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Unterschiede zwischen Milieus: "Ins Restaurant? Wir haben noch Essen zu Hause": acht Dinge, die man als Arbeiterkind erlebt

Kinder, deren Eltern nicht studiert haben, wachsen oft in einer ganz anderen Lebensrealität auf als in Akademikerfamilien. Das lässt sich auch noch viele Jahre später feststellen.

Junge isst ein Butterbrot

Warum ins Restaurant gehen, wenn es zu Hause noch Butterbrot gibt?

Getty Images

Noch immer macht es für den Bildungsweg einen großen Unterschied, ob jemand aus einer Arbeiter- oder einer Akademikerfamilie stammt. Auch wenn die soziale Mobilität in den vergangenen Jahrzehnten immer größer geworden ist, der Lebensweg also immer weniger durch Herkunft und Sozialisierung bestimmt ist, sprechen die Zahlen eine deutliche Sprache. Kinder, deren Eltern studiert haben, gehen laut Hochschulbildungsreport in 74 Prozent der Fälle ebenfalls an die Uni. Von den Kindern aus Nicht-Akademikerhaushalten beginnen nur etwa 20 Prozent ein Studium. Selbst von den Arbeiterkindern, die die erforderlichen Qualifikationen besitzen, studieren nur 67 Prozent.

Doch nicht nur in der formalen Bildung machen sich die Unterschiede bemerkbar. Die sogenannten habituellen Unterschiede sind womöglich sogar noch größer – auch wenn sie sich nicht in Zahlen ausdrücken lassen. Damit sind Unterschiede im Verhalten gemeint, in den Angewohnheiten und den Dingen, die in einem gewissen Umfeld als "normal" gelten. Und diese lassen sich meist nur schwer überbrücken, oft bleiben sie ein ganzes Leben lang.

Wir haben acht Dinge gesammelt, die für die meisten Arbeiterkinder zum Leben dazugehören – und die ihnen oft erst beim Kontakt mit Menschen aus anderen Milieus bewusst werden.

Natürlich treffen nicht alle Beobachtungen auf alle zu und zum Glück sind die Grenzen zwischen den Milieus auch nicht mehr so scharf gezogen wie noch vor einigen Jahrzehnten. Und auch wenn vieles zunächst nach einem vermeintlichen Nachteil aussieht, birgt das Aufwachsen als Arbeiterkind auch viele Vorteile: Arbeiterkinder wissen, dass Wohlstand keine Selbstverständlichkeit ist, sie lernen früh, selbstständig zu sein, sind sich später ihrer Privilegien bewusster und sie wissen zu schätzen, wie hart ihre Eltern dafür gearbeitet haben, ihnen auch unter manchmal schwierigen Umständen ein gutes Leben zu ermöglichen.

1. Viel Fernsehen, weniger Bücher

Viele Arbeiterkinder haben in ihrer Kindheit und Jugend viel Zeit vor dem Fernseher verbracht – und das auch nicht unbedingt mit der "Tagesschau". Das muss nichts Schlimmes sein, es zeigt aber auch, was in Haushalten ohne akademische Bildung eben nicht an der Tagesordnung ist. Im Bücherregal stehen dort ein paar Schmalzromane, wenn überhaupt. Wenn du lesen wolltest, gingst du in die Stadtbücherei – Bücher werden nicht gekauft. Ins Kino geht es alle Jubeljahre mal, Theater ist was für Studierte. An Reiten oder Musikunterricht war nicht zu denken. Und Zeitung? Zu teuer. Wer hätte die auch gelesen? Und wann?

2. Deine Eltern waren Handwerker, Friseur und Restaurant in einem

"Selbst ist der Mann – und die Frau" – das war das Motto bei euch zu Hause. Beziehungsweise war das eigentlich so selbstverständlich, dass es gar nicht erst formuliert werden musste. Für Dienstleistungen Geld auszugeben, die man auch selbst erledigen könnte, war deinen Eltern vollkommen fremd. Und so war es eben klar, dass Papa die Reparaturarbeiten im Haushalt ausführte und Mama den Kindern die Haare schnitt. An deiner Familie gab es für Handwerksbetriebe und Friseure nichts zu verdienen. Und Restaurantbesuche gab es schon gar nicht. "Das können wir auch selbst machen", sagte Mama dann. "Oder: Wir haben noch Essen zu Hause." 

