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30 DAX-Unternehmen: Im Land des Lächelns

Während alle von Krise reden, legen die 30 DAX-Unternehmen das beste Jahr ihrer Geschichte hin: mit 62 Milliarden Euro Gewinn.

Genug gejammert, jetzt wird gejubelt. Über Deutschland und seine Wirtschaft. Traut sich ja sonst keiner. Eine Nation im Abstieg? Die Wirtschaft am Boden? Alles Quatsch. In Wahrheit wird in diesem Land Geld verdient wie nie zuvor. 2004, das Jahr der Hartz-IV-Proteste, ist ein Rekordjahr - zumindest für die größten deutschen Unternehmen. Gut 62 Milliarden Euro werden die 30 im Schwergewichte-Index Dax versammelten Firmen nach Schätzungen der Analysten von Thomson Financial am Jahresende eingefahren haben. Ein Feuerwerk der Gewinne: Bei Daimler-Chrysler geht es im Vergleich zu 2003 um 677 Prozent bergauf, die Versicherung Münchener Rück macht vor Steuern voraussichtlich 136 Prozent mehr Geld, bei ThyssenKrupp werden es 94 Prozent sein. Bei der Telekom gar 238 Prozent. Insgesamt stieg der Vorsteuer-Gewinn aller 30 Unternehmen um 112 Prozent. Ein Rekord mitten in der Krise: Seit Beginn der Dax-Notierung im Jahr 1988 haben die Großkonzerne noch nie so viel verdient.

BMW-Chef Helmut Panke schwärmt von "Höchstwerten bei Absatz, Umsatz und Gewinn". Telekom-Boss Kai-Uwe Ricke zahlt den Aktionären Milliarden an Dividenden und verkündet, das sei für die Zukunft "eine Mindesthöhe". Die Münchener Rück schraubt den Gewinn in Rekordhöhe, obwohl sie eine gute halbe Milliarde für Sturmschäden in den USA und der Karibik rausrücken muss. Kein Orkan, kein Hurrikan, nichts auf der Welt, so scheint es, kann die DaxKolosse umwerfen.

Die Erfolgsmeldungen klingen wie von einem anderen Stern. Deutschland - das ist doch das Land, aus dem die Arbeitsplätze verschwinden. Wo der Staat praktisch pleite ist, jede Gewerkschaft handzahm und die Zukunft düster. Aber das ist nicht die ganze Wahrheit. Die deutschen Großkonzerne stehen so gut da, dass sie sich kaum trauen, es laut zu sagen. Denn im Inland, wo sie einen immer kleineren Teil des Geschäfts machen, müssen sie weiter Kosten senken. Höhere Löhne zu fordern halten selbst Gewerkschafter für absurd. Höhere Renditen dagegen scheinen unbedingt erforderlich. "Eine Renditehysterie" beherrsche das Land, klagt die Verdi-Vizechefin Margret Mönig-Raane. Nicht die "Biestigkeit der Manager" sei schuld am grassierenden Kürzungswahn, sondern die Gier der Investoren, deren Macht stetig gestiegen sei.

Als der BASF-Vorstandsvorsitzende Jürgen Hambrecht die blendenden Zahlen für das letzte Geschäftsquartal vorlegte, warnte er zugleich: "Eine Restrukturierungspause können wir uns nicht leisten." Bei der Lufthansa, die nach einem Verlust 2003 einen satten Gewinn im laufenden Jahr machen wird, soll trotzdem eisern gespart werden - vor allem bei den Beschäftigten. "Wir werden keinen Stein liegen lassen", sagt Konzernchef Wolfgang Mayrhuber. Er sei zuversichtlich, all seine Sparziele zu erreichen.

Die Commerzbank streicht zum vierten Mal in Folge das Weihnachtsgeld. Zugleich lässt sie die Aktionäre aber nicht länger darben und schüttet wieder Dividende aus. Wie passt das zusammen? Rekordgewinne und Arbeitszeitverlängerung, Superdividenden und Lohnverzicht? Auch wenn es kein Trost ist: Alles ist relativ. Anderswo in der Welt streichen Investoren noch mehr ein - und Arbeiter noch weniger. Dirk Meisel, der Chef des Aktienhandels beim Bankhaus HSBC Trinkaus und Burkhardt, sagt mit Blick auf die Kapitalströme der Anleger: "Ich kann nicht nur auf mein Ergebnis gucken, sondern muss sehen, was die Konkurrenz verdient."

