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ARBEITSMARKT: Im Zweifel fürs Gefühl

Jura-Studenten können eigentlich alles werden: Liebling Kreuzberg oder Manager im Großkonzern. Der neue Studiengang Wirtschaftsrecht vergrößert sogar noch die Qual der Wahl. Welchen Weg also soll man einschlagen? Am besten, man hört auf seine innere Stimme. Zwei Juristen - zwei Fälle.

Auf Partys muss er sich immer verteidigen - »Was, du vertrittst Kinderschänder und Vergewaltiger vor Gericht? Wie kannst du bloß?« - Aber wie man sich verteidigt, das hat er ja gelernt. Ursus Koerner von Gustorf hat nicht nur einen komischen Namen (»verarmter preußischer Landadel«), sondern auch einen komischen Beruf: Er ist Strafverteidiger - ausschließlich. Darauf spezialisieren sich nur ganz wenige Anwälte, weil man mit Strafsachen garantiert nie reich wird und nur selten berühmt.

In den Augen von Karriereberatern hat Ursus Koerner von Gustorf, 34, also alles falsch gemacht, was junge Juristen falsch machen können: Hat sich schon im Studium mehr für Strafrecht und Kriminologie interessiert als für Steuer- und Wirtschaftsrecht. Hat lieber »Tötung des Intimpartners« gelesen als Urteile zu Kaufverträgen. Doch die »Erbsenzählerei«, wie er es nennt, hat ihm einfach keinen Spaß gemacht. »Wenn Firma A wegen irgendwelcher Hypothekenzinsen gegen Firma B klagt, kann ich da kein Herzblut reinlegen.«

Koerner ist ein kleiner, stämmiger Typ mit einem breiten Kreuz, der am liebsten Jeans und Cordjacke trägt. Worte sind seine Stärke, er liebt den Auftritt. Im Referendariat arbeitet er für einen renommierten Berliner Strafverteidiger, da hat er viel gelernt - kurze Sätze machen zum Beispiel, laut und leise reden, jemandem in die Augen gucken. »Man muss präzise sein, aufmerksam, extrovertiert. Ein bisschen Eitelkeit gehört sicher auch dazu«, gibt Koerner zu.

Gleich nach dem zweiten Staatsexamen macht er sich mit einer Kommilitonin selbstständig. Der pure Wahnsinn, schließlich gibt es in Deutschland schon 118.000 Anwälte. Allein im vergangenen Jahr haben 15 Prozent der Berufsanfänger ihre Zulassung frustriert zurückgegeben. Zu wenig Mandanten, zu wenig Geld. In Berliner Gerichten klauen sich Anwälte sogar die Roben. »Meine war auch schon mal weg, eine Sauerei, die kosten 200 Euro«, sagt Koerner.

Auf der Seite der Schwachen stehen

Egal. Die beiden mieten sich ein winziges Büro in Kreuzberg, suchen den billigsten Telefonanbieter raus und zahlen sich 1.000 Euro Gehalt im Monat aus. Zum Gericht fährt Koerner mit dem Fahrrad oder dem zerbeulten Peugeot. »Wir waren so eine Art Bonsai-Ausgabe von ?Liebling Kreuzberg'.«

Dabei hat er nie romantische Vorstellungen von seinem Job gehabt. Viele seiner Klienten sind ihm unsympathisch, er sieht es ihnen schon an, wenn sie lügen. »Wenn einer, dem eine Vergewaltigung vorgeworfen wird, mir Quatsch erzählt von wegen: ?Die wollte das doch so', obwohl die Aktenlage eindeutig ist, dann bekommt er spätestens mit dem Urteil ein Problem.« Als Verteidiger empfiehlt Koerner solchen Mandanten, ein Geständnis abzulegen. »Ich frage kein vermeintliches Vergewaltigungsopfer, ob sie ein promiskuitives Luder sei, mach ich nicht.« Man müsse auf der Seite der Schwachen stehen, findet Koerner.

Fast keiner seiner Mandanten kommt aus einer intakten Familie oder hat eine Ausbildung. Der Akademikersohn, dessen Eltern in einer Villa im Grunewald leben und der mit Koks dealt, ist die absolute Ausnahme. Was er dagegen tagtäglich erlebt, ist Hilflosigkeit. Einer seiner Mandanten hatte einen IQ von höchstens 65, »der konnte nicht unterscheiden zwischen gestern und vor zehn Jahren«. Der Mann hatte den eigenen Onkel mit der Kohlenschaufel erschlagen, eine wüste Tat, »aber der war völlig überfordert«. Ein Skandal sei das gewesen, weil der Mann durch alle sozialen Netze gefallen war, nicht betreut wurde, in einem kompletten Dreckloch hauste. »Schuld ist auch Vorwerfbarkeit, und dem konnte man die Tat weniger vorwerfen als mir, hätte ich sie begangen.«

