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ÖKOSTROM: Grün gewinnt

Nur die Aktien der Ökostrom-Produzenten machten nach der Bundestagswahl einen Freudensprung. Alternative Energie aus Sonne, Wind oder Wasser hat Konjunktur.

Aufrecht wie gigantische Soldaten in Reih und Glied stehen die 80 Windräder von Horns Rev im 15 Meter tiefen Nordseewasser. Tapfer strecken sie ihre Flügel in den Nordseewind - bereit, 24 Stunden am Tag für eine bessere Welt zu rotieren. Wenn der größte Offshore-Windpark der Welt, der zurzeit 14 Kilometer vor Dänemarks Küste entsteht, im November ans Netz geht, wird jede Anlage zwei Megawatt Strom liefern - ohne auch nur ein Gramm Treibhausgas zu produzieren. Makellose Power für über eine halbe Million Menschen. Das ist Weltrekord.

Noch drehen

sich die Rotoren nicht - da wird die Technik schon überflügelt. Denn 450 Kilometer weiter östlich, nahe Magdeburg, verankern Techniker der Auricher Firma Enercon im Boden ein wahres Ungetüm. Der Turm der E-112 - so heißt die neueste Windkraftanlage des größten deutschen Herstellers - reckt sich 135 Meter hoch in den Himmel. Die 52 Meter langen Rotorblätter überragen beim Drehen sogar den Kölner Dom. Mit 4,5 Megawatt Leistung kann die E-112 allein 15.000 Menschen mit Strom versorgen. Auch das ist Weltrekord.

So viel

Saft, so viel Kraft - davon kann Ingo de Buhr derzeit nur träumen. Der 36-Jährige zieht im völlig verqualmten Besprechungsraum seiner Leerer Firma Prokon Nord nervös an einer Zigarette. Der Ostfriese hat Großes vor, möchte die Champions von Horns Rev und Enercon ökologisch wie ökonomisch in den Windschatten stellen. 45 Kilometer vor der Küste Borkums will er in 30 Meter Wassertiefe 208 Windkrafträder verankern. Ende 2003, so sein Plan, wird der Pilotbetrieb der Windfarm starten, in acht Jahren wird sie Volllast fahren. Dann produziert »Borkum-West« mehr als 1.000 Megawatt Strom - genug für vier Millionen Haushalte.

Eine tolle

Vision - doch die Realität ist ernüchternd. Borkum-West zeigt exemplarisch, welchen Unwägbarkeiten innovative Energieprojekte in Deutschland unterliegen. Obwohl de Buhr als Erster von rund 30 Antragstellern eine staatliche Genehmigung für einen Offshore-Windpark erhalten hat, muss er seit Monaten durch die Institutionen tingeln. 52 »Träger öffentlicher Belange« - der Ingenieur hat die Amtssprache längst verinnerlicht - fühlen sich für die ökonomische Nutzung bewegter Nordseeluft verantwortlich. Behörden, Verbände, Organisationen. Zig Gutachten für drei Millionen Euro musste de Buhr bisher vorlegen: Stört die Trübungsfahne der Bauschiffe die Meeressäuger? Leiden Fische und Krabben unter magnetischen Feldern der Stromkabel? Könnten Vögel in die Rotorblätter geraten? Lenken die Masten die Strömungen um? Drohen die 21.000 Schiffe, welche die Seestraße Terschelling/Deutsche Bucht jährlich passieren, zu havarieren?

Auch gegen

Naturschützer muss er sich wehren. Während der Naturschutzbund grünes Licht für das Wattkabel erteilt, stellen sich BUND und WWF quer - obwohl im Wattenmeer längst jede Menge Stränge verbuddelt sind. Komplizierte Logik der Öko-Hardliner: Zwar haben sie wenig dagegen einzuwenden, dass jemand die schönsten Landschaften mit Windmühlen spickt und Anwohnern die Nerven raubt. Ein hoch effizientes Meeresprojekt, bei dem Fußgänger auf der Borkumer Promenade schlimmstenfalls die Spitzen der Rotorblätter erkennen können, bremsen sie dagegen aus.

