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Angst vor Inflation: Wohin mit dem ganzen Geld?

Bankengarantien, milliardenschwere Konjunkturpakete, Bad Bank - wer soll das alles bezahlen? Die Angst vor ausufernden Staatsschulden und hoher Inflation hat unter den Bürgern massiv zugenommen. Doch tatsächlich werden die Preise erst einmal fallen. Auf absehbare Zeit ist die Inflationsgefahr gering.

Von Hubert Beyerle

Der nächste Winter könnte kalt werden. Denken Sie an Wollfäustlinge, einen daunengefütterten Mantel, Thermo-Unterwäsche für die Skiferien! Sind die Winterreifen noch in Ordnung? Ist auch schon genug Feuerholz für gemütliche Winterabende vor dem Kamin im Wohnzimmer da?

Der nächste Winter kommt bestimmt, und vielleicht wird er wirklich kalt. Aber mit Sicherheit vorhersagen kann man es nicht.

Ähnlich sieht dies auch mit Prognosen über die Inflation aus. Derzeit warnen viele vor steigenden Preisen in der Zukunft. Solche Aussagen kommen auffallend oft von zwei Berufsgruppen: Erstens von Politikern, wie Finanzminister Peer Steinbrück (SPD), die sich von Amts oder Partei wegen gegen neue Konjunkturprogramme sträuben - und von Vermögensverwaltern, die ihren Kunden Gold, Immobilien und ähnliche Produkte als "Inflationsschutz" andrehen wollen. Inflationswarner haben also meistens Hintergedanken. Trotzdem: Droht den Deutschen Inflation?

Bezahlen mit selbstgemachtem Geld

Die Argumente der Warner lauten folgendermaßen: Derzeit werfen Regierungen und Notenbanken in der ganzen Welt in noch nie da gewesenem Umfang mit Geld um sich. Allen voran die US-Notenbank Federal Reserve (Fed). Früher lenkte sie die Wirtschaft relativ moderat per Zinspolitik. Seit die Banken aber das billige Geld kaum noch annehmen, greift sie zu unkonventionellen Mitteln, vor allem zur so genannten "quantitativen Lockerung". Dabei kauft sie alle möglichen Wertpapiere, auch zweifelhafter Qualität auf, um die Banken davon zu befreien und ihnen frisches Geld zu geben.

Die Folge: Die Bilanz der Federal Reserve hat sich von 870 Milliarden Dollar vor der Krise auf heute über 2000 Milliarden Dollar mehr als verdoppelt, wie ihr Chef Ben Bernanke kürzlich bekannt gab. Waren früher in dieser Bilanz hauptsächlich erstklassige US-Staatsanleihen, befinden sich in ihr jetzt in großem Stil kurzfristige Titel und Unternehmensanleihen. Erst kürzlich kündigte die Fed an, noch einmal in Höhe von 1750 Milliarden Dollar hypothekenbesicherte Papiere und Anleihen von halbstaatlichen Instituten zu kaufen. Was dabei vielen so unheimlich ist: Es gibt keine Grenze, bis zu der die Notenbank solche Wertpapiere kaufen kann: Sie bezahlt ja mit dem von ihr selbst gemachten Zahlungsmittel.

Staatsverschuldung dürfte steigen

Neben den Notenbanken greifen auch die Regierungen ganz tief in die Schatulle. Weltweit geben sie vierstellige Milliarden-Euro-Beträge aus, etwa um Banken und Autobauer zu retten oder neue Straßen zu bauen. Die Staatsverschuldung wohl aller industrialisierten Länder dürfte deutlich steigen. Geldmenge und Staatschulden explodieren - führt das nicht zwangsläufig zu Inflation? Wie sollen die Regierungen ihre Schulden denn jemals wieder loswerden, wenn nicht durch "Weginflationieren"?

"Liquidität wieder vom Markt nehmen"

"Inflation ist immer ein monetäres Phänomen", hatte der einstige Vorzeigeökonom, Milton Friedman, einmal gesagt. Das heißt: Es ist zu viel Geld im Umlauf. Auch der Wert des Geldes regelt sich durch Angebot und Nachfrage. Haben die Menschen alle plötzlich doppelt so viel Geld in der Tasche, backen die Bäcker aber immer noch gleich viele Brötchen - nur verdoppeln sich die Preise der Brötchen.

Das stimmt grundsätzlich auch im Großen, darum besteht Konsens, dass die Notenbanken die von ihnen geschaffene Liquidität wieder abschöpfen müssen, wenn die Krise vorbei ist. Und das können sie auch. "Die Europäische Zentralbank kann innerhalb einer Woche die von ihr jetzt zusätzlich geschaffenen Liquidität wieder vom Markt nehmen", sagt Peter Bofinger, einer der Wirtschaftssachverständigen. Die Laufzeit der kurzfristigen Kredite der EZB an die Geschäftsbanken beträgt nur eine Woche.

Lesen Sie im zweiten Teil, warum die Deutschen Angst vor einer Hyperinflation haben und warum derzeit eine Deflation wahrscheinlicher ist.

