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Jil Sander: Das Comeback der Modeprinzessin

Jil Sanders kürzlich verkündete Rückkehr in das Unternehmen, das ihren Namen trägt, elektrisiert die Modewelt. Den Wiedereinstieg ließ sie sich mit einem Platz im Strategiegremium der Muttergesellschaft Prada Holding bezahlen.

Die Reaktionen reichen von "total überrascht" bis hin zu "Warum tut sie sich das an?" Zwar kursierten immer wieder Gerüchte, die Designerin plane ein Comeback, aber dass sie sich dabei noch einmal auf Patrizio Bertelli einlässt, galt als ausgeschlossen. Dem Chef des italienischen Prada-Konzerns hatte Sander 1999 ihr Lebenswerk verkauft. Ein Jahr später trennten sie sich im Streit.

Allgemeine Verblüffung

"Ja, auch wir sind total verblüfft", hieß es bei der in Frankfurt/Main erscheinenden Branchenzeitschrift «TextilWirtschaft». "Jil Sander und Patrizio Bertelli gelten als starke Charaktere, treffen ihre Entscheidungen eigentlich mit gnadenloser Konsequenz. Aber Bertelli musste erkennen, dass Sander die Einzige ist, die das Ruder noch herumreißen könnte."

Nachfolger schaffte es nicht

Mittlerweile läuft die Marke längst nicht so, wie Bertelli sich das vorgestellt hat. Zwar blieben die Umsätze stabil, doch stiegen die Verluste. Der von Bertelli als Designer eingesetzte Milan Vukmirovic bewegte sich von Anfang an auf dem schmalen Grat, die Handschrift seiner Vorgängerin zu bewahren und dennoch eigene Akzente setzen zu müssen. Die Presse sparte nicht mit Häme. "Jeden Morgen wenn der Wecker klingelt, wacht Milan Vukmirovic auf, und er ist immer noch nicht Jil Sander", spöttelte einmal die amerikanische Fachzeitung «Women’s Wear Daily».

Sander-Klientel blieb aus

Der Franzose jugoslawischer Herkunft entwickelte zusehends einen Stil, in dem sich die klassische Sander-Klientel nicht mehr wieder fand. Zu sportlich, zu hart, empfand sie die Mode. Jil Sander selbst bediente stets die erfolgreiche, emanzipierte Frau mit einem ultimativen Anspruch an Qualität. Seit 1997 kleidete sie auch Männer ein. Die Kundschaft identifizierte sich nicht nur mit dem Produkt, sondern auch mit der Person Jil Sander. "Nach ihrem Rückzug hatte das Unternehmen seine Seele verloren", analysiert Winfried Rollmann vom in Paris ansässigen Trendbüro «Seasons».

Sander klare Siegerin

"Bertelli musste sicherlich ganz schön bluten", so wertet die Branche den Neustart und wittert eine klare Siegerin. Als Beleg dafür sieht sie die Aufnahme Jil Sanders in das dreiköpfige Strategiegremium der Muttergesellschaft Prada Holding N.V., zu der unter anderem auch noch die Modemarke Helmut Lang gehört. Die Hamburgerin ist damit auf Augenhöhe mit Patrizio Bertelli und dessen Ehefrau Miuccia Prada.

Es noch einmal allen zeigen

Wirtschaftliche Gründe mögen den Prada-Boss zur Einsicht bewegt haben, auf Sanders Seite kann man sie wohl ausschließen. Geld muss sie nach dem Verkauf ihrer letzten Stammaktien im vergangenen Jahr vermutlich nicht mehr verdienen. "Jil Sander hat sehr gelitten, zu sehen, in welche Richtung die Entwicklung der Marke lief. Sie war ihr Kind, und das wurde schlecht behandelt. Jetzt will sie noch einmal beweisen, dass Jil Sander lebt", glaubt Hanni Pontani, Modechefin der in München erscheinenden Frauenzeitschrift «Madame». Sander selbst äußert sich so: "Immer wieder bin ich von Seiten der Kunden gefragt worden, ob ich nicht zurückkehren wolle. Das gab mir den Mut zu einem Neubeginn."

Erste Kollektion kommt Ende Juni

Mit Spannung wartet die Branche nun auf die erste wieder von Jil Sander selbst entworfene Kollektion. Sie wird Ende Juni anlässlich der Mailänder Männerschauen Frühjahr/Sommer 2004 vorgeführt werden. Die Umstände sind denkbar ungünstig, denn die Luxusindustrie steckt in der Krise. Dennoch glauben viele an einen Erfolg. "Jil Sander bekommt auf jeden Fall einen großen Bonus mit auf den Weg", meint Winfried Rollmann und verweist auf die hohen Sympathiewerte, die sie in den Medien und bei den Einkäufern genießt. "In der Marke steckt nach wie vor ein großes Potenzial. Ihr altes Kundenpotenzial liegt derzeit praktisch brach."

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