Interview mit "Hexer" Thiel Keine Lust auf Klinsi-Gebrüll


Kaum einer ist näher dran an der Handball-Nationalmannschaft als Andreas "Hexer" Thiel. 24 Stunden vor Beginn der WM spricht der einstige Weltklasse-Keeper im stern.de-Interview über die Chancen des deutschen Teams, Parallelen zum Fußball und Kabinenansprachen des Bundestrainers.

Freitag beginnt die WM, aber laut einer aktuellen Umfrage wissen das nur 12 Prozent der Deutschen. Ist da was mit der Vermarktung schief gelaufen?

Nein, überhaupt nicht. Ich buche das mal unter der Rubrik "nur gute Nachrichten sind schlechte Nachrichten" ab. So funktioniert ja das Mediengeschäft. Wir haben 280.000 von 300.000 Tickets verkauft. Daran sieht man, dass die Nachfrage riesig ist. Diejenigen, die sich in Deutschland für Sport interessieren, wissen, dass die Handball-WM vor der Tür steht. Machen sie sich da mal keine Sorgen.

Die deutsche Mannschaft steht im eigenen Land gehörig unter Druck. Die Spiele sind ausverkauft, der WM-Titel wird von den Jungs erwartet. Trainer Heiner Brand hat gesagt, dass die Stimmung in den Hallen ein Problem sein könnte. Die Jungs könnten ihre Köpfe nicht freibekommen. Kann so eine WM emotional mehr belasten?

Eine WM im eigenen Land ist immer etwas Besonderes. Vor allem auch deshalb, weil die Erwartungshaltung an den Gastgeber beinhaltet, dass die eigene Mannschaft um die ersten Plätze mitspielen muss. Allerdings wird das Erreichen des Halbfinales kein Selbstläufer. Dass sich eine deutsche Handball-Nationalmannschaft bei der Gruppenauslosung für das Viertelfinale qualifizieren sollte, steht allerdings außer Frage. Was dann passiert, ist völlig offen.

Sie sind als einstiger deutscher Weltklasse-Keeper ganz nah dran am Team, haben vor allem die drei Torhüter selber eine Woche intensiv beobachtet und auf die WM vorbereitet. Beschreiben Sie doch kurz mal das Stimmungsbild.

Bis vor ein paar Wochen herrschte noch eine konzentrierte, lockere Stimmung vor. Das hat sich jetzt gewandelt. Sagen wir mal, zu 'gespannt-erwartungsvoll'. Langsam macht sich das Lampenfieber bei den Jungs bemerkbar. Und das ist auch gut, weil nur so das volle Leistungsvermögen abgerufen werden kann.

Das größte Problem des Teams war zuletzt die Verletzten-Misere. Kurz vor dem Start haben sich bis auf wenige Ausnahmen alle zurückgemeldet. Auch Florian Kehrmann ist wieder dabei, gerade erst genesen von einem Handbruch. Kommt die WM für unseren Super-Star nicht eigentlich viel zu früh?

Nein, gar nicht. Wenn sie Flügelspieler sind, sind sie von den einstudierten Abläufen des Rückraumes abhängig. Damit hat er gar nichts zu tun. Irgendwann kriegt er dann auf der Seite seine Wurfchance und wird die dann individuell lösen müssen. Dann ist es egal, ob die Hand noch ein wenig geschwollen ist oder nicht. Flo ist fit, er wird seine Tempogegenstöße bekommen und als Flügelspieler eine entscheidende Rolle bei dieser WM spielen.

Kehrmann, Hens, Zeitz, Baur, das sind alles Führungsspieler. Aber dann hört es auch schon bald auf. Wie wichtig ist diese Spezies für einen Trainer überhaupt?

Markus Baur kommt eine Schlüsselrolle zu. Er ist der Ideengeber und gleichzeitig der verlängerter Arm des Trainers. Er kann Situationen erkennen und die jungen Spieler führen. Zu viele Spieler seiner Klasse, Ausstrahlung und Wichtigkeit sind innerhalb eines Teams gar nicht so gut.

Sollte man eigentlich in der relativ leichten Vorrunde Spieler schonen?

