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Übernahmeschlacht: Pharmakonzern Sanofi will Aventis schlucken

Nach Angaben der französischen Finanzmarktaufsicht AMF hat der Pharmakonzern Sanofi-Synthélabo ein Übernahmeangebot für seinen Konkurrenten Aventis vorgelegt. Das Angebot soll 50 Milliarden Euro wert sein.

Der französische Pharmakonzern Sanofi-Synthélabo will seinen deutsch-französischen Konkurrenten Aventis schlucken - ganz unbeeindruckt von der Tatsache, dass dieser am Umsatz gemessen wesentlich größer ist. Nach Angaben der französischen Finanzmarktaufsicht AMF (Autorité des Marchés Financiers) wurde am Montagmorgen in Paris ein entsprechendes Übernahmeangebot vorgelegt, dessen Wert in Finanzmarktkreisen auf 50 Milliarden Euro beziffert wird. Sanofi will den Konkurrenten zu 81 Prozent mit eigenen Aktien und zu 19 Prozent in bar bezahlen. Unter dem Strich bietet Sanofi 5 neue Aktien für 6 Aventis-Aktien plus 69 Euro.

Aventis wies die Offerte von 47 Milliarden Euro am Montag umgehend als feindlich, zu niedrig und mit Risiken behaftet zurück. Der deutsch-französische Konzern, zu dem die Frankfurter Hoechst AG gehört, ist zwei- bis drei Mal so groß wie Sanofi. Sanofi ist aber schuldenfrei und weitaus profitabler und hat deswegen einen vergleichbaren Börsenwert. Sanofi hatte keinen Versuch unternommen, Aventis für eine Fusion zu gewinnen. Aventis gelte als geschwächt und bei Sanofi laufe der Pakt der Großaktionäre L’Oréal und Total im Dezember aus. Weil beide Gruppen damit Gefahr liefen, übernommen zu werden, habe Sanofi die Initiative ergriffen, so Sanofi-Chef Jean-François Dehecq in Paris.

Zusätzlich zu seinem Hauptangebot habe Sanofi zwei weitere Offerten eingereicht. Demnach bietet der Konzern 35 eigene Aktien für 34 Aventis-Papiere beziehungsweise 60,43 Euro pro Aventis-Aktie. Zudem habe Sanofi zwei weitere Angebote in Deutschland und in den USA eingereicht, deren Konditionen mit denen der in Frankreich eingereichten Offerte vergleichbar seien.

Zweitgrößter Pharmakonzern der Welt könnte entstehen

Mit der Übernahme entstünde der dem Umsatz nach zweitgrößte Pharmakonzern der Welt nach dem US-Konzern Pfizer. Noch am Freitag hatte Aventis-Chef Igor Landau ein feindliches Übernahmeangebot als unwahrscheinlich bezeichnet, da dies in der Pharmabranche nicht üblich sei.

Das größte Übernahmeangebot in der französischen Wirtschaftsgeschichte soll in der Nacht auf Montag vom Sanofi-Vorstand einstimmig beschlossen worden sein. Für ein mögliches Übernahmeangebot mussten die beiden Sanofi-Großaktionäre Total und L’Oréal zustimmen. Sanofi ist gemessen am Umsatz nur ein Drittel so groß wie Aventis.

Aventis ging vor einigen Jahren selbst aus einer Fusion der französischen Rhône-Poulenc und der deutschen Hoechst AG hervor. Finanzkreisen zufolge hat Aventis bereits die Investmentbanken Goldman Sachs und Morgan Stanley zur Erstellung einer Abwehrstrategie engagiert.

Sanofi-Synthélabo rechnet sich durch die Übernahme von Aventis jährliche Einsparungen durch Synergieeffekte von 1,6 Milliarden Euro aus. Die Kosten für die Umstrukturierung bezifferte der Konzern am Montag mit 2 Milliarden Euro vor Steuern.