Dem passionierten Marathonläufer de Buhr rennt die Zeit davon. Für zwölf Monate Verzögerung hat die Bürokratie bereits gesorgt. Weiteres Zaudern könnte das Projekt killen. Denn mit jedem Kalenderjahr sinkt die Einspeisevergütung, die ihm das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) aus dem Jahr 2000 garantiert, um 1,5 Prozent. Ab 2004, wenn es nur noch rund 8,7 Cent pro Kilowatt Offshore-Strom gibt, kann er das drei Milliarden Euro teure Windkraftwerk kaum mehr refinanzieren. Zudem winken Banken, Versicherungen und Privatinvestoren ab, solange nicht alle Genehmigungen vorhanden sind.

Am Pier

des Emder Hafens lädt ein Schiff Windradmasten aus Portugal ab. »Hier werden die Fundamente für Borkum-West geschweißt«, sagt de Buhr. 208 stählerne Dreibeine, die 35 Meter tief in den Meeresboden gerammt werden und den 120 Meter hohen Türmen und 55 Meter langen Rotorblättern Halt geben. Wieder zündet er sich eine Zigarette an und schaut aufs Meer hinaus. Seit fünf Jahren projektiert er mit 98 Mitarbeitern und Partnerfirmen europaweit Kraftwerke, die mit erneuerbaren Energien betrieben werden. 185 Prokon-Anlagen produzieren heute 485 Millionen Kilowattstunden Strom im Jahr. Die Widrigkeiten des Seeprojekts hat er unterschätzt, aufgeben will er dennoch nicht. »In Deutschland ist die reine Wasserkraft weitgehend ausgeschöpft, gute Landstandorte für Windparks werden knapp, und Solar- und Biomasse-Kraftwerke können nur eine Nebenrolle spielen.« Anders bei den Seewindmühlen: Im Jahr 2030 könnten deutsche Anlagen nach Expertenschätzung rund 25.000 Megawatt liefern - so viel wie 20 Kernkraftwerke.

Am anderen

Ende der Republik, in Münchens feiner Leopoldstraße, runzelt Harald von Scharfenberg seine Stirn angesichts der hoch gesteckten Erwartungen. Der Chef des Finanzdienstleisters BVT finanziert und betreibt seit 1988 weltweit Windparks und Wasserkraftwerke, meist gemeinsam mit der Hypovereinsbank und Thyssen Rheinstahl Technik. Ein Markt mit Zukunft. Heute decken Wasserkraftwerke, Windmühlen und Biogasanlagen zusammen nicht mal acht Prozent des deutschen Strombedarfs, Solarenergie ganze 0,1 Prozent. Den Anteil will die Bundesregierung verdoppeln - trotz der geplanten Stutzung der EEG-Quoten. Auch auf dem Weltgipfel Ende August in Johannesburg waren die erneuerbaren Energien Thema. Die Europäer, allen voran die Deutschen, konnten sich allerdings mit ihrer konkreten Forderung, den Anteil der umweltfreundlichen Technologien weltweit bis zum Jahr 2010 um zwei Prozent auf 15 zu erhöhen, nicht durchsetzen. Es blieb nur bei den unverbindlichen Formulierungen, der globale Anteil solle »dringend« und »substanziell« erhöht werden. Dennoch: Bis 2050, schätzt der Ölmulti Shell, könnten 30 Prozent des Weltenergiebedarfs aus regenerativen Quellen gewonnen werden, die EU tippt sogar auf 90 Prozent. Wachstums- und Renditepotenzial ohne Ende? Nach dem Sieg von Rot-Grün bei der Bundestagswahl zogen jedenfalls die Kurse der börsennotierten Windkraft- und Solarfirmen deutlich an.

Von Scharfenberg

warnt aber vor Euphorie: »Abseits der Börse läuft teilweise eine gewaltige Abkassiererei.« Windige Projektierer von Kraftwerken für erneuerbare Energien haben es offenbar leicht, Kapitalanleger zu finden. Die Liquidität der meist kleinen Firmen, die aus Feuer (Sonnenenergie und Biomasse), Wasser (Wasserkraft und Brennstoffzellen) und Luft (Windkraft) Strom gewinnen und meist zur Finanzierung Fonds auflegen, sei allerdings oft schwach. Viele berechneten Erträge zu optimistisch oder überschätzten die Qualität der Technik. Zudem unterliegt der graue Kapitalmarkt kaum staatlichen Kontrollen - ein Tummelplatz für Bauernfänger. Auch auf die Fördergesetze, die Deutschland in Windeseile zum Ökostromweltmeister hochgejazzt haben, sollten Anleger nicht blind vertrauen.

