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Edzard Reuter zu Managergehältern: "Es gibt jede Menge Möglichkeiten, Einkünfte zu kaschieren"

Der ehemalige Daimler-Vorstandsvorsitzende plädiert für ein Ende der exzessiven Managergehälter. Durch Transparenz der Einkommen, Boni und Altersversorgungen. Das ermögliche öffentliche Kontrolle.

Herr Reuter, sind Sie noch SPD-Mitglied?
Ja, sicher.

In den Koalitionsverhandlungen forderte die SPD anfangs eine gesetzliche Deckelung der Spitzengehälter. Im Regierungsprogramm aber findet sich nur noch ein dürrer Satz - künftig entscheiden die Aktionäre statt des Aufsichtsrates über Managergehälter, also die Kapitalgeber. Ist das der richtige Weg, um Gehaltsexzesse einzudämmen?
Ich fürchte, dass das überhaupt nichts bringt. Die Aktionäre sollen wohl auf Basis eines Vorschlags entscheiden, den ihnen der Aufsichtsrat vorlegt - das läuft in der Regel genauso, wie es im Aufsichtsrat vorbesprochen wurde.

Es bleibt also alles, wie es ist?


Nein, man schwächt damit die Position der Arbeitnehmervertreter. Denn die sitzen im Aufsichtsrat, nicht aber in der Hauptversammlung.

Das kann Ihnen als SPD-Mitglied nicht gefallen.


Der Koalitionsvertrag ist ein Gesamtpaket, da gibt es gute und falsche Entscheidungen. Die Verlagerung der Gehälterdiskussion in die Hauptversammlung bringt jedenfalls keine ernsthafte Verbesserung.

Die Jusos in der Schweiz forderten, dass das Gehalt eines Managers höchstens zwölfmal so hoch sein darf wie der niedrigste Lohn eines Mitarbeiters im selben Unternehmen ...
... und scheiterten damit bei der Volksabstimmung. Ich bin überzeugt davon, dass eine gesetzliche Deckelung ohnehin nicht funktionieren kann.

Warum?


Es gibt jede Menge Möglichkeiten, Einkünfte zu kaschieren und zu verheimlichen.

Wie also kann exzessiven Managergehältern Einhalt geboten werden?


Der Gesetzgeber kann Dax-Unternehmen zwingen, Zahlungen an das Management öffentlich zu machen, und zwar umfassend.

Sie meinen nicht nur Gehälter, sondern auch Boni und Altersversorgung?


Selbstverständlich, das ganze Paket. Damit wäre die Möglichkeit gewährleistet, die Dotierung jeweils öffentlich zu hinterfragen.

Wie sollte das funktionieren - wenn es doch genug Hintertürchen gibt, die Zahlungen zu verschleiern?
Die Kontrolle ist letztlich eine Aufgabe von uns allen, der Öffentlichkeit, weil es um ein für die gesamte Gesellschaft wichtiges Thema geht.

Was kann öffentlicher Druck auf ein Unternehmen bewirken?


Nehmen wir das Beispiel Fair Trade. Als Kunde gewöhnen wir uns immer mehr daran, eine faire Produktion zu fordern. In diesem Kontext hieße das: Wenn es keine verlässliche Auskunft zu den Managergehältern gibt, kann der Kunde entscheiden, ob er das Produkt kauft. Es geht mir aber nicht nur um Kontrolle von außen, sondern auch um die Moral des jeweiligen Managements. Dessen Berufsauffassung kann ja wohl nicht lauten: Hauptsache, ich verdiene Geld, alles andere ist mir egal.

Sie gehen davon aus, dass es tatsächlich Führungskräfte gibt, die aus Gewissensgründen nur sieben statt 17 Millionen Euro Gehalt verlangen?


Davon bin ich überzeugt. Und da Sie von 17 Millionen sprechen - ich halte es für moralisch zweifelhaft, wenn jemand seine Arbeit in so einer Höhe dotieren lässt, weil ich die Bemessungsgrundlage nicht nachvollziehen kann. Darunter verstehe ich die Verantwortung für das Gedeihen des Unternehmens, für die Mitarbeiter und für die Öffentlichkeit.

Was aber, wenn der öffentliche Druck dazu führt, dass Führungskräfte ins Ausland abwandern?
Dieses Argument halte ich für einen Witz. Es steht kaum zu befürchten, dass die amerikanischen Unternehmen Schlange stehen, um das komplette deutsche Management abzuwerben.

Erklären Sie uns doch mal, was es für einen Unterschied für einen Manager macht, ob er sieben oder 17 Millionen verdient. Er kann diese Summen doch ohnehin nicht ausgeben, weil er siebzig Stunden pro Woche arbeitet.


Wenn jemand sagt, ich muss vielleicht schon nach drei Jahren ausscheiden, finde ich es legitim, ein Sicherheitspolster zu erwarten. Wir sollten nicht übersehen, dass siebzig Stunden härtester Arbeit nicht zum Lachen sind und auf die Gesundheit gehen können. Ich glaube allerdings nicht, dass es zum eigenen Glück beiträgt, zwanzig Wohnungen in aller Welt und eine Yacht in Florida zu besitzen. Oder seine Nachkommen durch eine große Erbschaft von der Last zu befreien, selbst arbeiten zu müssen.

Die Millionen haben offenbar noch eine andere Bedeutung - Potenzgehabe?


Das spielt sicher bei manchen eine Rolle. Aber es betrifft gewiss nicht die ganze Kaste. Ich glaube nicht, dass Herr Zetsche voller Neidgefühle auf Herrn Winterkorn herumläuft, weil der das Doppelte verdient.

Sie warnen davor, dass die Maßlosigkeit einiger Vorstände gefährlich für die Gesellschaft sei, warum?
Ich glaube nicht, dass es eine demokratische Gesellschaft auf Dauer ertragen kann, wenn sie durch Neidgefühle geprägt wird. Es geht uns zwar verdammt gut in Deutschland, aber es gibt allzu viele Menschen, die Sorge haben, wie sie ihre Familie ernähren, wie es im Alter aussieht. Zu sehen, dass Menschen im gleichen Unternehmen in übertriebener Form Geld verdienen, kann nicht nur für Neid-, sondern auch für Hassgefühle sorgen. Eine Gesellschaft braucht aber einen gewissen Grad an innerer Homogenität, um die großen Zukunftsprobleme zu bewältigen - konjunkturelle Krisen, vor allem aber die Gefahr von Arbeitslosigkeit und Armut. Wenn eine große Zahl von Menschen in Führungspositionen abhebt und sich als etwas Besseres vorkommt als die Mehrheit der Bevölkerung, dann wird es gefährlich.

Ist das asozial?
Ich würde eher sagen unsozial.

Hätten Sie sich als Daimler-Chef in die Karten schauen lassen?


Ich habe mein Einkommen nie verheimlicht. Allerdings waren die Dimensionen damals nicht vergleichbar mit denen von heute.

Nennen Sie Zahlen?


Einschließlich aller Bezüge aus anderen Tätigkeiten betrug mein gesamtes Einkommen maximal zwei Millionen jährlich. Mark, nicht Euro.

Nicht wenig, aber auch nicht besonders viel im Vergleich zu den heutigen Spitzengehältern. Sind zwei Millionen Euro heute angemessen?


Ja.

Ihr Nachfolger Dieter Zetsche sagte vor Kurzem, er käme auch mit einer Million klar. Sehen Sie Bereitschaft, wieder mehr Maß zu halten?


Ich kenne eine ganze Reihe von Vorständen, für die das kein Problem wäre.

Interview: Ingrid Eißele