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"De-Qualifizierung" an der VHS: Einmal blöd machen, bitte!

Die Volkshochschule Osterode wollte Akademiker mit einer ganz speziellen Weiterbildung fit für den Bau machen. Doch der verfrühte Aprilscherz ging nach hinten los.

Von Daniel Bakir

Unweigerlich fallen einem die Meldungen aus Spanien ein. Von jungen Akademikern, die keine Stelle finden, die ihren Qualifikationen entspricht. Und sich deshalb mit Aushilfsjobs über Wasser halten. Aber bei uns? Herrscht hier nicht eigentlich Fachkräftemangel? Wer das Kursangebot der Kreisvolkshochschule Osterode für das kommende Frühjahr liest, kann ins Zweifeln kommen.

Denn angeboten wird dort ein Kurs zur "De-Qualifizierung für Akademiker". Ein akademischer Abschluss oder gar eine Promotion könne beim Zugang zu bestimmten Berufen wie Bauhelfer eine große Einstellungshürde sein, heißt es in der Kursbeschreibung. "In diesem Kurs versuchen wir, durch Erlernen eines zielgruppenspezifischen Vokabulars, angepasste Kleidung und gezielte Verhaltensänderungen auch aus promovierten Geisteswissenschaftlern wieder echte Männer zu machen." Ein entsprechender Kurs für Frauen sei in Vorbereitung.

Was man in 320 Unterrichtsstunden "De-Qualifizierung" so alles lernen kann, würde man wirklich zu gerne wissen. Schlüpfrige Witze, Rülpsen, "Bild"-Zeitung lesen? Stutzig machen sollte einen allerdings der geplante Starttermin des "Intensivkurses": 1. April 2013. Und an dem sind Scherze ja bekanntlich nicht ganz ausgeschlossen.

Ein Anruf in Osterode am Harz sorgt für Klarheit. "Ja, es handelt sich um einen Aprilscherz", sagt Sylke Miksch von der Kreisvolkshochschule zu stern.de. Scherzkurse zum 1. April hätten eine lange Tradition. In den vergangenen Jahren habe es zum Beispiel einen venezianischen Gondelführerschein mit Gesangsprüfung im Angebot gegeben. "Wir haben nicht damit gerechnet, dass das missverstanden wird und wollten auch niemandem damit zu nahe treten", sagt Miksch.

"Steuergelder für Proll-Slang-Kurse?"

Seit Donnerstagnachmittag seien allerdings jede Menge, überwiegend unfreundliche, E-Mails eingegangen. Die Seite Abschnittstext www.gegen-hartz.de, die das Angebot zunächst für bare Münze nahm, hatte sich in einem Artikel darüber empört. Zwar klärte die Seite am Freitag in einem Update über den verfrühten Aprilscherz auf. Im Forum war aber schon eine muntere Diskussion entstanden, wobei nicht alle Teilnehmer den Scherz durchschauten. "Dafür werden Steuergelder verschwendet, für Proll-Slang-Kurse?", fragte ein User ungläubig. "Ja man glaubt es nicht, was es für sinnlose Kurse gibt", antwortete jemand. Ein anderer wollte wissen, welche Bildungsträger das noch anböten, welche Zertifizierung Anbieter und Dozenten hätten und wie viel das koste.

"Wenn die Akademiker sich weigern - Sanktionen", forderte dagegen ein Diskutant wohl nicht ganz ernst. Und einer meinte in Anlehnung an Loriot: "Also irgendwie glaub ich, dass ein Jodeldiplom noch sinnvoller wär, da hat 'Mann' was eigenes!"

Die kleine Kreisvolkshochschule aus Osterode am Harz (Arbeitslosenquote übrigens 8,7 Prozent) sah sich mittlerweile zu einer offiziellen Klarstellung auf ihrer Homepage genötigt. "Sollte trotzdem einmal jemand versuchen, sich anzumelden, würde dieses Missverständnis sofort am Telefon klargestellt."

Die stern.de-Buchempfehlung für enttäuschte Interessenten: "Voll beschäftigt" von Oliver Uschmann. Ein Roman über zwei Freunde, die Byzantinisten zu Bauarbeitern, Ingenieure zu Instandsetzern und Skandinavistinnen zu Ikea-Sekretärinnen dequalifizieren - und damit die Vorlage für die Scherzkekse aus Osterode liefern.

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