Paris Das einsame Leben des Spekulanten Jérôme Kerviel


Ein kleiner Aktienhändler in Paris soll die Großbank Société Générale beinahe ruiniert haben. Am Ende verzockte er knapp fünf Milliarden Euro. Eine Spurensuche zwischen Bankentürmen und Zweizimmerapartments.
Von Tilman Müller

Der Mann, der Milliarden bewegte, wohnt wie ein Student zur Miete im Dachgeschoss eines alten, dreistöckigen Stadthauses im Pariser Nobelvorort Neuilly. Auf der Wendeltreppe nach oben ein abgetretener blauer Teppich mit Blümchenmuster. Seine Zweizimmerwohnung ist etwa 40 Quadratmeter groß. Vor ein paar Tagen erst, so eine Mieterin im ersten Stock, habe sie Monsieur mit "zwei schwarzen Reisetaschen und einem dicken Aktenkoffer" aus dem Haus gehen sehen. "Die Treppe nahm er immer im Laufschritt, zwei Stufen auf einmal", hat Isabelle Thomas beobachtet, die direkt unter ihm auf der zweiten Etage logiert. Nie habe er gelächelt, nie sei es seit seinem Einzug vor zwei Jahren dort oben laut zugegangen.

Jérôme Kerviel heißt der Unnahbare, 31 Jahre alt. Mehr über ihn erfuhren seine Nachbarn in der Rue Madeleine Michelis Nr. 24 erst am vorigen Donnerstag. Da lief das Bild des gutaussehenden Junggesellen mit den dunklen, kurzen Haaren auf allen Kanälen. Er sei der größte Börsenbetrüger der Geschichte, hieß es plötzlich; der Schaden, den er bei seinem Arbeitgeber, der französischen Großbank Société Générale (SocGen), angerichtet habe, betrage 4,9 Milliarden Euro. Gerade noch sei verhindert worden, dass Kerviel noch mehr verzockt habe - mit einem Einsatz von insgesamt 50 Milliarden Euro hatte er spekuliert, einer Summe, die etwa der Hälfte der Gold- und Währungsreserven Frankreichs entspricht. Kerviel hatte seit Jahresanfang auf steigende Aktienkurse gesetzt. Doch die Börsen fielen. Um Verluste zu vertuschen, habe er das bankinterne Sicherheitssystem ausgetrickst. Das jedenfalls behaupten seine Chefs. Erste Indizien dafür, dass Kerviel hinter einem brandgefährlichen Spekulationsgeschäft steckt, gab es bei SocGen schon am 18. Januar. Doch erst eine Woche später - am Freitagnachmittag voriger Woche gegen 17 Uhr - stapften vier Finanzermittler die enge Wendeltreppe in der Rue Madeleine Michelis hinauf und durchsuchten Kerviels Apartment; am Tag darauf kam er in Untersuchungshaft.

Umgeben von der Welt des großen Gelds

Von seiner Wohnung fuhr der mutmaßliche Milliardenbetrüger jeden Morgen mit der Metro zum nahen Alicante-Tower der Société Générale. Dort arbeitete der Jung- Trader bereits seit 2000, zuletzt als Händler in einem Großraumbüro in der sechsten Etage des 37-stöckigen Bankpalasts, der innen teilweise mit rotem Marmor verkleidet ist. Auch in seinem Wohnviertel in Neuilly, einer der reichsten Gemeinden Frankreichs, ist der Sohn eines Schmieds und einer Friseurin umgeben von der Welt des großen Gelds. Auf den Straßen kreuzen dort die neuesten Ferraris, im Winter tragen feine Damen gern besonders teure Pelzmäntel über ihren Seidenblusen. Und ein paar Ecken von Kerviels Dachdomizil entfernt regierte einst im Rathaus jahrelang Nicolas Sarkozy, der nicht zuletzt mit Unterstützung der Superreichen aus Neuilly das höchste Amt im Staate eroberte. Zur Welt der Hochfinanz gehört Kerviel definitiv nicht. Sein Jahresverdienst betrug gerade mal 100.000 Euro brutto, unter Brokern ein eher bescheidenes Gehalt. Bankkollegen beschreiben ihn als introvertierten, schweigsamen Menschen mit guten Manieren und hoher Einsatzbereitschaft, aber auch starken Stimmungsschwankungen. Er rauche nicht, trage manchmal eine Lesebrille und sei irgendwie ein großer Junge geblieben, der krampfhaft versuche, sich in der rauen Börsenwelt zu behaupten. Seine Nachbarn berichten, er sei oft sehr spät von der Arbeit nach Hause gekommen. "Ein attraktiver Mann, stets elegant gekleidet", sagt Anne Gillier, die ein paar Straßen weiter in einer Immobilienagentur arbeitet, "aber er war immer allein, ich habe ihn nie in Begleitung gesehen."