Vorsicht auch

bei allzu lukrativ wirkenden Projekten im Ausland: »Nirgendwo anders gibt es ein Gesetz wie das EEG«, sagt von Scharfenberg, »und nirgendwo sind deshalb ähnlich hohe Gewinne zu erwarten.« Finanzberater empfehlen ihren Klienten deshalb zunehmend, ihre grüne Seele anstelle von geschlossenen Fonds mit einem einzelnen Projekt lieber gut geführten Aktienfonds und größeren Öko-AGs wie Nordex, Plambeck oder Umweltkontor (siehe Tabelle) zu verschreiben. Ein zweiter Stoff, der risikobereite Anleger zum Träumen bringt, heißt Wasser. Eine unerschöpfliche Energiequelle. Wie daraus in wenigen Jahren ein Geschäft zu machen ist, kann in der Düsseldorfer Traditionsbrauerei »Im Füchschen« schon heute bestaunt werden. Draußen in der Ratinger Straße füllen sich die Tische. Im Hinterhaus zwängt sich Jörg Kohlhage mit seinem Laptop in einen winzigen Maschinenraum hinter einen Blechkasten, der bullig ist wie ein amerikanischer Kühlschrank. »In ein paar Jahren ist das Gerät nicht größer als eine Waschmaschine«, sagt der 36-jährige Techniker.

Das Gerät, das Kohlhage überwacht, stammt vom Remscheider Unternehmen Vaillant und nennt sich Brennstoffzellenheizung. Ein kleines Wunderwerk. Es erzeugt aus Wasser - dem unerschöpflichen Element der Erde - Strom und Wärme. Genauer: aus dessen Bestandteil Wasserstoff. Und zwar ebenfalls ohne schädliche Emission. Aus dem Schornstein quillt nur Wasserdampf. Wenn es in vier bis fünf Jahren serienreif ist, schätzt Projektleiter Joachim Berg, 47, dürfte es die Versorgung von Wohn- und Geschäftsgebäuden revolutionieren.

Theoretisch ist

die Technik kaum komplizierter als ein Schulexperiment: Zwischen hauchdünnen, platinbeschichteten Spezialfolien reagieren Wasserstoff und Sauerstoff miteinander. Der Sauerstoff stammt aus der Luft, Wasserstoff wird elektrolytisch in Sonnen- oder Windkraftwerken erzeugt und über eine Rohrleitung zugeführt. In der Testphase wird der Wasserstoff noch im Gerät aus Erdgas gewonnen. Doch selbst unter Einsatz dieses fossilen Brennstoffs lässt sich ein Kilowatt Strom im Brennstoffzellengerät mit einem Viertel weniger Energieeinsatz und 50 Prozent weniger CO2 herstellen.

Neben Kohlhages

Arbeitsraum rollen Füchschen-Mitarbeiter Bierfässer über den Flur. Aus einem Kofferradio krächzt die Stimme eines Nachrichtensprechers gegen den Höllenlärm an. Sie berichtet von Überflutungen, Flurschäden, Klimawandel. Braumeister Frank Driewer schaut stolz, als wollte er sagen: »Wir hier tun möglichst alles, um die Klimakatastrophe zu verhindern.« Und natürlich hofft er auch, mit der Brennstoffzellentechnik langfristig die Betriebskosten drastisch senken zu können. Schon heute ist Strom aus der Brennstoffzelle preiswerter als aus der Steckdose, weil Erdgas bis zu viermal weniger kostet als Industriestrom.

