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Schuldnerberaterin Schulden wegen Corona: "Bei mir sitzen jetzt Menschen, die immer gut zurecht gekommen sind"

Schuldnerberatung
Kerstin Föller leitet die Schuldnerberatung der Verbraucherzentrale Hamburg
© Karin Gerdes (kleines Bild) / Getty Images
Die Corona-Krise treibt auch Menschen in die Verschuldung, die das Problem nie hatten. Schuldnerberaterin Kerstin Föller berichtet, wen es besonders hart trifft und was sie ihren Klienten rät.

Während manche ganz entspannt durch die Corona-Pandemie kommen, kämpfen andere um ihre wirtschaftliche Existenz. Die Wirtschaftsauskunftei Crifbürgel zählte allein im ersten Quartal 2021 rund 32.000 Privatinsolvenzen, ein dramatischer Anstieg um 56,5 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Teilweise lassen sich die Zahlen durch eine Gesetzesänderung erklären, die es Verbrauchern erlaubt, schon nach drei statt bisher sechs Jahren schuldenfrei zu sein. Manch einer hat das Inkrafttreten der günstigeren Regelung wohl noch abgewartet, bevor er Insolvenz eingereicht hat.

Dieser Effekt sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass aufgrund der Corona-Krise tatsächlich mehr Menschen als sonst von Überschuldung bedroht sind, sagt Kerstin Föller, Schuldnerberaterin der Verbraucherzentrale Hamburg. Im Interview berichtet sie von den Erfahrungen aus ihrer Beratungspraxis.

Frau Föller, die Zahl der Privatinsolvenzen ist zuletzt sprunghaft gestiegen – spüren Sie das auch bei sich in der Schuldnerberatung?

Ja, die Zahl der Beratungsanfragen ist definitiv stark angestiegen. Und das liegt nicht nur daran, dass manche auf die Gesetzesänderung gewartet haben, die die Insolvenzdauer verkürzt. Aufgrund der Pandemie sind einfach viel mehr Leute betroffen – und das ist auch nicht nur unser klassisches Klientel. Bei mir sitzen jetzt auch Menschen, die immer gut zurecht gekommen sind.

Das heißt, von Schuldenproblemen sind vermehrt Menschen betroffen, die Sie früher eher nicht zu Gesicht bekommen haben?

Wir hatten immer die drei großen Auslöser der Überschuldung: Trennung, Arbeitslosigkeit und unangepasstes Konsumverhalten. Betroffen waren aber vor allem Menschen, die sowieso zu knapsen haben. Jetzt kommen deutlich mehr Leute aus der sogenannten Mittelschicht, die nach über einem Jahr Kurzarbeit sämtliche Reserven aufgebraucht haben. Außerdem viele in Not geratene Freiberufler und Solo-Selbstständige, die nicht wissen, wie es weitergeht. 

Aus was für Branchen und Berufen kommen die Hilfesuchenden?

Aus allen möglichen. Wir haben Gastronomen und kleine Ladenbesitzer, Leute aus der Kreuzfahrtbranche, Reisejournalisten und andere, die nicht wie gewohnt arbeiten können. In der Werbebranche sind ebenfalls viele Aufträge weggebrochen, was vielen Freelancern Probleme macht. Auch einige Rentner, die sich ihre Rente mit 450-Euro-Jobs aufgebessert haben, die jetzt weggefallen sind, haben sich gemeldet.

Und die können alle nicht mehr ihre alltäglichen Ausgaben stemmen?

Ja, genau. Es geht gar nicht immer darum, dass sich die Leute mit riesigen Krediten verhoben haben, sondern dass das Leben einfach teuer ist. Ich hatte zum Beispiel gerade jemanden, der hat normalerweise ein gutes Einkommen und sich entsprechend eingerichtet in einer Wohnung mit einer Miete von 1100 Euro warm, was für Hamburger Verhältnisse nicht unüblich ist. Der muss da jetzt eigentlich raus und sich was Günstigeres suchen. Aber finden Sie erstmal eine günstige Wohnung in Hamburg

Was ist mit den vielen Corona-Hilfen, die der Staat gewährt: Hilft das den Menschen nicht, über die Krise zu kommen?