In letzter Zeit bekam "JK", wie ihn Arbeitskollegen nannten, offenbar zunehmend Probleme. Immer häufiger, sagt ein Bekannter, habe er auf Fragen nur noch mit Ja oder Nein geantwortet; auch habe er in den letzten acht Monaten keinen einzigen Tag Urlaub genommen, weil ihm wohl klar gewesen sei, "dass seine Manipulationen sofort auffliegen, wenn er nicht da ist". An den Wochenenden fuhr Kerviel öfters nach Hause ins Fischerstädtchen Pontl’Abbé im äußersten Westen der Bretagne. Auch Weihnachten verbrachte er bei der Familie in seinem Geburtsort. "Er war wie immer", sagt seine Tante Raymonde, doch ein anderes Familienmitglied erzählt, Jérôme habe in letzter Zeit einen zunehmend gestressten Eindruck gemacht: "Er sprach dauernd von seiner Bank und nahm sich seine Arbeit zu sehr zu Herzen. Seine Mutter empfahl ihm bereits, sich einen ruhigeren Job zu suchen."

"Er wollte immer unbedingt gewinnen"

In Pont-l’Abbé, das heute 8500 Einwohner zählt, ging der junge Bretone auf das lokale Gymnasium - ein festungsartiger Bau aus Granitstein, nur 500 Meter vom Elternhaus entfernt. Als Teenager war er Klassenbester in Mathe und ein leidenschaftlicher Judokämpfer. "Er wollte immer unbedingt gewinnen und an Turnieren teilnehmen", sagt Philippe Orhant, sein damaliger Trainer. Der Junge habe den Sport aber aufgegeben, "weil seine Knie nach einem schweren Sturz beim Basketballspielen zu schwach waren und er Übergewicht bekam". Jahre später hat der Trainer seinen einstigen Schützling zufällig wieder getroffen. "Da war er plötzlich ganz schlank, sah ausgesprochen gut aus und hatte eine hübsche Freundin." Kerviel sei ein "Gauner, ein Betrüger oder womöglich ein Terrorist", erklärt Daniel Bouton, der SocGen-Boss. Doch trotz aller Anschuldigungen aus dem fernen Paris steht das bretonische Küstenstädtchen geschlossen hinter seinem Sohn. Die Kerviels, praktizierende Katholiken, seien „eine hoch angesehene Familie", sagt Thierry Mavic. Der Bürgermeister der UMP-Partei, der auch Präsident Sarkozy angehört, hatte den jungen Banker im Jahr 2001 sogar als Kandidaten bei den Gemeinderatswahlen aufgestellt; er verpasste aber knapp den Einzug.