"Europäisches Projekt"

Sanofi-Synthélabo wird Aventis nach einer Übernahme umkrempeln und dem deutsch-französischen Pharmakonzern seinen Stempel aufdrücken. Denn der schnell wachsende französische Pharmaanbieter sieht sich selbst auf dem Königsweg und bescheinigt Aventis recht unverblümt Erfolglosigkeit. Umorganisationen werden in den Bereichen Forschung, Produktion, Vermarktung ins Auge gefasst, also praktisch überall.

"Aventis ist geschwächt", sagte Sanofi-Chef Jean-Francois Dehecq am Montag in Paris. Und er drückt den Finger auf die Wunde: "Es kommt nicht darauf an, viel Geld in Forschung und Entwicklung zu investieren; die Forschung muss effizient sein." Aventis investiert jährlich mit 2,3 Milliarden Euro genau doppelt so viel in die Forschung wie Sanofi. Allerdings hat Sanofi die rentableren Medikamente. Seit der Fusion mit Synthélabo im Jahre 1999 stieg Sanofis Gewinn je Aktie jedes Jahr um durchschnittlich 42 Prozent: von 0,85 auf 2,42 Euro.

Marketing und Laborpersonal interessant

Einen Produktivitätsschub soll auch die Integration von Aventis bringen. Ein besonders starkes Interesse hat Sanofi am Marketingteam von Aventis. Die Straßburger sind insbesondere in den USA und in Japan erfolgreich, wo Sanofi seine eigenen Produkte stärker in den Markt drücken will. Vom Produktmix her ergänzen sich beide Konzerne.

Außerdem will Sanofi die "hellen Köpfe" aus den Aventis-Labors an sich binden. Auch deshalb soll die Fusion schnell über die Bühne gehen. Denn eine Abwanderung verunsicherter Forscher zur Konkurrenz kann sich Sanofi nicht leisten. Dehecq warb deshalb am Montag um das Vertrauen der Aventis-Mitarbeiter. Die errechneten Synergien seien nicht gleichbedeutend mit Stellenstreichungen. Alle strategischen Produkte von Aventis würden verteidigt. Es gehe um gemeinsames Wachstum und die dauerhafte Sicherung der Existenz beider Konzerne.

Es geht eben auch um Sanofi. Denn ohne die Übernahme würden die Franzosen zum Jahresende ebenfalls zum Übernahmekandidaten. Zum Dezember läuft das Aktionärsbündnis von Total und L’Oréal aus, die gemeinsam über die Hälfte der Stimmrechte besitzen. Total will aussteigen, und die großen angelsächsischen Konkurrenten rechnen bereits durch, was ein Einstieg bei Sanofi kosten würde.

Die französische Lösung

"Deutsche" Gremien wie Vorstand und Aufsichtsrat bei Aventis wird es im künftigen Konzern nicht mehr geben: Sanofi will nach einer Übernahme einen Verwaltungsrat nach französischem Recht schaffen. Damit würden auch die alten Hoechst-Manager aus den Aufsichtsgremien verdrängt. Auch Grabenkämpfe zwischen Deutschen und Franzosen hätten dann wohl ein Ende. Noch im Herbst soll die deutsche Seite bei Aventis vergeblich auf die Ablösung des Firmenchefs Igor Landau gedrängt haben.

Mit der Verlegung des Firmensitzes nach Paris hätte zudem die Symbolik des "deutsch-französischen" Sitzes Straßburg ein Ende. Die französische Lösung ist konsequent, denn vom Gesamtkonzern würde nur noch jeder achte der 100.000 Mitarbeiter in Deutschland arbeiten. Ebenso konsequent lehnt das Aventis-Management die Fusion ab. Allerdings entscheiden nicht die Manager, die um ihre Posten fürchten müssen, sondern ihre Aktionäre über die Annahme des Übernahmeangebots.

Hans-Hermann Nikolei, DPA / DPA