Fast alle seine Fälle bekommt der junge Strafverteidiger von den Justizbehörden, Pflichtverteidigungen für 250 bis 300 Euro pro Tag, die viele etablierte Rechtsanwälte ablehnen. Koerner erhält auf diese Weise seinen ersten großen Fall: einen Rachemord im Roma- und Sinti-Milieu. Acht Angeklagte, 92 Verhandlungstage, eigentlich ein Albtraum. »Die haben alle gelogen.« Bis zum Schluss war er sich nicht sicher, ob sein Mandant unschuldig ist oder vielleicht doch geschossen hat. Im Zweifel für den Angeklagten: Es gab einen Freispruch. »Später hat ein anderes Mitglied der Sippe die Tat gestanden«, sagt Koerner. Da war er verdammt froh.

Ratschlägen der Karriereberater nie gefolgt

Der Fall war eine Art Feuerprobe für ihn, er musste auf eigene Faust Ermittlungen anstellen, spürte eine Zeugin in Bosnien auf und setzte durch, dass sie per Fernseh-Schaltung im Gericht vernommen werden konnte. Koerner liebt das: die hartnäckige Recherche, das Eintauchen in immer neue Themen. Als ein Mandant wegen fahrlässiger Brandstiftung vor Gericht steht, beschäftigt er sich zwei Wochen lang ausschließlich mit Sprinkleranlagen und studiert Videos von Kamineffekten. Das Internet, sagt er, sei für ihn eine Offenbarung gewesen, weil er mit dessen Hilfe viel schneller an alle erdenklichen Informationen rankommen könne.

Nur drei Wochen während der Gründungsphase seiner Kanzlei hat Koerner Existenzängste. Dann merkt er, dass er etwas zu tun hat. Das macht ihn sicher. Und die Fälle werden spektakulärer. Vor dem Landgericht Potsdam verteidigt er eine ehemalige DDR-Richterin, die wegen Rechtsbeugung angeklagt ist - für ihn ein Fall von politischer Justiz. Es gibt einen Freispruch, die Springer-Presse tobt. Das Schizophrene an diesem Fall: »Ich wusste genau, hätte ich in der DDR gelebt, wäre ich einer von denen gewesen, die sie verknackt hätte.« Einer, der an Schweigemärschen teilgenommen hätte oder an Demos oder der einen Ausreiseantrag gestellt hätte.

An Gerechtigkeit glaubt Koerner nicht - aber an den Rechtsstaat. Und das heißt: »Jeder hat Anspruch auf einen fairen Prozess.« Das ist der Satz, mit dem er sich auch auf Partys immer verteidigt.

Ursus Koerner von Gustorf ist den Ratschlägen der Karriereberater nie gefolgt, sondern immer nur seinem Gefühl. Nach einem kurzem Zwischenspiel als fest angestellter Rechtsanwalt hat er sich im September wieder selbstständig gemacht. Seine Kanzlei ist jetzt größer als früher, sein Gehalt deutlich besser, und um die Telefonanschlüsse kümmert sich längst eine Sekretärin. Nur die Mandanten sind die gleichen geblieben.

Rechtsanwalt - das wollte Kai Bockelmann auch mal werden. Oder Sportler. Aber soll man sein Hobby zum Beruf machen? Bockelmann, 29, entschied sich für einen ganz anderen Weg: Er studierte Wirtschaftsrecht in Lüneburg, ein Reformstudiengang, der nach nur acht Semestern zum Diplom führt und die Tür zum Arbeitsmarkt weit öffnet. Statt im Trainingsanzug über den Platz zu jagen, trägt Kai Bockelmann heute Nadelstreifen und fliegt beruflich oft nach London.

Das Glück in der Nische

Bockelmann arbeitet in Hamburg als Diplom-Wirtschaftsjurist bei Aon Jauch & Hübner, dem zweitgrößten Versicherungsmakler der Welt. Der Weg zu seinem Büro im siebten Stock führt durch ein lichtdurchflutetes Atrium, die deckenhohen Fenster gewähren Aussicht auf eine der Hauptverkehrsadern Hamburgs. Dass einer, der hier arbeitet, die »Financial Times« liest, ist klar, aber dass der »Kicker« zur Pflichtlektüre zählt? »Ich habe meine Nische gefunden«, sagt Bockelmann, und die heißt »Sportversicherung«: Aus dem Fan und Freitzeit-Kicker Bockelmann ist der Versicherungsexperte geworden, und von dessen Standpunkt aus ist Profi-Sport eine verdammt teure und gefährliche Sache.