Fast alle großen Unternehmen hängen vom Wohlwollen der so genannten institutionellen Anleger ab, etwa der Pensions- und Investmentfonds. Die gehen mit dem vielen Geld ihrer Kundschaft dorthin, wo es sich am besten vermehrt. Wie groß die Macht der Investoren ist, zeigt ein Beispiel aus den Vereinigten Staaten: Die Pensionskasse Calpers brandmarkte 42 Firmen als Versager, denen man das Kapital entziehen müsse, wenn sie nichts änderten. Fünf Jahre später verdienten die Gerügten im Schnitt 40 Prozent besser als der Gesamtmarkt.

Auf den Zwang, höhere Gewinne auszuweisen, haben die deutschen Firmen reagiert: mit Kostensenkungen im Inland, aber auch mit der Verlagerung der Produktion an billigere Standorte. Der Dax war noch nie so wenig deutsch wie heute. Der typische Adidas-Mitarbeiter spricht nicht den fränkischen Dialekt des Firmengründers Adi Dassler. 85 Prozent der Belegschaft des Vorzeigeunternehmens arbeiten außerhalb Deutschlands. Der Vorstandsvorsitzende Herbert Hainer sagt: "Deutschland wird nicht untergehen. Aber es wird noch mehr leiden." Bei MAN, einer ebenso kraftstrotzenden Firma, will der künftige Chef Hakan Samuelsson die Lastwagenproduktion ausbauen. Aber: "Wir werden sicherlich kein neues Werk in Deutschland errichten." Sein scheidender Vorgänger Rudolf Rupprecht klagt, in Deutschland sei der "Faktor Arbeit für uns rund 20 Prozent zu teuer". Seine Konsequenz klingt martialisch. "Diesen Nachteil müssen wir eliminieren." Auch bei Siemens schaffen mehr als 60 Prozent der Mitarbeiter im Ausland, bei Continental ebenso, bei Henkel sind es 77. Und beim Medizintechnikhersteller Fresenius gar 94.

Das allein muss nicht schlecht für Deutschland sein. Im ziegelsteinschweren Gutachten zur Lage der deutschen Wirtschaft, das der Sachverständigenrat, die so genannten Fünf Weisen, vergangene Woche vorlegte, stehen hoffnungsfrohe Botschaften: Deutsche Unternehmen hätten in "den vergangenen Jahren ihre Wettbewerbsposition auf den internationalen Märkten verbessert". Die Dame und die vier Herren schreiben, es stimme schon, dass in deutschen Autos und Maschinen immer mehr Teile steckten, die in Niedriglohnländern produziert werden. Aber der Anstieg der Exporte wiege das mehr als auf. Unterm Strich bleibe ein Plus.

Die Wirtschaftsprofessoren wehren sich gegen den Glauben, dass die Deutschen den dämonischen Kräften der Globalisierung hilflos ausgeliefert seien. Das Gegenteil sei richtig. Die Gründe für die Wachstumsschwäche lägen im Inland, daher gebe es die "Möglichkeit, die Dinge aus eigener Kraft zum Besseren zu wenden". Also Sozial-, Steuer- und Bildungssystem zu reformieren. All die Dinge zu tun, über die in Deutschland seit vielen Monaten gestritten wird. Aber reicht das?

Ausgerechnet die Gewerkschafterin Mönig-Raane fordert mehr Mumm und weniger Kleinmut von den Unternehmern. "In Deutschland haben einmal 70 Prozent der Beschäftigten in der Landwirtschaft gearbeitet", sagt sie. Nicht der Strukturwandel und die Verlagerung von Arbeitsplätzen an sich seien das Problem - sondern der Mangel an Alternativen, an ganz neuen Jobs. Wenn man die Rekordbilanzen der Dax-Unternehmen liest, fällt tatsächlich eines auf: Die Gewinne steigen viel schneller als die Umsätze.

