Studiengebühren Bald ist Zahltag für Studenten


Uni-Alltag heute: Überfüllte Hörsaale, renovierungsbedürftige Bibliotheken, mangelndes Personal. Studenten gibt es im Überfluss, aber das Geld fehlt an allen Ecken. Die Länder sehen keinen anderen Ausweg als bundesweite Studiengebühren.
Von Monique Berends

Während Studiengebühren den meisten Studenten naturgemäß ein Dorn im Auge sind, kann die Politik ihnen viel abgewinnen. Die Argumentation der Verantwortlichen für den tiefen Griff in die Tasche: Nur so ließe sich auch weiterhin ein hohes Bildungsniveau garantieren. Dies alles ist für Langzeitstudenten nicht neu. Denn wer länger als die Regelstudienzeit braucht, muss für überzogene Semester eine Gebühr von 500 Euro zahlen - pro Semester. So wollen Universitäten ihre "ewigen Studenten" vergraulen, denn studieren wird zu teuer, als dass man auf der faulen Haut liegen könnte.

Rundumschlag an den Universitäten

Auf diesen Zusatz-Obulus müssen sich demnächst auch alle anderen Studenten gewöhnen: Ab dem Sommersemester 2007 sind allgemeine Studiengebühren in Baden-Württemberg, Bayern und Hamburg beschlossene Sache. In Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen müssen die Studenten schon seit dem Wintersemester 2006 zahlen, Hessen und das Saarland geben noch eine Schonfrist bis zum kommenden Wintersemester 07/08. Auch die restlichen Bundesländer haben zumindest Pläne in der Schublade, die Studenten zur Kasse zu bitten.

Torsten Hönisch, Jurastudent im neunten Semester an der Uni Hamburg, ist strikt gegen die Einführung von Studiengebühren. Als Hochschulpolitischer Referent des Allgemeinen Studierenden-Ausschuss (Asta) der Universität Hamburg spricht er für die Mehrheit der Studenten. Vor knapp eineinhalb Jahren wurde in Hamburg unter den Studenten eine Urabstimmung zu Studiengebühren abgehalten - 98 Prozent waren dagegen. Nach Hönischs Meinung sprechen diese Zahlen für sich, doch an dem Entschluss der Hamburger CDU-Regierung ändert das nichts.

Woher nimmt ein Student 750 Euro pro Semester?

Also müssen Studierende in Hamburg ab dem Sommersemester 2007 in den sauren Apfel beißen und blechen - doch es bleibt nicht bei den 500 Euro. Denn gleichzeitig wird auch der jetzt schon geltende Semesterbeitrag von 240 Euro fällig. Darin ist das Semesterticket für den öffentlichen Nahverkehr und Beiträge für studentische Organisationen wie den Asta enthalten, er deckt aber auch Verwaltungskosten ab. Zusammen müssen die zukünftigen Master und Doktoren also knapp 750 Euro pro Semester aufbringen, um an der Hamburger Universität studieren zu dürfen.

Die Studiengebühren an sich sollen der jeweiligen Universität - und damit den Studenten - zu Gute kommen. Fakultäten und Hochschuleinrichtungen haben ellenlange Wunschlisten eingereicht, jeder potentielle Gebühren-Euro ist schon dreifach verplant, vermutet Hönisch. Besonders dringend werden Gelder für Tutoren, PCs und Bibliothekspersonal benötigt. Ebenso dringliche Bauvorhaben können und sollen mit dem baldigen Geldfluss allerdings nicht finanziert werden.

Hönisch bezeichnet Studiengebühren als "sozial ungerecht". Durch die Notwendigkeit zu arbeiten, um das Studium überhaupt finanzieren zu können, werden Studenten vom eigentlichen Lernen abgehalten. "Das ist besonders wegen der neuen Bachelor-Master-Struktur (BaMa) fatal", so Hönisch. Denn die BaMa bedeutet eine Verschulung des Studiums und geht mit Anwesenheitspflicht und verkürzte Semesterfreien einher, in denen es Prüfungen regnet. Wenn aber keine Zeit mehr für Nebenjobs bleibt, wird es den Studenten fast unmöglich gemacht, einen finanziellen Beitrag zu ihrem Studium zu leisten.