Sportversicherung ist eine junge und noch exotische Versicherungssparte. »Als Erstes ist Lloyd's of London auf die Idee gekommen, die Beine von Stars wie Ronaldo zu versichern«, erzählt Bockelmann. Je mehr Geld im Profi-Sport zu verdienen ist, desto größer werden die Risiken, die es zu versichern gilt. Superstars wie die Dortmunder Fußballer Tomá Rosický oder Amoroso erhalten häufig Garantieverträge, das heißt, sie bekommen ihr Gehalt, egal ob sie gesund, krank oder verletzt sind. Angenommen, der Super-GAU tritt ein und der teuer eingekaufte Star sitzt verletzt auf der Bank, kassiert aber weiter sein Gehalt, ist das ein Schadensfall für den Club, auf den Mitglieder - und im Fall von Dortmund auch Aktionäre - ganz schön sauer reagieren können. Ein solches Risiko lassen die Clubs heute in der Regel versichern.

Sogar der Erfolg kann zum Schadensfall mutieren. Real Madrid ließ sich 1998 erstmals gegen den Gewinn des Champions-League-Finales versichern. Weil die Spieler bei einem Sieg hohe Prämien erhalten sollten, wollte der Club das eigene Risiko gering halten. Die Versicherung schätzte die Wahrscheinlichkeit eines Siegs auf zirka zehn Prozent - und verschätzte sich: Madrid gewann die Champions League, die Versicherung musste zahlen. »Eine Katastrophe«, sagt Bockelmann. Und eine Art, Versicherungen abzuschließen, die dem Zocken recht nahe kommt.

Als die Geschichte mit Real Madrid durch die Presse ging, war Bockelmann bereits mitten im Hauptstudium. Besser gesagt: Er langweilte sich in der Vorlesung »Haftungs- und Versicherungsrecht«, las den »Kicker« und konnte sich für keins der Referatsthemen erwärmen. Ob er nicht etwas über Sonderrisiken im Sport schreiben könne, fragte er seinen Professor. Konnte er. Damit waren die Weichen für sein Berufsleben gestellt: Das Thema fesselte ihn so sehr, dass er Kontakte knüpfte zu den wenigen Experten, die es in Deutschland gab, seine Diplomarbeit über das Thema schrieb und gleich nach dem Examen in die Branche einstieg.

Kampfansage an den Einheitsjuristen

Dabei war zu Beginn des Studiums nicht klar, wie erfolgreich die Ausbildung sein würde: Als Kai Bockelmann 1994 gemeinsam mit 40 Studenten zum Lüneburger Modellstudiengang antrat, war die Truppe eine kleine Sensation: Erstmals gab es eine Alternative zum klassischen Jura-Studium, die zum »Richteramt befähigt«. Aber Deutschland wäre nicht Deutschland, hätte es nicht Widerstand gegen derart revolutionäre Neuerungen gegeben: Natürlich klagte ein Anwalt dagegen, dass sich Absolventen wie Bockelmann »Diplom-Wirtschaftsjurist« nennen dürfen. Von »Etikettenschwindel« war die Rede und von einer »Kampfansage an den Einheitsjuristen«.

Mittlerweile ist der Streit beigelegt, 21 Fachhochschulen und fünf Unis bieten den Studiengang an, die Nachfrage bei Studienanfängern steigt, und die vielseitigen Absolventen machen klassischen Juristen und Betriebswirten auf dem Arbeitsmarkt ordentlich Konkurrenz: Sie arbeiten in Unternehmensberatungen, bei Luft- und Raumfahrtkonzernen, als Personalreferenten für Baukonzerne.

Kai Bockelmann fand das Studium zu verschult, er hätte sich mehr Freiheiten gewünscht. Bereut hat er seine Entscheidung trotzdem nicht. Vier Jahre nach dem Examen ist er häufig Gast in den VIP-Lounges deutscher Fußball-Arenen. Er diskutiert mit den Kollegen in London neue Marktentwicklungen, studiert Knorpelschäden und ermittelt »Beinwerte«. Als Versicherungsmakler muss er unter den wenigen nationalen und internationalen Anbietern von Sportversicherungen den besten Vertrag für seine Kunden finden oder aushandeln. Der Makler erhält eine Provision.

»Das Problem«, sagt Bockelmann, »sind nicht die Ballacks oder die Ronaldos.« Das Problem ist der 21-jährige Nachwuchsstürmer, der nach dem zweiten Kreuzbandriss Sportinvalide wird, keine Ausbildung hat und sich dann mit der Versicherung herumstreiten muss: War eine Vorverletzung mit schuld an der Verletzung? Wenn ja, zahlt die Versicherung womöglich nur ein Viertel der Summe, und das ist oft zu wenig, um beim Start in ein völlig neues Leben zu helfen.

Kai Bockelmann muss kein neues Leben anfangen - obwohl sein Knie nach einem Kreuzbandriss chronisch entzündet ist und es mit dem Kicken bei seinem Club vorerst aus ist. Aber zum Glück hat er sein Hobby ja nicht zum Beruf gemacht.

Doris Schneyink