Angst ein Missverständnis

Die Angst vor der Hyperinflation rührt bei vielen Menschen von einem großen Missverständnis her: Vom Glaube an Geld als Münze oder Geldschein, der, einmal in die Welt gesetzt dort bleibt, wie ein Virus, der aus dem Genlabor entfleucht ist. Doch tatsächlich ist Geld heutzutage zum größeren Teil Buchgeld. Banknoten machen nur den kleineren Teil aus. So wie die Notenbanken ihre Bilanz im vergangenen Jahr ausgeweitet haben, so können sie sie ohne weiteres auch wieder reduzieren.

Zum einen steckt viel Geld in kurzfristigen Papieren, die ohnehin automatisch nach maximal wenigen Monaten fällig werden. Zum anderen kann die US-Notenbank, wenn die Zeiten besser werden, die von ihr gekauften Papiere, wie hypothekenbesicherte Anleihen wieder verkaufen. Die Frage lautet dann zwar, ob sie genügend Käufer findet, aber das dürfte eine Frage des Preises sein, der sich bei verbesserter Wirtschaftslage auch wieder normalisiert. Drittens können die Notenbanken eigene Papiere ausgeben, um damit Geld aus dem Markt zu nehmen. "EZB und Fed haben genügend Möglichkeiten, ihre Bilanzen wieder zu reduzieren", folgern die Analysten der DZ-Bank.

Zentralbank muss Inflation bekämpfen

Wie sieht es mit den Staatsschulden aus? Sie dürften deutlich steigen. Tatsächlich warnte die Ratingagentur Moody's am Dienstag, alle jetzt ergriffenen unkonventionellen Aktionen und der "politische Hyperaktivismus" seien langfristig eine Gefahr für die Bonität de Regierungen. Dennoch gibt es keinen zwingenden Grund, dass Staatsschulden zu höherer Inflation führen müssen: "Einen Zusammenhang zwischen dem Anstieg der Staatsschulden und der Inflation lässt sich für die USA empirisch nicht zeigen", schreiben etwa die Analysten der DZ-Bank. "Höhere Staatsschulden führen nur dann zu steigendem Inflationsdruck, wenn die Zentralbanken das zulassen." Und das müssen sie nicht.

Aber wollen sie es auch nicht? "Sobald die Krise vorüber ist, werden die Zentralbanken wissen, was sie tun müssen", schreibt Dennis Snower, Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft. "Aber man stelle sich nur die Reaktionen vor, wenn sie es versuchten. Man wird ihnen vorwerfen, sie würden den Aufschwung abwürgen und Millionen Jobs gefährden." Es hängt also alles an der Unabhängigkeit und dem Willen der Zentralbank ab, die Inflation zu bekämpfen, wie es ihre Aufgabe ist. Mehr noch als die US-Notenbank hat die EZB bislang keinen Anlass zum Zweifel gegeben, dass sie es damit ernst meint.

Geringe Inflationsgefahr

Solange die Arbeitslosigkeit hoch ist und die Unternehmen ihre Kapazitäten nicht auslasten können, ist die Inflationsgefahr ohnehin gering. "Wir werden jetzt steigende Arbeitslosigkeit sehen, das wird den Druck auf die Löhne nach unten stark erhöhen", sagt Peter Bofinger. Damit entfällt der wichtigste Inflationsfaktor. Wann die Trendwende bei der Arbeitslosigkeit kommen wird, ist noch nicht im Entferntesten abzusehen. Wenn die Wirtschaft 2010 ihre Talsohle erreicht, könnte die Arbeitslosigkeit ihren Tiefpunkt 2011 erreicht haben - oder noch später. Zwischen dem bislang letzten Tief- und Höhepunkt bei der Arbeitslosigkeit lagen in Deutschland immerhin vier Jahre. Demnach kann es mit dem Schlimmsten noch bis 2012 dauern, denn der Anstieg hat gerade erst begonnen. Bis dahin dürfte Inflation in Deutschland kein Thema sein.

Auch danach ist die Gefahr gering, denn: "Die Schulden wegzuinflationieren kann nicht im Interesse der Regierungen sein, da das nur die bestehenden Schulden erleichtert. Neue Schulden würden noch viel teurer", so die DZ-Bank.

Große Angst vor Deflation

Zurzeit stehen die Zeichen ohnehin im Gegenteil auf Deflation. Die Inflationsraten fallen in dramatischem Tempo. In den USA war sie im März erstmals seit einem halben Jahrhundert sogar unter Null. Das könnte auch in Deutschland anstehen. "Die Deflationsgefahr ist in Deutschland für die nächsten Jahre deutlich höher als die Inflationsgefahr", warnt Bofinger. Viele Ökonomen haben vor dieser viel mehr Angst als vor der Inflation. Ihr gegenzusteuern gilt als sehr viel schwieriger. Die Japaner können ein Lied davon singen: Seit fast zwei Jahrzehnten leiden sie darunter - trotz Rekord-Staatsschulden in Höhe von 180 Prozent der Wirtschaftleistung.