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George Soros: "Tiefste Krise seit den 30er Jahren"

Mit Hedgefonds und Wetten auf Währungen hat er Milliarden verdient. Doch sieht sich George Soros lieber als Philosoph und Kritiker des Weltwirtschaftssystems. Im stern-Interview warnt er vor den Folgen der Finanzkrise, die vor allem den Immobilienmarkt erschüttert hat.

Herr Soros, wie fühlt man sich dieser Tage eigentlich als Spekulant?

Soros zögert, lacht schließlich: Es ist nicht immer einfach. Doch wenn man mich nach meinem Beruf fragt, antworte ich: Ja, ich bin Spekulant. Ich spekuliere im Bereich der Finanzen, aber auch im Bereich der Wohltätigkeit und der Philosophie. Und in diesem weiteren Sinne bin ich stolz darauf, ein Spekulant zu sein.

Die internationalen Finanzmärkte, auf denen Sie auch im vergangenen Jahr Milliarden verdienten, wurden von Bundespräsident Horst Köhler in einem Interview mit dem stern als "Monster" bezeichnet. Trifft Sie diese Kritik?

(zögert erneut) Darin liegt sicher ein Stück Wahrheit. Um es klar zu sagen: Ich bin ein Spekulant. Aber ich verteidige die momentane Spekulation nicht…

… wie sollen wir das verstehen?

Weil ich mich an die Regeln halte. Und weil ich seit Langem fordere, dass die Finanzmärkte besser kontrolliert werden sollen, etwa die Kriterien für die Kreditvergabe. Da hat Ihr Bundespräsident recht. Wir müssen den Kapitalismus endlich wieder besser regulieren. Sonst zerstört er sich irgendwann selbst, zerstören wir uns selbst.

Das scheint ja gerade zu passieren: An den Warenterminbörsen schießen die Preise für Öl und Grundnahrungsmittel in die Höhe. Bei uns scheint der Wohlstand bedroht, in den armen Ländern kommt es bereits zu Streiks, gar Aufständen. Treiben Spekulanten die Welt gerade in die nächste tiefe Krise?

Das stimmt nur zum Teil. Denn jede Spekulation ist ja auch in der Realität begründet. Bleiben wir etwa beim Öl - da gibt es auch eine Menge objektiver Gründe, die den Preis nach oben treiben.

Nämlich?

Angebot und Nachfrage. Viele Ölfelder sind alt, ihre Produktion geht zum Teil dramatisch zurück, etwa in Mexiko oder Saudi-Arabien, den Lieferanten des Westens. Dies verknappt das Angebot. Außerdem lassen viele Ölproduzenten ihre Reserven in der Erde liegen - in der sicheren Erwartung auf immer weiter steigende Preise. Dazu kommt die Nachfrage in Ländern wie China oder Indien. Und die steigenden Preise stabilisieren autoritäre, korrupte Regime wie etwa in Venezuela, im Iran oder in Russland. Es ist wie ein Fluch der Rohstoffe. Es ist regelrecht pervers.

Also sind Spekulanten in Wahrheit unschuldig?

Nein, natürlich nicht. Spekulanten bilden die Blase, die über allem liegt. Mit ihren Erwartungen, ihren Wetten auf die Zukunft treiben sie die Preise, und ihre Geschäfte verzerren die Preise, vor allem im Rohstoffbereich. Und das ist so, als ob man in einer Hungerkrise heimlich Lebensmittel hortete, um mit den steigenden Preisen Profite zu machen. Das dürfte so nicht möglich sein. Daher fordere ich, dass etwa den großen amerikanischen Pensionsfonds der Handel mit Rohstoffen verboten wird. Auch Hedgefonds sollten höhere Mindesteinsätze zahlen, wenn sie in Rohstoffmärkte investieren wollen. Der momentane Run auf Rohstoffe erinnert mich an eine ähnlich fixe Idee vor gut 20 Jahren. Damals waren alle verrückt nach sogenannten Portfolio-Versicherungen. Auch damals brachten Investoren den Markt aus dem Gleichgewicht. Es kam zum Exzess. Und endete im Aktiencrash von 1987.

Droht ein solcher großer Crash nicht auch jetzt?

Wir stecken inmitten der tiefsten Finanzkrise seit den 30er Jahren. Wir haben in der letzten Zeit ja schon erlebt, wie einige Blasen platzten. Etwa bei den Hightech- Aktien und jetzt am Immobilienmarkt. Hier ist die Krise bei Weitem noch nicht ausgestanden. Ich glaube, wir haben noch nicht einmal die Hälfte des Preisverfalls am Häusermarkt erlebt. Im kommenden Jahr werden über zwei Millionen Hausbesitzer zahlungsunfähig, weil sie ihre Kredite nicht mehr bedienen können. Es findet gerade eine gewaltige Vernichtung von Vermögen statt.

Sie sprechen sogar von einer "Superblase" …

… ja. Die bildete sich seit 1980, als die Ideologie des Marktfundamentalismus Fuß fasste.

Demnach sollten die Märkte sich selbst überlassen werden, staatliche Eingriffe wurden abgelehnt, Beschränkungen aufgehoben.

