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Hartz IV: Glücklich mit einem Euro

Langzeitarbeitslose müssen künftig bereit sein, auch Müll zu sammeln oder am Bau zu helfen - eine Folge von Hartz IV. Wer sich weigert, bekommt weniger Hilfe vom Staat. Die ersten Billigjobber gibt es schon. Wie geht es ihnen?

Von Brigitte Zander

Arbeit in Deutschland im November 2004 sieht zum Beispiel so aus: In Weimar tritt der zum Fliesenleger umgeschulte Bergmann Peter Meißner, 38, jeden Werktag um 6.30 Uhr in der abgebrannten Anna Amalia Bibliothek an, um die angekohlten Bücher, Regale und Möbel zur späteren Restauration in Lagerräume zu schleppen. Sein Lohn: ein Euro die Stunde. Warum er das macht? "Weil ich jeden Euro brauche." In Mannheim hilft die alleinerziehende Mutter Iris Steininger, 35, im Second-Hand-Kaufhaus der Caritas morgens, wenn ihr Sohn im Kindergarten ist, beim Geschirrverkauf. Ihr Lohn: ein Euro die Stunde. Warum sie das macht? "Weil Alleinerziehende sowieso selten etwas zeitlich Passendes kriegen."

In Magdeburg führt der Elektroingenieur Mario Reinhard, 41, das Büro des Postsportvereins und hilft dort außerdem, den Fußballernachwuchs zu trainieren. Sein Lohn: 1,28 Euro die Stunde. Seine Motivation: "Fußball ist meine Welt." Drei Beispiele von jetzt schon Tausenden für ein neues Jobmodell, das eigentlich erst 2005 Arbeitslose aus der Hoffnungslosigkeit holen und an den regulären Arbeitsmarkt heranführen soll: der Ein-Euro-Job, der im Zuge von Hartz IV geschaffen worden ist. 600.000 solch gemeinnütziger Stellen verspricht Wirtschaftsminister Wolfgang Clement im kommenden Jahr. Geschaffen werden können sie nur von nicht kommerziellen Institutionen wie Kommunen, Wohlfahrtsverbänden oder Sportvereinen.

Viele Städte haben inzwischen mit der örtlichen Arbeitsagentur ein gemeinsames Jobcenter gegründet, das die "gemeinnützigen, zusätzlichen, zumutbaren" Jobs, wie es im Gesetz heißt, akquiriert. Exakte Zahlen gibt es nicht, doch nach Schätzungen werden schon jetzt rund 46.000 erwerbsfähige Langzeitarbeitslose zum Müllsammeln in Stadtparks, zum Vorlesen in Seniorenheime, zum Fahrradreparieren bei der Caritas geschickt.

Langfristig will Clement

jedem fünften Empfänger des neuen Arbeitslosengeldes II einen solchen, zeitlich befristeten Zusatzjob zur Aufbesserung der Stütze anbieten - 3,5 Milliarden Euro stehen dafür bereit. Bis zu 30 Wochenstunden lang dürfen die Euro-Arbeiter steuerfrei dazuverdienen. Der Nebeneffekt: Nach 15 Wochenstunden fallen sie aus der Arbeitslosenstatistik. Noch laufen diese "Arbeitsgelegenheiten mit Mehraufwandsentschädigung", wie sie korrekt heißen, auf freiwilliger Basis. Von 2005 an muss jeder solche Stellenangebote annehmen, sonst verliert er den Anspruch auf die Arbeitslosenunterstützung.

Die Ein-Euro-Jobs erhitzen seit ihrer Erfindung die Gemüter. Die Bundesregierung, Politiker von CDU und FDP, aber auch viele Ökonomen versprechen sich von der Pflichtmaßnahme, dass Arbeitslose eine neue Chance bekommen. Sogar Berlins Wirtschaftssenator Harald Wolf von der PDS sieht die staatliche Zwangsaktivierung "im Kern" positiv. Dagegen dominiert bei den Gewerkschaften und bei Berufsverbänden die Sorge, dass das "Lohndumping" steuerbringende Arbeitsplätze verdrängen könnte. Handwerkspräsident Dieter Philipp fürchtet "einen Drehtüreffekt wie bei ABM: teure Arbeitskräfte raus, billige rein". Auch Gärtnerinnungen, das Reinigungsgewerbe, der Einzelhandelsverband und die Deutschen Altenpfleger haben öffentlich diese Befürchtungen geäußert. Belege kann vorerst keiner bieten.