Wieso eigentlich leicht? Argentinien müssen wir weghauen, aber Brasillien hat bis vor kurzem noch gute Ergebnisse erzielen können. Die sind nicht schlecht. Polen wird eine ganz harte Nuss. Also ich würde niemanden schonen. Das kann ganz schnell nach hinten losgehen.

Der Torwartposition kommt im Handball - genau wie im Fußball - eine entscheidende Bedeutung zu. Henning Fritz vom THW Kiel ist die deutsche Nummer eins. Im Verein saß Fritz zuletzt nicht einmal mehr auf der Bank. Kann das gut gehen?

Natürlich kann das gut gehen. Dass die Situation für Henning Fritz in den letzten Wochen und Monaten schwierig war, darüber muss man nicht diskutieren. Aber er scheint mir jetzt auf den Punkt voll da zu sein. Konditionell sowieso. Nun muss man sehen, ob auch die mentale Stärke zurückkommt. Die ist für einen überdurchschnittlichen Handball-Torwart wahnsinnig wichtig. Viel wird davon abhängen, wie er in das Turnier startet. Sollte er wider Erwarten nicht auf der Höhe sein, haben wir mit Bitter und Lichtlein übrigens zwei exzellente Keeper in der Hinterhand. Auf der Torwartposition müssen wir uns keine Sorgen machen.

Versuchen wir mal den Bogen hin zum Fußball zu schlagen. Gibt es eigentlich Gemeinsamkeiten zwischen Heiner Brand und Jürgen Klinsmann?

Gibt es auf jeden Fall. Heiner Brand scheut sich mittlerweile genauso wenig wie Jürgen Klinsmann, auf externe Fachleute zurückzugreifen. Damit meine ich nicht die Inanspruchnahme von Fitnesstrainern. Die sind bei Heiner Brand schon viel länger mit an Bord. Ich habe den WM-Film nicht gesehen, aber gehört, dass Klinsmanns Art der Motivation eher einfach-rustikal gewesen sein soll. So eine Art der Ansprache wäre bei uns nicht wirklich nützlich. Heiner Brand ist eher ruhiger und spricht eine mehr Vernunft geprägte Sprache.

Können Fußballer von Handballern etwas lernen?

Wir können uns wechselseitig etwas abschauen. Unsere Sportart ist geprägt von einer nahezu in jedem Spiel vorkommenden Nervenanspannung. Was Fußballer im Elfmeterschießen erleben, kommt bei uns regelmäßig vor. Jede Aktion kurz vor Schluss kann von Spiel entscheidender Bedeutung sein. Damit mussten Handballer schon immer leben. In dieser Intensität kommt das im Fußball nicht vor. Das geht also in Richtung Konzentration. Andersherum könnten Handballer im Umgang mit den Medien noch offener und professioneller sein. Das sind uns die Fußballer noch ein ganzes Stück voraus.

Nervt die Spieler eigentlich der ständige Vergleich mit der Fußball-WM?

Nein, eigentlich nicht. Das sind doch zwei völlig verschiedene Ereignisse. Wenn wir den Anspruch haben, am Sockel des Fußballs zu kratzen, dann ist das eine höchst unrealistische Vorgabe. Wir sind seit fünf sechs Jahren Spielsportart Nummer zwei, und mehr können wir auch nicht erreichen. Aber das ist auch völlig in Ordnung so.

Wann ist die WM für das deutsche Team ein Erfolg?

Wenn die Mannschaft das Halbfinale erreichen würde. Sollte man im Viertelfinale ausscheiden, kommt es auf das "wie" an. Intern würde man ein Ausscheiden im Viertelfinale vielleicht sogar als Erfolg werten. Extern sähe das sicher anders aus, da muss man realistisch sein.

Ihr Tipp, wer holt den Titel?

Zum engeren Favoritenkreis gehören Frankreich, Spanien, Kroatien, Dänemark, Deutschland und Tunesien als eine Art Geheimfavorit. Und natürlich die Russen, die muss man immer auf der Rechnung haben.

Interview: Klaus Bellstedt


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