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Weltmeister Florian Kehrmann: "Seit zwei Tagen kein Bier mehr"

Unsere Handball-Weltmeister sind wieder nüchtern. Nach einem Feier-Marathon beginnt für viele am Wochenende wieder der Bundesliga-Alltag. stern.de hat mit dem weltbesten Flügelspieler, Florian Kehrmann, über den WM-Rausch, TV-Auftritte und seine Leberwerte gesprochen.

Florian Kehrmann, ein paar Tage sind jetzt schon nach dem triumphalen Finale von Köln vergangen. Realisiert man langsam, was eigentlich passiert ist?

Ja schon. Und zwar von Tag zu Tag mehr, das kommt immer so in Schüben. Das ist auch genau richtig so, ich kann das auf diese Art und Weise auch viel besser verarbeiten... und genießen (lacht).

Was war denn bis jetzt das schönste Erlebnis nach dem Gewinn des WM-Titels? Es gab ja zig Anlässe und Ehrungen, ihr wurdet zudem ja auch schon durch zahlreiche TV-Shows "gereicht"...

Also die Stimmung während und nach dem Finale in der Kölnarena war schon faszinierend. Das habe ich in dieser Form noch nie erlebt. Dann der Empfang im Rathaus. Das muss man sich mal vorstellen: Da kommen mitten in der Nacht bei eisigen Temperaturen 30.000 Menschen und feiern uns. So etwas gab es im Handball-Sport doch nie. Oder einen Tag später in Wiehl: Im ganzen Ort wurde den Schulkindern extra freigegeben, um zu uns zum Hotel zu kommen, Wahnsinn! Und die Fernseh-Auftritte gehören irgendwie auch dazu. Wir wollten mit unserem Sport die Öffentlichkeit erreichen. Das haben wir jetzt geschafft. Das ist vielleicht die größte Errungenschaft dieser WM.

Die Fußballer haben während der WM gar nicht so viel von der Stimmung, die im Land herrschte, mitbekommen. Wie war das bei euch?

Also wir haben das sehr wohl bemerkt. Das fing ja schon bei uns im Hotel an. Da war immer die Hölle los. Auf dem Weg in die Hallen wurde unser Teambus ständig angehupt. Die Menschen haben uns überall zugejubelt. Diese Stimmung im ganzen Land hat jeder von uns aufgesogen und in positive Energie umwandeln können. Auch deshalb sind wir Weltmeister.

Bei der WM gab es sicher spielstärkere Mannschaften als das DHB-Team. Was ist denn das Erfolgsgeheimnis dieser verschworenen Truppe, die uns alle so begeistert hat?

Ganz sicher der Teamgeist, der bei uns herrscht. Das war bei früheren Turnieren aber auch schon immer so bei uns. Dieser Zusammenhalt bei großen Spielen macht uns stark. Dazu kam dann noch der Heimvorteil. Wie eben schon gesagt: Wir brauchen Emotionen von außen, aber eben auch von innen, um Leistung zu zeigen.

Welche Rolle spielt Heiner Brand im Mannschaftsgefüge? Ist er Teil des Teams, oder steht er als Trainer über den Dingen?

Heiner ist die wichtigste Person üßberhaupt. Sein größter Verdienst bei dieser WM war es, dass er es trotz der Rückschläge und Verletzungen im Vorfeld geschafft hat, eine Einheit zu formen.

Wie läuft so eine Kabinenabsprache bei Heiner Brand eigentlich ab? So wie bei Klinsi?

Also vor dem Endspiel gegen Polen hat er überhaupt nichts sagen müssen. Heiner hat uns vielmehr schon vor dem Spiel gratuliert, zu dem, was wir bis dahin schon geleistet hatten. Und ganz ehrlich: Vor einem WM-Finale im eigenen Land muss keiner mehr groß motiviert werden. Ansonsten findet der Coach immer genau die richtigen Worte. Er wird nie laut und behält immer einen kühlen Kopf. Das empfindet die Mannschaft als sehr angenehm.

Euer "Freund", der französische Trainer Onesta, hat nach dem Titelgewinn von "Deutscher-Handball-Mafia" gesprochen. Er fühlte sich nach dem Halbfinal-Aus von den Schiedsrichtern benachteiligt. Was sagen sie zu diesen Vorwürfen?

Da kann ich doch nur lachen. Das ist ganz schlechter Stil. Ich kann mir seine Äußerungen nur so erklären: Purer persönlicher Frust über die Niederlage.

Nochmal kurz ein Wort zum deutschen Publikum: Die Unterstützung der Fans in den Arenen war enorm, das war besser als in jedem Fußballstadion. Kann so eine euphorische und beinahe schon ekstatische Stimmung auch mal hemmen?

Also ich kann da nur für mich sprechen: Es gibt nichts Schöneres, als vor 20.000 Fans Handball zu spielen. Ich spüre da überhaupt keinen Druck. Das gilt übrigens auch, wenn man auswärts vor so einer Kulisse antreten muss. Ich empfinde das als Riesen-Spaß.

Jetzt tritt der Bundesliga-Alltag wieder ein. Keine Angst in ein tiefes WM-Loch zu fallen, so wie Schweini oder Poldi?

Ich kenn das schon von früheren Turnieren, nach denen einem die Umstellung auch zunächst nicht ganz einfach viel. Das ist alles eine Sache des Kopfes. Mittlerweile hab ich da kein Problem mehr mit. Im Gegenteil: Ich freu mich schon wahnsinnig auf die Fans in Lemgo. Da wird am Samstag richtig die Post abgehen.

Spätestens nach dem Gewinn der WM seid ihr alle echte Stars und auch Vorbilder für Kinder und Jugendliche. Wie finden sie das, wenn wie in der Kölnarena kreischende Teenager Schilder mit der Aufschrift "Florian, ich will ein Kind von Dir" in die Höhe halten?

(Lacht), Ach das muss man doch alles relativieren. Wir nehmen das alles nicht so ernst. Persönlich freut es mich natürlich, dass ich für manche Menschen jetzt ein Vorbild bin. Ich übe den Sport ja auch deshalb aus, um Kinder zu begeistern.

Letzte Frage Herr Kehrmann, was macht die Leber?

Och der geht's schon wieder besser (lacht). Ich hab jetzt seit zwei Tagen kein Bier mehr getrunken. Das ist doch was.

Interview: Klaus Bellstedt

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