Alles sollte sich aus dem freien Spiel der ökonomischen Kräfte entwickeln. Das war übrigens gar keine amerikanische Erfindung. Es begann mit Margaret Thatcher in Großbritannien und wurde dann in den USA vom republikanischen Präsidenten Ronald Reagan vorangetrieben. Der sprach sogar von der "Magie des Marktes". Ausgerechnet dieser Mann wird heute wie ein Heiliger verklärt. Dabei kommt es auf den so gepriesenen Märkten immer wieder zu Exzessen, die man kaum noch kontrollieren kann. In den USA waren die Zinsen so niedrig, dass die Banken die Bürger ermunterten, sich immer mehr Geld zu leihen. Das ist schockierend, verantwortungslos. Allerdings konnte man bislang ja darauf hoffen, dass der Staat schon eingreifen würde, wenn es ganz schlimm kommt.

So wie vor einigen Monaten beim faktischen Zusammenbruch der US-Investmentbank Bear Sterns. Damals pumpte die Zentralbank Milliarden in das Bankensystem, um weitere Desaster zu verhindern.

Ja, so wird man quasi rausgehauen, freigekauft. Doch der vermeintliche Boom wird irgendwann zur Krise. Und genau das erleben wir gerade: das Ende eines Superbooms, das Scheitern einer falschen Ideologie. Wir erleben das Ende der Wohlfühlgesellschaft, das Ende einer Ära.

Wie krank ist Amerikas Wirtschaft wirklich?

Ich glaube, eine Rezession ist unvermeidlich. Die USA haben jahrelang das Geld der Weltwirtschaft quasi aufgesogen - denn der Dollar war die weltweite Leit- und Reservewährung. Wir haben uns von allen Geld geliehen, haben mehr konsumiert als produziert, sind hoch verschuldet. Doch jetzt wird der Dollar als Reservewährung immer unwichtiger. Die Preise steigen, Häuser- und Kreditkrise hängen wie ein Damoklesschwert über uns. Wir haben gar keinen Spielraum mehr. Und Europa macht es auch falsch: Dort werden aus Angst vor der Inflation die Zinsen erhöht. Das ist nicht klug. Die Rezession geht zwar von den USA aus, aber die Europäer sind dabei, diese Rezession zu importieren.

Ist dies die Hinterlassenschaft der Regierung Bush? Der nannte die Wirtschaftskrise einen "interessanten Moment" …

… ich kritisiere Bush ja wirklich für vieles, aber in diesem Bereich war er nur braver Schüler. Sein schreckliches Erbe ist vielmehr der sogenannte Krieg gegen den Terror. Der lieferte den Vorwand für den Krieg gegen den Irak. Bush unterminierte unsere Bürgerrechte und die Fundamente unserer Verfassung.

Sie behaupten, die USA seien das größte Hindernis für eine stabile und gerechte Weltordnung.

Ja, und am schlimmsten ist der Missbrauch des Wortes Demokratie durch Bush. Ich habe im Laufe meines mittlerweile recht langen Lebens die Hälfte meines Vermögens für die Förderung der Demokratie in der Welt ausgegeben …

Sie sollen mehrere Milliarden Dollar in Ihr Open Society Institute investiert haben …

… und ich habe dabei gelernt, dass Menschen selbst den Weg zur Demokratie finden müssen. Man kann ihnen bestenfalls dabei helfen. Aber man kann Demokratie nicht erzwingen. Bush hat die Prinzipien der Demokratie missbraucht. Das ist sein Erbe. Er ist ja nur noch wenige Monate im Amt. Auf welchen Nachfolger spekuliert George Soros? Wenn es nach Ihnen in Europa ginge, wäre die Wahl ja schon klar: Barack Obama.

Und, wäre es eine gute Wahl?

Ja. Denn Barack Obama ist eine außergewöhnliche Persönlichkeit. Er hat das Potenzial, Amerika wirklich zu verändern. Das zeigt sein Werdegang, sein Leben als Schwarzer in einer weißen Gesellschaft, sein Streben nach Versöhnung. Er hat die Substanz, die gewaltigen Probleme des Landes anzupacken. Denn am Wahltag wird die Menschen nur noch eines interessieren: ihr Arbeitsplatz, die Immobilienkrise. Es wird um die Wirtschaftslage gehen.

Viele bezweifeln, dass Amerika wirklich einen Schwarzen zum Präsidenten wählen würde.

Ich glaube, Amerika ist so weit. Und es wäre gut für die Welt. Denn Obama hat ein besseres Verständnis für die Welt, dafür, wie andere Menschen fühlen, wie sie leben. Und dieses Gefühl für den Rest der Welt braucht Amerika jetzt dringend. Außerdem haben die Republikaner ja vollkommen abgewirtschaftet.

Dennoch scheint Kriegsheld John McCain ziemlich gute Chancen zu haben.

Ich respektiere ihn, seine Geschichte. Doch der Mann ist ja quasi vorsintflutlich. Nein, er ist viel zu sehr in der Vergangenheit verwurzelt. Es wäre ja, als ob man Herbert Hoover wählen würde …

… das war 1929 und endete in der Großen Depression.

Ich habe keinen Zweifel, dass John McCain ein guter Mann ist. Aber er ist einfach der falsche Mann für unsere Zeit.

Interview: Katja Gloger / print