Weltrekord von Usain Bolt Lauf in eine andere Welt


Usain Bolt ist bei der Leichtathletik-WM über 100 Meter regelrecht zu Gold geflogen. Er tat es auf so unglaubliche Weise, dass sich die Anwesenden die Augen rieben.
Von Klaus Bellstedt, Berlin

Usain Bolt befand sich längst mit Asafa Powell, seinem jamaikanischen Landsmann, auf der Ehrenrunde im auch am späten Abend noch stickig-heißen Berliner Olympiastadion, als sich die restlichen Mitstreiter dieses historischen 100-Meter-Weltmeisterschaftsendlaufs in der Auslaufzone verstört ansahen. Es schien so, als könnten sie nicht glauben, was da eben gerade passiert war - und was der Wundersprinter Usain Bolt, 22, mit ihnen angestellt hatte. In unfassbaren 9,58 Sekunden - und damit in neuer Weltrekordzeit - hatte Bruder Leichtfuß aus Jamaika die Kurzstreckenwelt auseinandergenommen - wie schon bei den Olympischen Spielen von Peking.

Wie dumme Jungen hatte Bolt seine Konkurrenten aussehen lassen. Doch das wollten die Geschlagenen sich partout nicht bieten lassen. So ging man also zum Gegenangriff über: Die 100-Meter-Statisten gratulierten, als sie schließlich ihre offenen Münder wieder geschlossen hatten, demonstrativ dem Zweitplatzierten und Titelverteidiger Tyson Gay, der mit 9,71 Sekunden immerhin einen neuen US-Landesrekord aufgestellt hatte. Sie taten dies, als wollten sie sagen: "Seht alle her, für uns ist Tyson der wahre Champ, der echte Weltmeister. Der Außerirdische da drüben ist außer Konkurrenz nur mitgelaufen." Tyson Gay selbst reagierte mit einer Kampfansage: "Ich habe ja gesagt, dass man eine 9,5 laufen kann", erklärte Gay, "aber auch ich habe noch Reserven." Die 200-Meter-Vorläufe sind schon am Dienstag, das Finale steigt am Donnerstag. Auch auf dieser Strecke hält Bolt mit 19,30 Sekunden den Weltrekord.

Der Außerirdische führte zur gleichen Zeit auf der anderen Seite der Laufbahn seinen x-ten Veits-Tanz auf - nur für die Kameras, nicht für die Fans. Bei den Zuschauern im Olympiastadion hatte sich nach diesem beinahe unwirklich anmutenden Sprint längst ein mulmiges Gefühl im Bauch eingestellt. Das hatten sie mit den Unterlegenen dieses Weltrekordlaufs vielleicht sogar gemeinsam.

Faszination und mulmiges Gefühl

Von den Rängen wurde Usain Bolt lediglich artig zuapplaudiert. Einzig die kleine jamaikanische Fraktion links neben dem Marathontor feierte tobend, ungehemmt und selig ihren Superstar. Das war verständlich - und doch auch naiv. Denn jeder, der sich dieses 100-Meter-Finale ohne ein flaues Gefühl im Bauch angesehen hat, muss als naiv gelten. Das lehrt schlicht die Doping-Vergangenheit aller früherer Sprintkönige von Ben Johnson über Linford Christie bis hin zu Tim Montogemery und Justin Gatlin.

Und trotzdem: Der Kampf um den Titel des schnellsten Mannes der Welt hat die Massen auch in Berlin wieder elektrisiert - Immer noch und trotz aller Bedenken. Usain Bolt hat die Menschen im merkwürdigerweise nicht ausverkauften Olympiastadion und die zig Millionen vor den Fernsehgeräten nicht enttäuscht. Er hat geliefert, er hat das groß angekündigte Spektakel wahr gemacht und eine Show geboten. Aber es war eine Freak-Show.

Der 22-jährige Jamaikaner hatte sich bereits vor dem Halbfinal-Start unsportlich aufgeführt, als er während der Namensvorstellung so tat, als sei die TV-Kamera ein Spiegel, in der er sich schminken dürfe. Und auch später, vor dem großen Endlauf, ließ Bolt den nötigen Respekt seinen Kontrahenten gegenüber vermissen. Wie ein Jugendlicher mit ADS-Syndrom zappelte der schlaksige Leichtathlet zwischen den Startblöcken umher und schlüpfte in die Rolle des Clowns.

Um Punkt 21.44 Uhr legte der Jamaikaner das Clownskostüm für exakt 9,58 Sekunden beiseite, um seinen eigenen Weltrekord von Peking in unerhörter Leichtigkeit zu pulverisieren. Bolt jubelte dieses Mal nicht vor dem Ziel, einer seiner Schuhe war auch nicht offen und dennoch war dieser Jahrhundertsieg von Berlin keiner, der sich gut anfühlte, weil er im Spannungsfeld zwischen Wirklichkeit und Illusion die Orientierung verloren hatte.


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