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Geldanlage in der Krise: Gute Beratung kostet Geld

Als oberster Verbraucherschützer weiß Gerd Billen, wie viel Sorgen sich die Deutschen in der Finanzkrise um ihr Geld machen. Niedrige Zinsen verunsichern Bankkunden zusätzlich. Im stern.de-Interview plädiert der Chef der Verbraucherzentralen für eine Finanzberatung abseits der Banken - auch wenn sie Geld kostet.

Der Ausbruch der Finanzkrise ist nun ein paar Monate her. Hat sich im Verkauf von Finanzprodukten etwas verändert?

Das Verhalten der Verbraucher hat sich stark verändert. Zertifikate und andere Produkte wurden viel weniger verkauft. Die Verbraucher reagieren mittlerweile mit einer großen Verunsicherung auf diese Produkte - zu Recht. Die Krise hat zu einem Umdenken bei den Verbrauchern geführt. Einzelne Banken und Sparkassen bieten auch weiterhin Fonds, Anleihen, Schuldverschreibungen und Zertifikate aller Art an. Aber aggressiv beworben werden diese nicht, das heißt nicht mehr.

Viele Kunden wurden falsch beraten und haben unnötig riskante Produkte gekauft. Wurden bei den Banken Lehren gezogen?

Im Moment merken die Finanzinstitute, dass viele Produkte einfach nicht mehr nachgefragt werden. Es ist noch zu früh für ein Fazit. Ob sie die richtigen Lehren aus der Finanzkrise ziehen, Maßnahmen des Anlegerschutzes unterstützen, Dokumentationspflichten und Beweiserleichterungen nicht blockieren und sich mehr als bisher an den Wünschen und Bedürfnissen ihrer Kunden orientieren, bleibt abzuwarten. Ich bin jedoch zuversichtlich, dass die Krise hier heilende Wirkung entfacht.

Wie ist die Rückmeldung der Verbraucher - kommen immer noch Beschwerden, weil die Menschen die angebotenen Finanzprodukte nicht verstehen?

Die Unsicherheit ist bei folgenden Personen groß: Zum einen bei den Kunden der Kaupthing Bank und Lehmann Brothers, die ihre Ersparnisse teilweise oder ganz verloren haben. Zum anderen sind es die Besitzer von Fonds. Viele Geldmarkt-, Aktien- und Indexfonds machen zum Jahresende ihre Abrechnung. Jetzt bekommen die Menschen ihre Auszüge und sehen, dass sich ihre Vermögen doch deutlich verringert haben. Sie beklagen sich über eine schlechte Betreuung durch die Banken. Der Verlust wird ihnen nicht erklärt. Die Geldinstitute wären gut beraten, wenn sie ihren Kunden auch in der Not beistehen - und sie nicht alleine stehen lassen. Selbst Riester-Fondssparpläne sind in den Krisenstrudel geraten.

Die Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner will die Banken stärker in die Pflicht nehmen, zum Beispiel durch Mindeststandards für Finanzberater. Was halten Sie davon?

Das halte ich für unabdingbar. Diejenigen, die beraten und Kredite, Versicherungen, Anlageprodukte verkaufen, müssen eine Qualifikation nachweisen, bevor sie auf die Verbraucher losgehen. Heute kann sich jeder Finanzberater nennen, das ist kein geschützter Titel. Das ist einer der wichtigen Punkte. Ein anderer: Es muss mehr Berater geben, die unabhängig von Provisionen beraten. Die nicht in erster Linie schauen, wie viel Provision sie mit dem Verkauf eines Finanzproduktes verdienen - sondern die ein wirkliches Interesse haben, für ihre Kunden die beste Wahl zu treffen.

Wie könnte so eine Beratung aussehen?

Gute Beratung kostet Geld. Es gibt Modelle, in denen die Verbraucher selbst für die Beratung zahlen - so wie ich den Steuerberater bezahle. In Deutschland denken viele Menschen noch: Bei der Bank bekomme ich das doch umsonst! Sie wissen nicht, dass das, was sie einer Bank oder Versicherung zahlen, ein Vielfaches dessen ist, was sie bei manchen Produkten für eine Beratung ausgeben müssen. Wo Bankberater drauf steht, muss auch Berater drin sein - und nicht Verkäufer. In Deutschland liegt der Anteil der Berater, die so arbeiten, unter zwei Prozent. In Großbritannien oder den USA sind es dagegen deutlich mehr.

Wahrscheinlich regelt das im Ausland der Markt: Das Angebot wird nachgefragt und so auch angeboten.

Das ist eher eine Frage von Regulationen und Erleichterungen. In Deutschland kann ich eine Beratung beispielsweise nicht von der Steuer absetzen. Es gibt ein Bündel von Gründen, die man aber alle beseitigen könnte. Die Verbraucherzentralen stellen bei den Beratungen fest: Wir müssen vielfach damit beginnen, mit den Verbrauchern erstmal die finanzielle Situation zu analysieren. Die Definition der Anlageziele und der Weg dahin sind dann erst der zweite Beratungsschritt.

Der Verbraucher trägt eine Mitschuld. Viele kennen die genauen Vor- und Nachteile ihres Flachbildschirms, wissen aber nicht, was für ein Finanzprodukt sie vor der Nase haben.

Viele beschäftigen sich ungern mit finanzieller Planung und blättern lieber mit großer Begeisterung und viel Spaß einen Versandkatalog durch oder bringen Stunden für die Auswahl von Textilien und Schuhen auf. Sie tun das aber nicht, wenn es um Altersvorsorge und vernünftigen Versicherungsschutz geht. Das ist nun mal so. Aber wenn man das weiß, kann sich die Beratung eben auch darauf einstellen.

Sie hatten die Umkehr der Beweislast gefordert. Künftig sollte die Bank beweisen, dass sie richtig beraten hat und nicht der Kunde, dass er falsch beraten wurde. Die Regierung wird das nun aber nicht machen. Ist sie vor der Banken-Lobby eingeknickt?

"Eingenickt" würde ich nicht sagen. Verbraucherschutzministerin Aigner kämpft an unserer Seite: Die Banken sollen endlich etwas tun, was sie bislang hartnäckig ablehnen. Die Banken-Lobby blockiert bereits die Forderung nach einer Dokumentationspflicht der Beratungsgespräche. Sie ist der Auffassung, dass es gut ist, wie es ist. Eine Umkehr der Beweislast wäre sehr gut für die Verbraucher. Dann müsste der Anlageberater beweisen, dass er alle wichtigen Informationen weitergegeben hat. Ein gutes Gesprächsprotokoll, welches unterschrieben und dem Verbraucher ausgehändigt wird, ist der erster unverzichtbare Schritt. Dann hätten die Verbraucher schwarz auf weiß in der Hand, welcher Finanzentscheidung sie aus welchen Gründen zugestimmt haben. Aber natürlich – die Verbraucher kann man nicht ihrer eigenen Verantwortung entledigen. Ich würde keine Produkte kaufen, die ich nicht verstehe.

Wie legen sie eigentlich selber ihr Geld an?

Ich habe drei Kinder, da war nie viel Luft, um Geld anzulegen. Eine Immobilienfinanzierung und ein wenig private Altersvorsorge. Das ist es im Wesentlichen.

Interview: Axel Hildebrand