Die großen

Energieversorger in Deutschland wie Eon, RWE und Co. beobachten das forsche Treiben der jungen Konkurrenz prinzipiell mit Argwohn. Sie bangen um ihre Pfründe. Jedes Kraftwerk, das dezentral entsteht und Strom ins Netz einspeist, knabbert an ihren Gebietsmonopolen. In den USA stellen sich dagegen Konzerne wie General Electric an die Spitze der Ökostrom-Bewegung - allein um die Abhängigkeit von ausländischen Öl- und Gaslieferanten zu mindern. Ihre deutschen Pendants machen dagegen überall ein bisschen mit, wo es für sie gefährlich oder einträglich werden könnte, zum Beispiel bei Vaillants Brennstoffzellen. Die Zukunft des Stroms sehen sie nach wie vor in Öl, Gas und Kernkraft. Eon-Chef Ulrich Hartmann nahm im Juni die Delegierten auf einem CDU-Kongress in Berlin ins Gebet: »Keine Denkverbote in Sachen Kernenergie. Unumkehrbar ist nichts in der Politik.«

Ortswechsel

In der 1500-Einwohner-Gemeinde Sonnen will Martin Bucher beweisen, dass man mit Feuer (dem Sonnenlicht) Geld verdienen kann. Doch Tief »Silke« hat Sonnen fest im Griff. »Mist, gerade heute«, flucht der 35-jährige Chef der Stuttgarter Voltwerk AG leise. Schließlich wollte er den Besuchern seinen ganzen Stolz in gleißendem Licht präsentieren: Deutschlands größtes Solarkraftwerk - eine Öko-Romanze in der Traumkulisse des Bayerischen Waldes. Doch nun tapsen die Gäste im Nebel herum und können die 14 000 Quadratmeter Solarzellen kaum erkennen. Und schon gar nicht die 130 Pflanzen- und Tierarten, die sich - ökologisch korrekt - zwischen den glänzenden Platten angesiedelt haben.

»Seht her!«, predigt Bucher von einem Erdhügel herab, in dem seine schwarzen Slipper langsam versinken. »Das ist die Zukunft: die erste solare Großanlage, die unter rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten gebaut wurde.« Matthias Anetzberger, 61, erster Bürgermeister der Gemeinde, will ihn nicht im Regen stehen lassen. »Unsere Gegend«, verkündet er nach Gutsherrenart, »zählt zu den sonnenreichsten Gebieten Deutschlands.«

Während die

Wolken immer neue Regenschauer bringen, referiert Bucher über die unerschöpflichen Reserven des himmlischen Feuers. Sagt, dass die Sonne an jedem Tag 15.000-mal mehr Energie auf die Erde schickt, als die Menschen nutzen können. Dass die Wirkung der Solarzellen, die nur aus Licht und Sand Strom erzeugen, »ganzheitlich betrachtet« sechs Milliarden Mal effizienter ist als die von Öl und Kohle. Dass dieses Solarkraftwerk übers Jahr gerechnet alle Haushalte der Gemeinde Sonnen versorgen kann. Und dass die Sonne »problemlos« fünf Prozent des deutschen Stroms liefern könnte, vielleicht sogar 50 Prozent; die Big Player der Branche wie Shell, BP oder Agip arbeiteten daran, den Wirkungsgrad der schillernden Zellen deutlich zu verbessern.

Der Verfahrenstechniker

schätzt die Sonnenenergie vor allem wegen ihrer finanziellen Kraft. Vor drei Jahren hat er Voltwerk gegründet. Seitdem wächst die Firma. »Die Begeisterung für Solarkraft wird fast schon zur Last«, sagt er. 470.000 Euro hat er in Sonnen investiert - es ist sein zehntes Bürgerkraftwerk. Jetzt sucht er Kommanditisten, die mit mindestens 5.000 Euro in den Finanzierungsfonds einsteigen. Bei 48,1 Cent EEG-Einspeisevergütung pro Kilowattstunde über 20 Jahre dürfte er die finden. »Das ist mehr als kostendeckend«, sagt Bucher. Zudem hat Voltwerk 90 Prozent des prognostizierten Ertrags gegen Ausfall versichern lassen. Einnahmen von rund 815.000 Euro pro Jahr sind garantiert, »selbst bei dauerhafter Sonnenfinsternis«.

Ein Investor, der mit seinem Sparkassenberater angereist ist, blickt trotzdem irritiert in die Wolken. Regen in Sonnen - die Natur kennt keinen Renditezwang.

Rolf-Herbert Peters