Sunrise-Residenzen Altern in Samt und Seide


Das Essen: á la carte. Die Einrichtung: Kronleuchter und viel Holz. Die Pflege: all inclusive. Die Rede ist nicht von einem Luxushotel, sondern von einem Altenheim. Im Boommarkt Seniorenbetreuung setzt Betreiber Sunrise auf Plüsch, Zeit und Zahlungskraft.
Von Tim Braun

"Willkommen bei Sunrise Domizile, Sie sind jetzt in Schleswig-Holstein" - so wird hier der Gast begrüßt. 20 Kilometer von Hamburg entfernt, liegt das beschauliche Reinbek: Blondinen, die so gar nicht nach Vorstadt, sondern mehr nach dem edlen Hamburg-Eppendorf aussehen, bummeln entlang der Haupteinkaufsstraße an kleinen Schuhgeschäften und Boutiquen vorbei.

Reinbek geht es gut, die Arbeitslosenquote der 26.000-Einwohner-Stadt sei vergleichbar mit denen süddeutscher Wirtschaftsregionen, ist auf den Internetseiten der Stadt zu lesen - willkommen im Speckgürtel Hamburgs. Wo, wenn nicht hier, passt ein luxuriöses Altenheim wie das der Kette Sunrise hin?

Am Rosenplatz, der angesichts seiner üppigen Bepflanzung seinen Namen zu Recht trägt, steht neben Ärzten und zahlreichen Banken, die Sunrise-Villa. Im Inneren dominieren warme Töne - viel Holz, gedämpfte Farben auf dem Teppich und auf den zahlreichen naturalistischen und impressionistischen Bildern im Eingangsbereich. Es ist eine ganz eigene Welt, die Sunrise-Welt: Kronleuchter und matte Deckenlampen geben den Licht-Ton vor. Eine Sitzgruppe vor dem elektrischen Kamin, Sofas daneben an der Wand; vor einem Schreibtisch, der Rezeption, döst ein Golden Retriever. Dahinter führt eine offene Holztreppe in den ersten Stock.

"Schöner Wohnen" und Laura Ashley

Mit einem herkömmlichen Pflegeheim hat das nichts zu tun. Schon eher mit einem Hotel oder einer luxuriösen Wohngemeinschaft im Stil zwischen "Schöner Wohnen" und Laura Ashley. An den Beistelltischen und auf Kommoden stehen kleine Bilderrahmen, aus denen ältere Damen hervorlächeln - Bewohnerinnen, wie Direktorin Anette Fischer sagt. "Das ist das Haus der Bewohner", sagt sie, "wir sind hier nur Gäste." Die Freiheit, tun und lassen zu können, was man will, das sei das das Prinzip von Sunrise und es den Bewohnern zu ermöglichen, die Aufgabe der Mitarbeiter, so Fischer.

Wie in Reinbek, sehen die Sunrise Domizile auch in Denver, Colorado, in Fort Myers, Florida und in Louisville, Kentucky aus - einschließlich Kronleuchter und Golden Retriever. Denn Sunrise ist eine Kette, die vor 25 Jahren von dem Niederländer Paul Klaassen und seiner Frau Terry gegründet wurde und mittlerweile in Nordamerika und Großbritannien an 440 Standorten Platz für 52.000 Senioren bietet.

Vor zwei Jahren hat das börsennotierte Unternehmen den Sprung nach Deutschland gewagt und seitdem sechs Häuser eröffnet. Noch in diesem Jahr sollen Standorte in Wiesbaden, München und in Königstein hinzukommen - trotz der bisherigen Zurückhaltung deutscher Senioren und deren Erben. Die aktuelle Auslastung liegt bei rund 35 Prozent, ist von Unternehmensseite zu hören.

In Reinbek sind noch Zimmer frei

Auch in Reinbek sind noch Zimmer frei. In einigen Fällen mag das an der Sparsamkeit der Erben oder Bewohner liegen: 2900 Euro beträgt die monatliche Miete einer Anderthalb-Zimmer-Wohnung - allerdings "all inclusive", wie Fischer hinzufügt. Nach oben gibt es noch reichlich Spielraum - schon die Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung wirkt deutlich großzügiger. Und ist deutlich teurer.