Solche Kritik erreicht Betroffene wie Ines Simke ohnehin nicht mehr. Die alleinerziehende Zootechnikerin aus dem brandenburgischen Strausberg, die drei fast erwachsene Kinder hat, ist "richtig dankbar für die Hartz-Initiative". Die 46-Jährige war nach der Wende zur Kauffrau umgeschult worden, doch alle Bewerbungen endeten mit Absagen. Nach einem ABM-Intervall in einer Töpferei saß sie zu Hause und schob Frust: "Wir Frauen in der DDR haben doch immer gearbeitet. Ohne Job fühlt man sich als unbrauchbar abgestempelt."

Seit dem Sommer hat Simke einen Ein-Euro-Job auf dem gemeinnützigen Kinderbauernhof "Roter Hof" in ihrem Wohnort, wo Berliner Großstadtgören lernen, wie man ein Lagerfeuer macht und Schweine füttert. Seit sie hier arbeitet, lebt sie auf. Sie fängt die Esel ein, backt Berge von Brot für die ganze Meute, und dass sie für all die Arbeit kaum Lohn erhält, sei erst einmal zweitrangig - wichtiger sei es, wieder "unter Menschen zu kommen". Sogar die Hoffnung, an eine "richtige Arbeit" zu kommen, ist zurückgekehrt.

Daran, ob das gelingt, wird letztlich der Erfolg der gesamten Arbeitsmarktreform gemessen werden. Simkes Betreuerin Kristina Zenker von der Beschäftigungsgesellschaft Steremat ist skeptisch. Im Märkischen Oderland liegt die Arbeitslosenquote bei 18 Prozent - Besserung ist nicht in Sicht. 80 Ein-Euro-Jobs hat Zenker bislang vermittelt, auf dem "Roten Hof", in Seniorentreffs und Altkleiderkammern. Interessenten gab es mehr als genug. "Meine Warteliste ist viel länger", sagt Zenker.

Nicht überall sind die Billigjobs so begehrt. Brigitte Zabel von der Arbeitsagentur Berlin-Süd, zuständig für Problembezirke wie Neukölln, wo fast jeder Vierte arbeitslos ist, tut sich schwer mit der Vermittlung. Seit Mitte September bietet sie ihrer Kundschaft 866 neue Hartz-IV-Jobs, zu 1,53 Euro die Stunde, "wie Sauerbier" an: Kulissen schieben in Laienspieltheatern, Laub fegen auf Friedhöfen, alte Schulbücher reparieren oder Schülern bei den Hausaufgaben helfen. Obwohl sie rund 2500 Arbeitslose anschrieb, konnte nur die Hälfte der Stellen besetzt werden.

Gemäss der Leitidee von Hartz IV - fördern und fordern - sollen die Euro-Jobber weiterqualifiziert werden. Jede Beschäftigungsgesellschaft, die die Billigkräfte anfordert, muss zu der gemeinnützigen Stelle auch ein Qualifizierungsprogramm für die Arbeitslosen auflegen. Auf die Friedhofsfeger etwa warten im Winter, wenn das Laub weg ist, betriebliche Praktika, PC-Schulung oder Bewerbungstraining - alles hilfreich, aber keine Garantie für den Wiedereinstieg, wie Angebote der Arbeitsagenturen seit langem zeigen.

Die Beschäftigungsgesellschaften gewinnen allemal. Sie bekommen für jeden Schützling rund 300 Euro "Regiekosten" monatlich für Betreuung, Qualifizierung und Arbeitskleidung. Auch Kommunalbeamte wie "Pro Aktiv"-Leiter Jörg Schepelmann im ostwestfälischen Herford sehen den Geldregen als "einmalige Chance, sich gezielter um unsere Problembürger zu kümmern und gleichzeitig tolle Projekte zu gestalten". Er will beispielsweise den verfallenen Güterbahnhof renovieren - ein Baudenkmal, für dessen Restaurierung der Stadt seit Jahren das Geld fehlt -, Graffiti abwaschen und mittellosen Bürgern beim Umzug helfen lassen.