Die Finanzhilfen sind ja nicht für jeden gedacht und manche fallen einfach durchs Raster. Zum Beispiel der Gastronom, der drei Monate vor Corona einen Laden aufgemacht hat und noch keine Umsätze vorweisen kann, die ihn für entsprechende Hilfen berechtigen würden.

Was raten Sie den Menschen, die mit Schulden zu Ihnen kommen?

Erstmal machen wir immer einen Kassensturz und schauen, wo sich Kosten leicht reduzieren lassen. Aber in vielen Fällen reicht es leider nicht, ein paar Verträge zu kündigen, sondern da muss man an die großen Dinge ran: eine neue Wohnung, Auto verkaufen. Das wollen viele natürlich eigentlich gar nicht hören.

Ab welchem Zeitpunkt lässt sich eine Privatinsolvenz nicht mehr abwenden?

Die Privatinsolvenz ist der letzte Schritt. Wir versuchen vorher, mit den Gläubigern einen Vergleich zu verhandeln, aber auch da ist man nicht immer erfolgreich. Das Insolvenzverfahren läuft jetzt über drei Jahre. Wer absehen kann, dass er über drei, dreieinhalb Jahre nicht aus seinen Schulden rauskommt, für den ist eine Insolvenz das Richtige. Wenn sich die Schulden auf 30.000 Euro summieren und dem steht Hartz-IV gegenüber, dann ist das ein Insolvenzfall. 

Immer mehr Deutsche rutschen in die Schuldenfalle (Symbol)

Was ist der häufigste Fehler, der die Menschen in die Bedrouille treibt?

Dass sie sich zu spät Rat holen. Schulden und Pleiten sind mit einem Stigma behaftet, weshalb viele die Dinge zu lange laufen lassen, statt sich Hilfe zu holen und eine Strategie aufzustellen. Viele zahlen immer noch verzweifelt an die Bank, weil sie alles am Laufen halten wollen, haben aber dann kein Geld mehr für die Miete. Wichtig ist erst einmal die eigene Existenzsicherung und erst dann kann man sich ans Schuldenabtragen machen.

Ihr wichtigster Beratungstipp, abgesehen von: mehr einnehmen und weniger ausgeben?

Einer unserer Standardtipps ist: Ein Konto bei einer Bank eröffnen, bei der man keine Schulden hat. Weil die Bank sonst auf alles, was reinkommt, sofort zugreifen kann. Vielen fällt das schwer, weil sie seit 20 Jahren bei Bank XY sind und ihr Konto nicht wechseln wollen. Man muss natürlich auch eine Bank finden, die einen noch nimmt. Wenn man noch nicht in der Schufa steht, funktioniert das in der Regel, sonst muss man den Umweg über ein Basiskonto nehmen. 

Experten sagen, dass die coronabedingte Insolvenzwelle so richtig erst ab dem zweiten Halbjahr 2021 einsetzen und sich bis 2022 fortsetzen wird. Sehen Sie das auch so?

Das kann ich mir sehr gut vorstellen, weil viele sich im Moment noch so durchhangeln und sagen: Corona ist bald vorbei, ich leihe mir lieber Geld in der Verwandtschaft, um die Zeit zu überbrücken, bis die Dinge im Job wieder anlaufen. Wenn sich dann aber rausstellt, dass der Neustart doch nicht so problemlos klappt, dann stehen viele wieder bei uns auf der Matte. Ich fürchte, das große Drama kommt erst noch.

Gibt es auch irgendeine gute Nachricht?

Auch die Gläubiger wissen, wie schlecht es aussieht und lassen eher mit sich handeln. Wer mit Hilfe von Freunden oder Verwandten einen Einmalbetrag anbieten kann, hat die Chance, dass ihm der Rest der Schulden erlassen wird. Das klappt im Moment ganz gut.


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