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Arbeitslosigkeit: Immer mehr rutschen in Sozialhilfe ab

Fast drei Millionen Menschen hängen mittlerweile am Tropf der Sozialämter - plus zwei Prozent gegenüber 2003. Nun hofft der Städte und Gemeindebund auf Hartz IV.

Wegen der anhaltend hohen Arbeitslosigkeit in Deutschland rutschen immer mehr Menschen in die Sozialhilfe ab. Verstärkt sind davon auch Kinder und Jugendliche betroffen. Wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden am Montag mitteilte, lebten im vergangenen Jahr insgesamt 2,81 Millionen Menschen von der Hilfe zum Lebensunterhalt, zwei Prozent als im Vorjahr. Ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung stieg um 0,1 Prozentpunkte auf 3,4 Prozent.

Anteil der arbeitslosen Sozialhilfeempfänger stieg um 14,3 Prozent

Die Statistiker errechneten bei der Altersgruppe von 18 bis 64 Jahren einen Anstieg der Empfänger um 5,3 Prozent auf 1,63 Millionen. Diese Entwicklung ist nach Angaben des Bundesamtes vor allem auf die Zunahme der arbeitslosen Sozialhilfeempfänger zurückzuführen: Deren Zahl stieg um 14,3 Prozent auf 836.000. Allerdings sind auch Menschen mit Arbeit betroffen: 2003 verdienten etwa 147.000 Teil- oder Vollzeitbeschäftigte so wenig Geld, dass sie Sozialhilfe beantragen mussten.

Einen starken Anstieg verzeichneten die Behörden bei Kindern und Jugendlichen: Die Zahl der unter 18-Jährigen, die auf Sozialhilfe angewiesen sind, nahm gegenüber 2002 um 6,2 Prozent auf 1,08 Millionen zu. Damit waren im vergangenen Jahr 7,2 Prozent aller Kinder und Jugendlichen in Deutschland auf Hilfe zum Lebensunterhalt angewiesen.

Im Osten ein Plus in Höhe von 4,9 Prozent

In den alten Bundesländern ohne Berlin lebten 2003 etwa 2,12 Millionen Sozialhilfeempfänger, in Ostdeutschland, ebenfalls ohne Berlin, 426.000. Damit erhöhte sich die Zahl der Bezieher im Westen um 1,2 Prozent und im Osten deutlich stärker um 4,9 Prozent.

Die höchsten Sozialhilfequoten gab es erneut in Bremen (9,2 Prozent), Berlin (7,7 Prozent) und Hamburg (6,9 Prozent). Unter den Flächenländern wiesen das Saarland und Schleswig-Holstein mit jeweils 4,1 Prozent die höchsten Quoten auf. Die niedrigsten Sozialhilfequoten verzeichneten Bayern (1,8 Prozent), Baden-Württemberg (2,1 Prozent) und Thüringen (2,3 Prozent). Ausländer hatten mit 8,4 Prozent eine deutlich höhere Sozialhilfequote als Deutsche mit 2,9 Prozent.

Der Deutsche Städte- und Gemeindebund hofft angesichts des Anstiegs bei der Sozialhilfe Hartz IV. "Die Zahlen sind eher eine Bekräftigung für Hartz IV und graben den Gegnern das Wasser ab", sagte der stellvertretende Hauptgeschäftsführer Helmut Dedy der Nachrichtenagentur AP. Er begrüßte vor allem die verpflichtenden Angebote für Menschen unter 25. "Es gibt mittlerweile regelrechte Sozialhilfekarrieren", sagte Dedy. Diese müssten dringend durchbrochen werden. Es sei menschenunwürdig, dass Familien manchmal bereits in der zweiten oder dritten Generation von Sozialhilfe lebten. Nach Dedys Aussage stiegen allein in der ersten Jahreshälfte 2004 die Sozialausgaben der Städte und Gemeinden um etwa sechs Prozent.

Hartz IV werde Sozialhilfeempfängern helfen

Auch Sozialministerin Ulla Schmidt verteidigte die Einführung der Arbeitsmarktreform. Mit Hartz IV werde vom kommenden Jahr an erwerbsfähigen Sozialhilfeempfängern gezielter geholfen, weil sie Leistungen der Bundesagentur für Arbeit erhalten würden.

Der Paritätische Wohlfahrtsverband warnte angesichts der Reform vor einer wachsenden Kinderarmut. Hauptgeschäftsführer Ulrich Schneider forderte, den geplanten monatlichen Kinderzuschlag von bis zu 140 Euro je Kind auch Langzeitarbeitslosen zu gewähren. Der Kinderzuschlag ist für gering verdienende Familien gedacht, die zwar ihren eigenen Unterhalt, aber nicht den ihrer Kinder bestreiten können. Er soll ebenfalls 2005 eingeführt werden.

Thomas Seythal/AP / AP / DPA