Außerdem soll Herford, dank der Ein-Euro-Jobs, schöner werden. Schepelmann steckte einen Trupp Arbeitsloser in knallrote Monturen. Wer Grünflächen und Fußgängerzonen reinigt, bekommt rote Dreiräder, Müllrikschas genannt, samt Besen, Tonne und einem Staubsaugerschlauch für die Hundescheiße. Karl Keller präsentiert zufrieden seine Uniform, "weil man sich darin als Mitglied eines Teams fühlt". Der 57-Jährige mit dünnem Haarkranz und verschmitztem Grinsen unter dem Schnauzbart ist "glücklich, dass man mich aus der Arbeitslosigkeit rausgeholt hat". Jahrzehntelang war er als "Marktschreier" mit Wurst-und-Schinken-Verkaufswagen durchs Land gezogen. Gesundheitliche und private Probleme ruinierten das Geschäft. Irgendwann landete er als Alkoholiker "ganz unten, allein zu Hause, nur mit Glotze und Bierflasche". Keller lebt von der Sozialhilfe. Der Ein-Euro-Job bedeutet für ihn "eine Herausforderung, noch mal neu anzufangen".

Laut Gesetz können Sozialhilfeempfänger seit langem zu gemeinnützigen Tätigkeiten herangezogen werden. Herford hat diese Möglichkeit "als Vorlauf für Hartz IV", so Referatsleiter Schepelmann, in diesem Jahr getestet. Mit durchwachsenem Erfolg: "40 Prozent wollten partout nicht arbeiten. Die haben sich mit Stütze und Schwarzarbeit gut arrangiert." Weder gutes Zureden noch finanzielle Sanktionen bis hin zur totalen Streichung des Regelsatzes konnten daran etwas ändern. Auch in Mannheim, wo Barbara Kalker von der Wiedereingliederungsstelle der Caritas schon länger versucht, erwerbsfähige Sozialhilfeempfänger und Langzeitarbeitslose durch gemeinnützige Praktika wieder zu aktivieren, verabschiedeten sich viele lieber aus dem Sozialsystem, als für wenig Lohn zu arbeiten. "54 Prozent der Verpflichteten haben sich einfach abgemeldet", sagt Kalker. Mehrere angeschriebene Roma- und Sinti-Familien zogen aus dem Rhein-Neckar-Kreis weg.

Caritas-Frau Kalker sieht die Ein-Euro-Initiative als Anschubhilfe für Gestrandete, die aus eigener Kraft nicht mehr in die Gesellschaft zurückfinden: "Wer jahrelang in der Arbeitslosigkeit geschmort hat, hält regulären Dienst für etwas Bedrohliches." Viele müssten erst wieder an geregelte Arbeit herangeführt werden. Und so manchen muss man von zu Hause abholen. "Der bleibt am dritten Tag einfach weg, weil der Hund krank ist oder der Bauch wehtut", sagt Kalker.

Dirk Sussmann, Leiter der Qualifizierungsabteilung im Gelsenkirchener Rathaus, hat triste Erfahrungen besonders mit jungen Sozialhilfeempfängern gemacht, die nie das Berufsleben kennen gelernt haben. Er beschäftigt zurzeit 800 Euro-Jobber und sagt: "Wer schon im Sozialhilfemilieu aufgewachsen, durch die Schule und alle gängigen Hilfsprogramme gefallen ist, der braucht eine starke Hand." Tanja Oster ist so ein Fall. Die Jüngste von sieben Kindern einer Bergarbeiterfamilie hat erst die Realschule abgebrochen, dann "wegen der Hitze in der Riesenhalle" eine Bäckerlehre. Danach gammelte Tanja "einfach rum" und lebte von 296 Euro Sozialhilfe plus Mietzuschuss. Seit dem Sommer arbeitet die inzwischen 23-Jährige täglich an einem gemeinnützigen Stadtprojekt. Zusammen mit Gleichaltrigen renoviert sie ein historisches Fachwerkhaus, schleppt klaglos Zementsäcke und pflastert die Terrasse. Dabei fand Tanja überrascht heraus, dass Arbeiten an der frischen Luft Spaß macht. Nun will sie Landschaftsgärtnerin werden und bewirbt sich um einen Ausbildungsplatz im Ruhrgebiet.

Initiator Sussmann hofft sehnsüchtig, dass seine erfolgreich motivierten Zöglinge möglichst schnell eine Brücke zum ersten Arbeitsmarkt finden. Denn die Hartz-Aktion ist auf sechs bis neun Monate begrenzt. Wer keinen Anschluss findet, weil es einfach keine Stellen gibt, rutscht wieder ins gesellschaftliche Abseits. "Der wird wieder bei Beschäftigungsmaßnahmen wie ABM geparkt, bis zur Rente, oder kriminell", fürchtet Sussmann.

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