Schuldenfalle Studium

"Entweder werden Mami und Papi zur Kasse gebeten", sagt Hönisch, "oder, wenn die auch kein Geld haben, bleibt nur noch die Kreditaufnahme. Das ist der Weg in die Schuldenfalle!" Auch Klaus Wonneberger, Mitarbeiter des Studierendenwerks Hamburg sieht dort ein großes Problem. Zwar bietet dieses in Kooperation mit der KfW einen "abgefederten" Kredit an, der geringfügig von der Hansestadt subventioniert wird, doch es ist nicht anderes als ein verzinstes Darlehen, das irgendwann zurückgezahlt werden muss. Eine Hochrechnung Wonnebergers bescheinigt einem Studenten, der sein Studium in zehn Semestern abschließt und für die Gebühren von 500 Euro pro Semester einen Kredit aufnimmt, bei entsprechend langer Laufzeit Schulden in Höhe von bis zu 10.000 Euro.

Außerdem sieht Wonneberger sieht einen Kredit nicht als optimale Lösung an. Studenten sollten sich genau informieren, was die Alternativen seien - Kindergeld, Wohngeld, Steuerermäßigungen und Bafög werden da genannt. Doch auch für diese Vergünstigungen muss man erst einmal in Frage kommen. Ob man tatsächlich ein Anrecht auf "Rabatte" hat, kann in einem Gespräch mit einem Berater des Studierendenwerks geklärt werden.

Hönisch schätzt, dass etwa 30 bis 50 Prozent der Studenten für eine Befreiung von den Studiengebühren in Frage kommen. Dabei steht noch nicht einmal genau fest, wer alles zahlen muss, das wird sich erst während des Verfahrens zur Klärung der Härtefälle klären. Cchronisch Kranke oder Behinderte mussten schon bisher nicht zahlen, ebenso Studierende mit Kindern oder ausländische Studenten, sofern sie nicht aus der EU kommen. Auch Bezieher von Stipendien können sich von der Gebührenpflicht befreien lassen - und dies alles soll nun in einer Satzung festgeschrieben werden. Außerdem schlägt der Asta vor, dass jene Studenten befreit werden sollten, bei denen die Hochschule selbst und nicht sie selbst an der Verzögerung ihres Studiums Schuld sind. Darüber hinaus wollen die Universitäten Studenten in extremen wirtschaftlichen Notlagen unterstützen.

Die Messer sind gewetzt

Dennoch geht Hönisch von einem langen Kampf mit der Universität aus. Auch Gerichtsverfahren werden nicht ausgeschlossen. Mit dem Aufruf an die Hamburger Studenten, die Gebühren nicht zu zahlen, sondern auf ein von der Asta und der GEW verwaltetes Treuhandkonto einzuzahlen, hat der Kampf schon begonnen. Die Hoffnung: Nehmen mindestens 30 Prozent der Studenten an dem Gebührenboykott teil, wird das Geld eingefroren. Und die Studenten haben ein nachdrückliches Argument für Verhandlungen mit der Hochschule. Verhandlungsziel wäre dann die Abschaffung der Studiengebühren. Sollten nicht genügend Studenten an dem Boykott teilnehmen, will der Asta klein beigeben und die Gebühren an die Hochschule weiterleiten.

Doch so weit ist es noch nicht. Erst einmal wird mobilisiert und gepokert. Die Hamburger Studenten wollen sich nicht in die Tasche greifen lassen. Laut Asta ist Bildung immerhin Sache des Staates - wie dieser das Geld ranschafft ist seine Sache. Hauptsache, die Studenten werden nicht zur Kasse gebeten.


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