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Vorwürfe um Machtmissbrauch "Eine äußerst peinliche Episode": So blicken US-Medien auf das "Bild"-Beben bei Springer

Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender der Axel Springer SE
Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender der Axel Springer SE
© Britta Pedersen / DPA
Die Abberufung des "Bild"-Chefs Julian Reichelt nach erneuten Berichten über Machtmissbrauch beschäftigt auch US-Medien, will der Axel-Springer-Konzern dort doch groß aufschlagen. 

Sonntag erscheint ein "New YorkTimes"-Bericht über Springer und "Bild". Montag wird bekannt, dass "Bild"-Chef Julian Reichelt seinen Posten räumen muss. Dienstag teilt der Medienkonzern mit, dass ein wichtiger Deal in den USA abgeschlossen ist: Der Kauf der Mediengruppe Politico, und damit die größte Unternehmensübernahme der Firmengeschichte, ist endgültig unter Dach und Fach gebracht. Entsprechend aufmerksam wurden die Vorgänge im Berliner Medienhaus (der stern berichtete) auch von US-Medien verfolgt, die Konzern-Chef Mathias Döpfner vor großen Herausforderungen sehen. Ein Überblick.

"Bloomberg": Eine "äußerst peinliche Episode"

Der "Skandal um Axel Springer zeigt den Preis globaler Ambitionen", schlagzeilt etwa "Bloomberg". Das Netzwerk, spezialisiert auf Wirtschafts- und Finanzberichterstattung, erkennt in der Abberufung Reichelts einen Zusammenhang mit den "wachsenden internationalen Ambitionen" des Springer-Verlags: Bislang habe das Haus keine "klaren Richtlinien für Arbeitsbeziehungen" gehabt und den Umstand damit entschuldigt, dass dies auf die meisten deutschen Unternehmen zutreffe. Mit dem Kauf des US-Portals "Politico" könnte der Vergleich mit "lokalen Playern" nicht mehr als Maßstab gelten. Das Unternehmen werde "stärker daran arbeiten müssen, dass seine Kultur und Prozesse potenzielle Interessenkonflikte angemessen bewältigen kann."

Ohne die neuere Berichterstattung könnte Reichelt noch immer in seiner Führungsposition sein – eine "äußerst peinliche Episode", urteilt das Portal, die Fragen über das Urteil des Vorstands aufwerfe, ihn seit März trotz der Anschuldigungen zunächst im Amt gehalten zu haben. Nun müssten die Ambitionen von Matthias Döpfner, der einen Kulturwandel bei "Bild" anstoßen und neue Standards setzen will, auch mit ihm in die USA reisen. 

"Financial Times": Reichelts Verhalten wäre in den USA nicht so lange geduldet worden

Für die "Financial Times" wirft der Fall Reichelt ein Schlaglicht auf die Arbeitskultur bei Springer. Die Causa werfe "unangenehme Fragen zur Arbeitsweise eines der größten Verlage" auf, schreibt die Zeitung auch mit Verweis auf Textnachrichten, in denen Springer-Chef Mathias Döpfner den Ex-"Bild"-Chef als letzten und einzigen Journalisten in Deutschland bezeichnete, der noch mutig gegen den "neuen DDR-Obrigkeitsstaat" aufbegehre. Fast alle anderen seien zu "Propaganda Assistenten" geworden.

Döpfner sagte in einer Videobotschaft, dass es sich um eine private SMS gehandelt habe, aus der "aus dem Zusammenhang gerissen etwas zitiert" wurde und somit "Polemik, Ironie, Übertreibung" unterschlagen worden sei. "Die ganze Affäre ist Axel Springer sichtlich peinlich", so die "Financial Times", "zumal sie sich in den USA ausbreitet, einem Land, in dem Reichelts angebliches Fehlverhalten wahrscheinlich nicht so lange geduldet worden wäre." 

"Washington Post": Nur die Spitze des Eisbergs

In einem Gastbeitrag für die "Washington Post" kommentiert die Historikerin und Journalistin Katja Hoyer, warum sie der "neue Megaskandal wegen sexueller Belästigung überhaupt nicht überrascht" habe. Der Fall Reichelt sei "nur die Spitze des Eisbergs". In ihren Augen bestehe kein Zweifel: "Die deutsche Arbeitskultur steckt in der Vergangenheit fest." Die Vorwürfe und der Umgang zeichneten zwar das "Bild eines Unternehmens, in dem Mitarbeiter auf allen Ebenen sexualisierte Machtverhältnisse am Arbeitsplatz akzeptieren". Doch liege das Problem nicht allein bei Springer.

Als angehende Journalistin sei Hoyer von einer Karriereberaterin geraten worden, ihre Berufswahl genau zu durchdenken – die Bezahlung sei in der Regel schlecht, habe die Beraterin gesagt, wohingegen große Medienunternehmen besser zahlen würden, wenn man "sich an die Parteilinie hält und sich nach oben schläft". Die Autorin untermauert ihre persönliche Erfahrung mit Statistiken, die Deutschland ein schlechtes Zeugnis im Umgang mit sexuellem Verhalten am Arbeitsplatz ausstellen.

"Ich hoffe, dass der Fall Reichelt dazu dienen wird, eine breitere Debatte über die Frauenerwerbstätigkeit in Deutschland anzustoßen", schreibt Hoyer, "und nicht als Ausnahme abgetan zu werden." Deutschland habe großen Nachholbedarf, wenn es um die Geschlechterverhältnisse am Arbeitsplatz gehe.

fs / mit Material der Nachrichtenagentur DPA

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