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Horst von Buttlar: Der Capitalist: Die Grüngardisten kommen

SUVs, Nespresso, Schlachterplatte – ist es in Ordnung, wenn wir andere wegen klimaschädlichen Verhaltens zur Rede stellen? Da bleibt auf Dauer die Freiheit auf der Strecke. Es gibt intelligentere Wege.

Für den Klimaschutz wird gerade in vielen Formen demonstriert

Für den Klimaschutz wird gerade in vielen Formen demonstriert

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Vor einigen Tagen wurden auf dem Berliner Ku’damm eine Aktion gegen SUV-Fahrer durchgeführt. Es gab Blockaden, SUV wurden mit orangen Absperrbändern umkreist, Fahrer wurden zur Rede gestellt. 

Nun könnte man sagen, dass in Berlin ja seit einiger Zeit so einiges merkwürdig ist und aus der Bahn gerät und das Durchdrehen von der Regierung selbst vorgelebt und eingefordert wird. Ich habe über diese Aktion nachgedacht und finde, wenn wir uns schon gegenseitig unsere diversen Schadstoffausstöße ankreiden, dann bitte richtig. 

Wir benötigen Aktionen:

  • vor den Schaltern von Easyjet, Ryanair & Co.
  • überhaupt an Schaltern von Inlandsflügen und gegen Senatoren und HON-Circle-Members
  • vor Nespresso-Geschäften
  • vor Häusern mit Öl-Heizung (Man könnte Wachen bei Öllieferungen aufstellen und den Tanklaster blockieren)
  • vor ungedämmten Häusern
  • vor Starbucks, Coffee Fellows, Balzac, im Grunde allen Coffee-to-go-Läden und Bäckereien
  • vor Supermärkten, um die (Plastik-)Einkaufstaschen zu kontrollieren
  • an Fleischtheken und auf Grillwiesen
  • vor Ein-Euro-Läden, die Plastik aus China verkaufen

Ich könnte ewig weiterschreiben (was mich auch etwas erschrickt, weil es durchaus Spaß macht). Sie sehen, wo das hinführt. Aber: Es gibt ja Stimmen, die solche Ein- und Übergriffe durchaus gutheißen. 

Nun gehöre ich zu jenen, bei denen ein freiheitliches Herz noch zuckt bei solchen Aktionen, auch wenn man sich zusehends isoliert fühlt. Doch selbst, wenn es für so etwas Großes wie den Klimaschutz ist, hält diese Aktion, bei der man andere nötigt, kaum einem kategorischen Imperativ stand. Oder übersehe ich da was?

Ist Konsum nur scheinbar frei? 

Vor einigen Tagen saß ich im Zug neben einem Professor mit Rauschebart aus Tübingen, der sich wohl mit dem Thema befasste, denn beim Stibitzen auf seinen Laptop las ich den Satz: "Konsum ist nur scheinbar frei." Ich habe seitdem über diesen Satz nachgedacht, und musste feststellen, dass da etwas dran ist. Unser Konsum wird an vielen Stellen reguliert, verboten oder eingeschränkt; wir dürfen Alkohol erst ab 18, Waffen oder Drogen gar nicht oder unter strengen Regelungen und Medikamente nur auf Rezept kaufen. Wir dürfen nicht überall rauchen und nicht zu jeder Tageszeit auf der Straße trinken. 

Auch unser Verhalten ist nicht vollkommen frei: Wir dürfen nicht nackt auf dem Ku‘damm gehen, überall 200 km/ fahren, nachts den Rasen mähen, im Stadtpark zelten und vor Einfahrten parken. Unser Leben ist also seit jeher voll von Einschränkungen und Verboten. Darf man also, und das ist ja die Frage der nächsten Jahre, im Namen des Klimaschutzes die Freiheit weiter einschränken und Verhalten regeln und regulieren? 

Es gibt Kolumnisten, die behaupten, dass in Deutschland "niemand mehr Angst" vor Verboten habe. Keine Ahnung, ob diese Kollegen jeden Deutschen fragen, bevor sie so etwas schreiben. Mir jedenfalls dreht sich bei Aktionen wie der oben genannten immer noch der liberale Magen um. Ich sehe darin Vorboten eines neuen Autoritarismus, der diesmal grün statt rot ist und im Eifer, die Welt zu retten, die Freiheit auf der Strecke lässt.

Ich sehe allerdings schon, dass wir unser Verhalten an vielen Stellen überdenken müssen. Jeder muss bei sich selbst anfangen. Wir sollten dabei noch gezielter mit "Nudges" arbeiten. Nudge (auf Deutsch: "Schubser" ) ist ein Begriff aus der Verhaltensökonomie, den der Wirtschaftsnobelpreisträger Richard Thaler und der Jurist Cass Sunstein geprägt hat – sie verstehen darunter Maßnahmen, die unser Verhalten beeinflussen, ohne auf Verbote zurückzugreifen. 

Wenn der Drucker in Ihrem Büro standardmäßig auf "doppelseitig drucken" eingestellt ist – das ist ein Nudge. Wenn Sie heute in der Kantine das Obst auf Augenhöhe sehen und den Schokopudding unten – das ist auch einer. Auch dieser Trick, dass Geldautomaten nur Scheine ausgeben, wenn die Karte aus dem Schlitz gezogen wurde, ist ein "technischer" Nudge. Wenn Sie diesen Text als Mann lesen und auf einem öffentlichen Klo auf dem Urinal eine Fliege sehen – auch das ist ein Nudge. 

Im Umweltschutz sind Nudges nicht ganz neu, auf der Suche nach Beispielen fand ich sogar eine aufwändige Studie des Umweltbundesamtes, die auf 140 Seiten ökologische Schubser analysiert (die ganze Studie finden Sie hier) – darunter Ideen, Ökostrom als Standard bei Stromtarifen festzulegen oder eigene Kassen für gesunde Lebensmittel einzuführen. Bei To-Go-Bechern frage ich mich etwa, ob es zielführend ist, dass man Mehrwegbecher für einen Euro kauft, der dann schmutzig den ganzen Tag in der Tasche nervt, und der sich eh erst nach zwei Dutzend Mal klimabilanziell rechnet. Wenn man etwa den Einwegbecher getrennt erwerben muss ("Ein Cappuccino, ein Croissant und einen Einwegbecher bitte.") hätte das jedes Mal einen psychologischen Effekt. Vielleicht frühstücken einige wieder ab und an zu Hause.

Mir sind Nudges lieber, als dass auf den Straßen Truppen von Grüngardisten SUV-Fahrer nötigen, denn da kann manche Bereitschaft und manches Wohlgesonnensein auch schnell kippen.