannung ist also reichlich gesorgt während des verrückten Frühjahrsrituals.

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