3. Restaurants sind fremdes Gebiet

Überhaupt, Restaurants. Das größte Kompliment, dass deine Eltern einem Lokal machen konnten, war schon immer: "Sind alle satt geworden." Deshalb gab es auch immer was vom Dönerladen oder aus der Imbissbude, vielleicht auch mal vom Pizzalieferanten – oder von einer Fast-Food-Kette. Die ersten Besuche in klassischen Restaurants sind deshalb Drahtseilakte. Wie schmeckt der Wein? Ist halt Wein. Kostet es was, wenn ich was von dem Brot esse? Wie viel Trinkgeld gibt man? Wie geht das mit den Servietten? Warum kenne ich nur jedes zweite Gericht auf der Speisekarte? Und wann zur Hölle benutzt man welches Besteck? Auch Service in Anspruch zu nehmen, geschweige denn, dich zu beschweren, findest du immer noch irgendwie unangenehm.

Kellner

4. Du bist in vielen Dingen ein Spätzünder

Es gibt viele Dinge, die in deiner Familie einfach nicht gemacht wurden. Später, als du auch Menschen aus anderen Milieus, größere Städte und andere Lebensstile kennenlerntest, hast du aufgeholt – und oft fühltest du dich seltsam dabei, Dinge zum ersten Mal und mit der entsprechenden Unsicherheit zu tun, die für andere normal sind. Taxi fahren zum Beispiel. Oder in einem Hotel übernachten. Über Essen reden. So richtig wohl fühlst du dich dabei immer noch nicht.

5. Du bist immer noch ein eiserner Sparer

Arm wart ihr nicht, aber viel Geld gab es eben auch nicht – und deshalb wurde bei euch in der Familie sehr darauf geachtet, nicht mehr als nötig auszugeben. Keine überteuerten Markenprodukte, stattdessen Preise vergleichen. Das hast du beibehalten, auch wenn es um deine Finanzen mittlerweile vielleicht deutlich besser bestellt ist: Du würdest nie in ein Supermarktregal greifen, ohne zu schauen, was ein Produkt kostet. Du bist immer auf der Suche nach der günstigsten Reisemöglichkeit. Preis kommt für dich meist vor Komfort – auch wenn dir das möglicherweise gar nicht so bewusst ist.

6. Die Uni musstest du dir selbst erobern

Was waren deine Eltern stolz, als du es tatsächlich auf die Universität geschafft hattest! Für dich eröffnete sich eine neue Welt – eine, in der du viele Begriffe erst einmal neu lernen musstest: Kommilitonen, Immatrikulation, Bafög, und warum kommen eigentlich alle immer eine Viertelstunde zu spät? Leider hattest du im Gegensatz zu den Arzt- und Anwaltskindern, die du an der Uni kennenlerntest und die manchmal aus einer ganz anderen Welt zu kommen schienen, niemanden, der dir die Eigenheiten des Studiums erklären konnte. Aber das kanntest du ja schon: Als du dich für einen Studiengang entscheiden musstest, warst du auch auf dich gestellt.

7. Du hast kein Netzwerk

Vitamin B ist für dich eine Vitamingruppe mit acht Vitaminen – wenn du Biologie studierst. Beziehungen, die dich auf dem Arbeitsmarkt weiterbringen könnten, hast du als Arbeiterkind im Normalfall nicht. Deine Jobs findest du durch Bewerbungen, Praktika und harte, gute, schlecht bezahlte Arbeit. Staunend schaust du zu, wie deine Kommilitonen ihren Onkel bei einer angesehenen Kanzlei für ein Praktikum anhauen und deren Väter ihnen Stellen über Freunde in den Chefetagen irgendwelcher Unternehmen besorgen. Dein Vater hätte dir höchstens einen Ausbildungsplatz in einer Kfz-Werkstatt vermitteln können.

8. Gehaltsvorstellungen? Keine Ahnung.

Wenn du dann immerhin in Vorstellungsgesprächen sitzt, macht dir nicht die Frage nach den Stärken und Schwächen die größten Sorgen, sondern die nach dem Gehaltswunsch. Geld war für dich zwar immer ein Thema, aber nie hat dich jemand danach gefragt, wie viel du denn gerne hättest. Gemessen an dem, was du aus den Arbeitserfahrungen deiner Eltern kennst, gilt eher: Man nimmt das Geld, das man bekommt, und freut sich, wenn das reicht. Sich selbst ins Schaufenster zu stellen, seinen Wert auszuhandeln – dafür fehlt dir oft das Selbstbewusstsein.