Sämtliche Speisen und Getränke sowie Ausflüge, Vorträge und Piano-Abende seien in dem Preis enthalten. Im Eingangs- und Wohnzimmer-Bereich schließen sich das Bistro und der Speisesaal an. Im Bistro kann sich jeder nehmen, was er will, eine Liste wird nicht geführt. Im Speisesaal steht für die Bewohner morgens bis etwa 11 Uhr ein Frühstücksbuffet bereit; zu den anderen beiden Mahlzeiten können sie aus drei verschiedenen Menüs wählen.

In Hamburg betragen die durchschnittlichen Kosten in Wohnpflegeeinrichtungen, wie es in einer Statistik des Stadtstaates heißt, 1740 Euro - das ist die Warmmiete plus Verpflegung - Zusatzleistungen sind darin nicht enthalten. In den wenigsten städtischen Heimen dürfte es allerdings Aroma-Bäder geben oder die Möglichkeit geben, zwei Mal täglich á la carte zu speisen, inklusive der Freiheit, kommen und gehen zu können wann man will.

Zeit statt spezielle Leistungen

Neben all dem Luxus setzt das Unternehmen darauf, Nischen auf dem Markt für Alten- und Pflegeheime zu besetzen. "Assisted Living", ein Mittelding aus betreutem Wohnen und Pflege, nennt sich das Sunrise-Konzept. Die Bewohner schließen mit dem Unternehmen Pflegepakete ab. In ihnen enthalten sind nicht, wie sonst in Pflegeheimen üblich, Leistungen wie "Baden" oder "Anziehen"; sie orientieren sich ausschließlich an der vereinbarten Zeit. "In den 30 bis 60 Minuten am Tag kann jeder Bewohner so selbst entscheiden, in welchem Bereich er gerne Hilfe in Anspruch nimmt", sagt die Direktorin. Das koste zwar extra - obwohl das Unternehmen einen Versorgungsvertrag mit den Kassen hat.

Aber schließlich konkurriert Sunrise auch nicht mit gewöhnlichen Wohnpflegeeinrichtungen, wo auf stählernen Rollwagen mit Plastikhauben verhüllter Einheitsbrei herumkutschiert wird. Die Konkurrenten von Sunrise nennen sich "Seniorenresidenzen" und bieten nach Schätzungen der Unternehmenssprecherin der Augustinum-Gruppe, Eva Maria Lettenmeier, rund 7000 Plätze in Deutschland an.

Augustinum-Gruppe betreibt 21 Häuser

An die 300 davon deckt die Augustinum-Gruppe ab; ein seit 40 Jahren bestehendes gemeinnütziges Unternehmen, das dem Diakonischen Werk der evangelischen Kirche angehört und 21 Häuser in Deutschland betreibt. Auch beeindruckt das Premium-Angebot, attraktive Lage, Schwimmbäder, 3-Gänge-Menü den Standard-Rentenempfänger. Zwar sieht man sich nicht als direkter Konkurrent, doch der Preis für Unterkunft und Verpflegung liegt auch immerhin zwischen 1200 und 1800 Euro.

Die Augustinum-Betreiber richten ihr Angebot an Senioren, denen ein selbständiges und selbstbestimmtes Leben in angenehmer Atmosphäre wichtig ist. Deswegen liegt die durchschnittliche Mietdauer dort bei zehn Jahren. Sunrise richtet sein Angebot für das "assisted living" eher an die Angehörigen, die für ihre pflegebedürftigen Verwandten einen Platz in einer Einrichtung suchen.

Demenzkranke im zweiten Stock

Im zweiten Stock leben diejenigen Senioren, die zumindest alleine, die Sunrise-Welt kaum verlassen: Demenzkranke, überwiegend Frauen. Auch hier setzt sich das gedämpfte Licht und der gediegene Stil fort. Auf der gesamten Etage liegt schwerer, matt-roter Teppich, wieder ein Kamin, wieder verschiedene Sessel, noch mehr Sofas, ein Erlebnisraum, eine große Terrasse. Es riecht angenehm, die Stimmung soll beruhigen.

Per Zahlencode kommt der Aufzug, der einen wieder in das Erdgeschoss zu Kronleuchter und Golden Retriever bringt. Vor der Ausgangstür zögert man kurz; davor wartet wieder die Realität. Auch wenn es die gehobene eines reichen Städtchens ist.


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