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Banken: Weniger Bankfilialen vor Ort

Das Filialnetz etablierter Häuser soll ausgedünnt werden. Besonders Kunden am Land könnten dann von weniger Service und Vielfalt betroffen sein.

Die Bankfiliale um die Ecke ist so selbstverständlich wie der Bäcker oder Fleischer. Im Internet-Zeitalter sehen sich Banken und Sparkassen unter Druck: Online-Banking und Direktbanken zeigen, wie das Geldgeschäft der Zukunft aussehen könnte. Das Filialnetz der etablierten Häuser soll daher ausgedünnt werden, schätzen Experten. Die Konsequenzen für die Bankkunden sind nicht absehbar.

Droht das große Filialsterben?

Bis zu 20.000 Zweigstellen könnten in den kommenden zehn Jahren dem Wandel zum Opfer fallen, schätzt Frank Heintzeler, Präsident des Bundesverbandes deutscher Banken (BdB) in Berlin. Dies wäre - die Postbank nicht eingerechnet - jede zweite Bankfiliale in Deutschland.

Noch allerdings sind Prognosen über die Zukunft der deutschen Bankenlandschaft eine Rechnung mit vielen Unbekannten. Auch Fachleuten fällt es schwer, zu beurteilen, in welche Richtung der Trend geht. »Es spricht tatsächlich vieles dafür, dass sich die Zahl der Bankfilialen verringert«, sagt Peter Grieble, Finanzexperte der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg in Stuttgart. Auch Uwe Foullong von der Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen (HBV) in Düsseldorf hält die Ankündigung »leider für realistisch«. Nach Informationen der Gewerkschaft planen die Dresdner, die Deutsche und die Commerzbank schon in diesem Jahr die Schließung von 800 Filialen.

Genossenschaftsbanken und Sparkassen besonders betroffen

Die größten Einschnitte erwartet der BdB jedoch nicht bei seinen eigenen Mitgliedern: Schließungen seien vor allem bei den Sparkassen und den Volks- und Raiffeisenbanken zu erwarten. Dies hätte auch für viele Privatkunden Konsequenzen - 80 Prozent aller Bankfilialen in Deutschland entfallen auf Genossenschaftsbanken und Sparkassen.

Während der Deutsche Sparkassen- und Giroverband in Bonn Schließungspläne dementiert, kündigt der Bundesverband der Deutschen Volks- und Raiffeisenbanken (BVR) für die kommenden Jahre eine Welle von Fusionen an, die auch Auswirkungen auf die Zahl der Zweigstellen haben werde. In vielen Orten, in denen heute noch zwei Banken vertreten seien, »wird es in Zukunft nur noch eine Filiale geben«, sagt BVR-Pressesprecher Rolf Kiefer in Bonn. Einen »Rückzug aus der Fläche« schließen beide Bankverbände aus. Verbraucherschützer Peter Grieble hält diese Zusage für glaubwürdig, rechnet jedoch mit Konsequenzen anderer Art: »Kleine Zweigstellen werden nur noch ein Grundprogramm anbieten, große hingegen den vollen Service.«

Service am Lande wird leiden

Aus Verbrauchersicht spricht wenig für die Schließung von Filialen: Einer BdB-Umfrage zufolge wollen 90 Prozent der Deutschen nicht auf ihre Zweigstelle verzichten. Nur elf Prozent der Bankkunden nutzen demnach bereits die Möglichkeit des Online-Bankings. Aus Sicht der Gewerkschaft HBV könnte die Entwicklung dennoch dazu führen, dass Menschen, die auf dem Lande wohnen oder mit den neuen Techniken nicht vertraut sind, von Finanzdienstleistungen abgeschnitten werden. Statt Kosten senken zu wollen, sollten die Banken besser »ihre Präsenz vor Ort nutzen, um neue Geschäftsfelder zu erschließen«, sagt Foullong. Als Beispiele nennt er den Beratungsbedarf bei Erbschaften, in Fragen der Altervorsorge sowie die zunehmende Zahl von Existenzgründungen.

Beratung ist auch für den Wirtschaftswissenschaftler Udo Reifner das zentrale Argument, das für eine persönliche Betreuung der Kunden durch die Banken spricht: »Die Verbraucher erwarten nicht Banking, sondern Finanzdienstleistungen«, sagt der Direktor des unabhängigen Institutes für Finanzdienstleistungen (IFF) in Hamburg. In Zukunft werde der Zahlungsverkehr eine fast unbedeutende Leistung sein, die nicht zwangsläufig von Banken übernommen werden müsse. Das Bezahlen per Handy werfe bereits ein Schlaglicht auf diese Entwicklung.

Mit dem »Finacial Planner« skizziert Reifner zugleich einen neuen Berufsstand: unabhängige Finanzberater, die zwar wie Vertreter zum Kunden ins Haus kommen, anders als diese aber nicht nach Vertragsabschluss, sondern nach Arbeitsaufwand bezahlt werden und deshalb unabhängig von eigenen Interessen beraten könnten. Auch für Verbraucherschützer Peter Grieble müssen weniger Zweigstellen nicht automatisch weniger Service bedeuten: »Dies gilt allerdings nur, wenn die Banken andere Vertriebswege anbieten, also zum Kunden kommen, und die Qualität ihrer Beratung verbessern. Was bislang unter diesem Stichwort angeboten wird, hat den Namen Beratung oft nicht verdient.«