Bereits nach dem Abitur hatte Kerviel Pont-l’Abbé verlassen, um zuerst in Nantes und später in Lyon Finanzwirtschaft zu studieren - mit erfolgreichem Abschluss. "Doch groß hervorgetan hat er sich nicht", sagt Gisèle Reynaud, seine Professorin in Lyon. Die Universität dort gilt in Fachkreisen ohnehin nicht gerade als Eliteschule für Spitzenbanker. "Wer mal zu den Golden Boys zählen will, kommt nicht zu uns", gibt Fachbereichsleiterin Valérie Buthion unumwunden zu. Dementsprechend unspektakulär auch Kerviels Einstieg bei der SocGen im Jahr 2000. Anfangs saß er im "Middle Office", einem mit Elektronik gespickten Kontrollraum, wo die Transaktionen der Aktienhändler überwacht werden und er nahezu alles über Zugangscodes und Sicherheitssysteme seiner Bank erfuhr. "Das ist wie mit dem Dieb, der beim Schlüsseldienst gelernt hat", sagt André Tiran, Dekan an der Universität Lyon, "wenn du dich mit den Schlössern auskennst, fällt dir das Klauen leichter."

Keinen persönlichen Profit

2004 kam Kerviel ins "Delta One"- Team seiner Bank, zuständig für den Handel mit europäischen Aktienindizes. Auch hier war er "kein Star", sondern "ein kleiner Makler", wie sein Chef Bouton erklärt. Ein Computerspezialist mit hochfliegenden Fantasien freilich, der offenbar unterschätzt wurde. Laut internen SocGen-Ermittlungen, die vorige Woche publik wurden, begannen seine abenteuerlichen, zunächst offenbar auch erfolgreichen Spekulationen im Februar 2007. Verheerende Verluste brachten diese erst in den letzten Wochen, als die Kurse weltweit einbrachen - Verluste, die Kerviel durch ein vertracktes System von Scheintransfers zu kaschieren wusste. Zunehmend scheint er sich dabei in eine virtuelle Realität verirrt zu haben. Stundenlang haben die SocGen-Oberen den notorischen Zocker nach Bekanntwerden der Riesenpleite verhört, zogen dabei sogar einen Arzt zurate. "Er schien verstört, sprach nicht von Verlusten", erklärt einer der Bank-Manager, "er lebt in seiner Welt, die er selbst geschaffen hat, einer Welt, in der er nur Gewinne gemacht hat." Ein anderer aus dem Gremium: "Entweder ist er gefährlich böswillig oder ein Autist, der wie ein Kind vor einem Videospiel enorme Risiken eingeht, als hätte er neun oder zehn Leben." Eines räumt indes selbst SocGen-Boss Bouton ein: "Der Übeltäter hat keinen persönlichen Profit gemacht."

Tagelang war Kerviel nach dem internen Verhör von der Bildfläche verschwunden. Es gab Gerüchte, er habe Selbstmord begangen oder sei auf der Flucht. Mit sanfter Stimme richtete er auf der Mailbox seines Handys aus: "Ich stehe im Moment nicht zur Verfügung." Vermutlich fand er bei seinem Bruder Olivier in der Rue de Rome im 8. Pariser Arrondissement Unterschlupf - bis er sich vorigen Samstag freiwillig stellte. Bei den ersten Vernehmungen erklärte er, allein gehandelt und keinen Cent in die eigene Tasche gesteckt zu haben. Elisabeth Meyer, seine Pariser Anwältin sagt, ihr Mandant sei unschuldig. Die hohen Verluste habe SocGen durch überstürzte Verkäufe Anfang voriger Woche selbst verursacht. Bis zum 31. Dezember 2007 hätten Kerviels Operationen rund 1,5 Milliarden Euro Gewinn gebracht. Der Prozess gegen den derzeit "berühmtesten Banker des Planeten" (so das Boulevardblatt "Le Parisien") wird vermutlich Monate, wenn nicht Jahre dauern. Zu klären wird auch sein, inwieweit die Bank wegen mangelnder Kontrollmechanismen eine Mitschuld trägt. Ob und wie lange JK am Ende ins Gefängnis kommt, ist noch völlig unklar. Gewiss ist für Christian Noyer, den Präsidenten der Banque de France, nur eines: "Der Kerl wird nie wieder einen Job in einer Bank bekommen, glauben Sie es mir."

Mitarbeit: Henning Lohse

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