Es werden nicht mehr Geschäfte gemacht, sondern es bleibt mehr in der Kasse hängen. Das liegt an den allgegenwärtigen Sparprogrammen, aber auch daran, dass weniger für neue Produkte und Ideen ausgegeben wird. Seit 2001 wird hierzulande Jahr für Jahr weniger Geld in neue Produktionsanlagen gesteckt - in den USA, in Japan, selbst im Euro-Raum insgesamt steigen dagegen die Bruttoanlage-Investitionen. BASF-Chef Hambrecht spricht davon, bei Investitionen "auf Sichtweite" zu fahren. Dies sei keine Zeit für große Visionen. Die deutschen Unternehmen hätten sich entschieden, mit dem vorhandenen Kapitalstock profitabler zu werden, analysieren die Experten von Goldman Sachs. Das ist die Kehrseite der Rekordzahlen: Wachstum in Deutschland ist damit bislang nicht oder kaum verbunden.

Das haben auch manche Fondslenker erkannt. Sie ziehen zwar die Augenbrauen hoch, wenn die Vorstandsherren über langfristige Ziele sprechen. Denn die waren, wie es Rolf Drees von Union Investment nennt, "zu häufig eine Ausrede für schlechtes Management". Aber wer nur auf Sichtweite fährt, landet irgendwann in der Sackgasse. "Kostendisziplin bleibt ein wichtiges Thema", meint Aktienstratege Meisel, "die Fonds werden aber stärker darauf achten, dass neue Geschäfte angekurbelt werden."

Dabei scheint eines klar zu sein: Europa ist nicht mehr der Nabel der Welt, Deutschland erst recht nicht. "In Europa haben wir einen reifen Markt", sagt Meisel. "Das Wachstum liegt woanders." Und dort - in Asien, den USA und auch in Lateinamerika - verdienen deutsche Unternehmen einen immer größeren Teil ihres Geldes. Bei Giganten wie Siemens oder der BASF liegt der Auslandsanteil am Umsatz bereits bei nahezu 80 Prozent.

Das erfordert neue Strategien, um sich beispielsweise gegen Wechselkursrisiken abzusichern. So verlegen viele Unternehmen Fabriken in die Märkte, auf denen sie auch ihre Produkte verkaufen. Ein Autowerk in den USA - wo zum Beispiel die M-Klasse von Mercedes gebaut wird - ist die langfristigste Absicherung gegen einen kollabierenden Dollar. Wenn die US-Währung einknickt, sinken nicht nur, in Euro gerechnet, die Erlöse aus dem Verkauf der Autos, sondern auch die Kosten der US-Produktion. Solche Schutzmechanismen gegen die Wechselfälle der Weltwirtschaft sind überlebenswichtig; auch für den Erfolg in Deutschland. Denn, so die Fünf Weisen, die "einzigen Lebenszeichen gesamtwirtschaftlicher Dynamik" seien in den vergangenen Jahren vom Export ausgegangen. "Das Inlandsgeschäft ist nicht aus den Startlöchern gekommen", klagt, stellvertretend für viele, Siemens-Vorstand Joachim Neubürger.

Soll man nun jubeln oder jammern? Es stimmt, dass der Druck auf die Arbeitskosten in Deutschland bleiben wird, egal wie viel die Konzerne verdienen. Und dass die Reformen, insbesondere des Sozialstaats, fortgesetzt werden. Aber deshalb muss der Wohlstand in Deutschland nicht schwinden. Die Unternehmenszahlen zeigen: Im internationalen Wettbewerb behaupten sich die deutschen Konzerne. Sie müssen nun beweisen, dass sie mehr können als nur Kosten drücken. Sie brauchen neue Ideen, Produkte, Verfahren, Strategien. Kurz: qualifizierte Mitarbeiter.

Der Vorstandsvorsitzende eines Dax-Unternehmens verriet kürzlich in kleinem Kreis, dass er auch in Deutschland neue Stellen schaffen wolle. Laut sagen wollte er das nicht. Es wäre, so wie die Welt mittlerweile über den Standort D denkt, nicht gut für den Aktienkurs. Die Lage ist offenbar nicht verzweifelt, sondern schizophren.

von Stefan Schmitz

Mitarbeit: Frank Donovitz/Sebastian Ramspeck/Jan Boris Wintzenburg

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