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Vorstandsvergütungen: Aktionäre bestimmen Höhe der Managergehälter

In Deutschland steht ein Kulturbruch bei der Vorstandsvergütung an: Gleich mehrere Großkonzerne wie Siemens lassen künftig die Hauptversammlung über die Vorstandsvergütung abstimmen - bisher war das ein Privileg der Aufsichtsräte.

von Elisabeth Atzler, Angela Maier und Felix Wadewitz

Siemens will das Vorhaben bereits bei der Hauptversammlung im Januar umsetzen. ThyssenKrupp und Infineon verfolgen ähnliche Pläne. Die Entscheidung ist ein weiterer großer Erfolg für die Verfechter von Konzerntransparenz und Aktionärsdemokratie. Noch vor wenigen Jahren war bei den allermeisten Unternehmen nicht einmal bekannt, wie viel die Topmanager verdienen - nun erhalten die Investoren sogar ein Mitspracherecht in dieser Frage. Die weltweite Finanzkrise, die die Managervergütung in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit gerückt hat, verstärkt diese Entwicklung. Die USA bereiten momentan ein Gesetz vor, das börsennotierten Konzernen die Abstimmung über die Gehälter zwingend vorschreibt. In Großbritannien und den Niederlanden ist die Vorstandsvergütung schon jetzt Aktionärssache.

Grundlage für den Schritt von Siemens, ThyssenKrupp und Infineon - dem weitere Konzerne bald folgen dürften - ist das im Sommer verabschiedete Gesetz zur Angemessenheit der Vorstandsvergütung. Es zwingt den Aufsichtsratschef, auf der Hauptversammlung über die Bezahlung abstimmen zu lassen, wenn Anteilseigner das verlangen, die mindestens eine Beteiligung im Nennwert von 500.000 Euro oder fünf Prozent des Grundkapitals halten. Zwar wird das Investorenvotum über die Managergehälter nicht bindend sein. Allerdings dürften sich die Kontrollgremien schwertun, sich bei einem so populären Thema über ein Veto der Aktionäre hinwegzusetzen.

Die Stärkung der Aktionärsrechte ist nicht nur wachsender öffentlicher Kritik an verfehlter Corporate Governance, sondern auch dem zunehmenden Druck einflussreicher Großinvestoren geschuldet. Als prominenter Profianleger hatte der britische Pensionsfonds-Manager Hermes die Dax- und MDax-Konzerne Ende August per Brief aufgefordert, künftig über die Vorstandsvergütung befinden zu lassen.

In den USA Voraussetzung für Staatshilfen

"In Deutschland fehlt oft der Kontakt zwischen Aufsichtsrat und Investoren. Wenn über die Vorstandsvergütung abgestimmt wird, gibt es für den Aufsichtsrat einen Anreiz, vorher darüber zu sprechen", sagt Hermes-Manager Hans-Christoph Hirt. Er kritisiert, dass viele deutsche Unternehmen nicht genau angeben, an welche Erfolgsgrößen und Zielvorgaben die Vergütung gekoppelt ist. Und es sei nicht klar, dass nur im Vergleich überdurchschnittliche Leistungen auch so bezahlt werden. "Das Ergebnis der Abstimmung wird, wenn es schlecht ausfällt, eine große, auch öffentliche Wirkung haben." Das sei jetzt schon so, wenn Aktionäre gegen die Entlastung von Managern stimmen.

Die größte deutsche Fondsgesellschaft, die Deutsche-Bank-Tochter DWS, will gegebenenfalls für einzelne Unternehmen Abstimmungen für die Vorstandsbezahlung fordern. Wichtiger als das Votum sei aber, dass es einen starken Aufsichtsrat gebe, der seine Verantwortung wahrnehme, sagte ein DWS-Sprecher.

In den USA müssen schon jetzt sämtliche 282 Unternehmen, die Geld aus dem Tarp-Rettungspaket erhalten haben, die Topgehälter den Anteilseignern zur Abstimmung vorlegen. Schon bald soll die "Say on Pay" genannte Vorschrift für alle börsennotierten Unternehmen gelten. Die IT-Konzerne Hewlett-Packard, Intel und Microsoft haben bereits angekündigt, dem Gesetz zuvorzukommen und die Gehälter freiwillig zur Abstimmung zu stellen. Auch der Pharmariese Pfizer will seine Aktionäre entscheiden lassen.

FTD