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EU-Erweiterung: Chancen für Autobranche - Risiken für Arbeitsplätze

VW ist schon in Polen, in der Slowakischen und der Tschechischen Republik, Opel hat ebenso ein Werk in Polen wie MAN, DaimlerChrysler baut Segmente für Busse in der Tschechischen Republik und Audi produziert in Ungarn.

VW ist schon in Polen, in der Slowakischen und der Tschechischen Republik, Opel hat ebenso ein Werk in Polen wie MAN, DaimlerChrysler baut Segmente für Busse in der Tschechischen Republik. Audi produziert in Ungarn. Die wichtigsten deutschen Autohersteller haben die EU-Beitrittsländer längst entdeckt. Der Präsident des Verbandes der Automobilhersteller (VDA), Bernd Gottschalk, sagt: "In Osteuropa haben wir im Automobilgeschäft die EU-Erweiterung bereits vorweggenommen." Auf der einen Seite sieht die Branche einen stark wachsenden Markt, Experten wittern aber gerade für den Produktionsstandort Deutschland auch Risiken.

Vortrefflicher Exportmarkt

Nach Auffassung von Gottschalk bieten die Beitrittsländer "als Markt hervorragende neue Chancen." Schon 2003 machte der Verband ein erhebliches Marktwachstum in den Ost-Ländern aus. Mit 864.400 Autos stieg die Zahl der dort verkauften Autos im Vergleich zum Vorjahr um 12 Prozent. Gleichzeitig läuft der Markt in Deutschland seit Jahren zäh. Abgesehen von der Slowakischen Republik - dort schrumpfte der Markt um 12 Prozent auf 57.500 Einheiten - wurden die Vorjahreswerte überall übertroffen. Größter Markt ist Polen mit 358.400 Autos (plus 16 Prozent) gefolgt von Ungarn mit 210.000 neuen Fahrzeugen (plus 24 Prozent). Und dabei stieg der Absatz der deutschen Hersteller stärker als der Gesamtmarkt. Mit 370.000 Fahrzeugen legte der Absatz um 14 Prozent zu. Der Marktanteil stieg um 0,8 Punkte auf 42,8 Prozent.

Beitrittsländer könnten wichtiger werden

Autoexperte Professor Ferdinand Dudenhöffer hält das Geschäft in Osteuropa für sehr interessant: "Mittelfristig gehe ich davon aus, dass die Beitrittsländer zusammen mit Russland und der Ukraine nach China die zweitwichtigste Region werden." Grund sei vor allem, dass der Markt noch lange nicht so gesättigt sei, wie in Westeuropa. Während in Westeuropa auf 1.000 Einwohner etwa 800 Fahrzeuge kommen, sei diese Zahl in Osteuropa mit 200 Autos je 1.000 Einwohner deutlich geringer.

Analysten erkennen Potential der Ostmärkte

"Wird im kommenden Mai die Europäische Union Richtung Osten erweitert, wird das sicher nicht kurzfristig und schnell etwas in Bewegung setzen", sagt der Autoanalyst Christian Breitsprecher von der Deutschen Bank. "Da werden sich nicht plötzlich die großen Warenströme in Bewegung setzen." Das werde sicher eine Weile dauern. Aber auch er hält die Märkte der Beitrittsländer für "sehr spannend", im Volumen aber noch verhältnismäßig klein. Während 2004 in Westeuropa 14,5 Millionen Autos verkauft werden sollen, werden für Osteuropa 2,6 Millionen Autos erwartet - allerdings inklusive Russland.

Prima Abnehmer für Gebrauchtautos

Schon jetzt habe Osteuropa eine wichtige Funktion für den Automarkt in Deutschland und Westeuropa, sagt Tim Schuldt von der DZ Bank. "Viele Autos, die ansonsten auf unserem Gebrauchtwagenmarkt bleiben würden, gehen in diese Regionen." Deshalb sei die erwartete Entwicklung auch nur zum Teil mit der Dynamik in Spanien und Portugal vor vielen Jahren vergleichbar.

Zulieferer lagern Produktion aus

Dudenhöffer sieht aber auch eine Kehrseite der Medaille. Von den 1.300 deutschen Zulieferern sind inzwischen rund 500 mit Produktionsstandorten in Osteuropa. "Die werden dort weiter aufbauen. Schon jetzt hängen an den Produktionen dort 100.000 Arbeitsplätze. Und diese Jobs sind an Deutschland vorbeigelaufen." Deutschland habe sich über hohe Steuern und Lohnkosten aus der Produktion "schlichtweg herausgepreist". Deshalb müssten die Zulieferer in Deutschland wieder zur 40-Stunden-Woche übergehen, und das ohne Lohnausgleich.

Lohnunterschiede werden sich angleichen

Laut Schuldt werden allerdings die steuerlichen Vorteile, die in der Vergangenheit die Ansiedlung von Produktionen in Osteuropa besonders attraktiv machte, künftig wegfallen. "Gewisse steuerliche Haustarife" für bestimmte Firmen werden angesichts der klaren EU-weit geltenden Regelungen nicht mehr möglich sein. Auch VDA-Präsident Gottschalk geht davon aus, dass sich die Unterschiede bei den Löhnen im Laufe der Zeit verringern dürften.

Neue Hintertür für billige Reimporte?

Auf einem Umweg könnten die neuen Märkte sogar für die deutschen Hersteller zu einem neuen Ärgernis werden. Schon jetzt schlägt sich so mancher Autoproduzent mit den preiswerten Reimporte herum, die aus Frankreich und Belgien zurückkommen und hier die Listenpreise unter Druck setzen. Wenn die Unternehmen künftig ihre Autos in Osteuropa deutlich preiswerter als hier zu Lande anbieten sollten, um dort in den Markt zu kommen, könnte wie schon jetzt aus dem Westen künftig auch aus dem Osten ganze Lkw-Ladungen mit Neuwagen aus dem Osten zurück nach Deutschland rollen.

Hartwig von Saß / DPA