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Arbeitsmarkt: Länger arbeiten bringt nichts

Eine Untersuchung belegt: 40 Stunden und mehr pro Woche malochen ist nicht das Allheilmittel für den deutschen Arbeitsmarkt.

Längere Arbeitszeiten werden dem deutschen Arbeitsmarkt nach Erkenntnissen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) momentan nicht weiterhelfen. Sie würden sogar zu noch weniger Neueinstellungen führen, belegen die IAB-Wissenschaftler Eugen Spitznagel und Susanne Wanger in ihrem jüngsten Bericht.

Darin beklagen die beiden Arbeitsmarktforscher erhebliche Defizite in der politischen Diskussion über eine Verlängerung der Wochenarbeitszeit. Die Argumentation werde oft aus einzelwirtschaftlicher Perspektive geführt. "Gesamtwirtschaftliche Aspekte werden weitgehend vernachlässigt", lautet das Fazit der Wissenschaftler. Die Nachfrageseite wird zum Teil ausgeblendet, insbesondere die derzeitige konjunkturelle Lage und der teilweise niedrige Auslastungsgrad der Produktionskapazitäten.

Betriebe tendieren zum Stellenabbau

Noch ist die Konjunktur auch aus der Sicht von Wirtschaftsforschern und Bank-Analysten so schwach, dass zusätzliche Aufträge mit bestehendem Personal und notfalls durch Überstunden abgearbeitet werden. Neueinstellungen - das sagte auch Heinrich Alt, Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit (BA) - werden erst bei einem Wirtschaftswachstum von zwei plus x Prozent vorgenommen. Solange nicht die so genannte "Beschäftigungsschwelle" erreicht ist - die bisher bei etwa 2,5 Prozent Wachstum lag - werden in den Betrieben eher Stellen abgebaut.

Das belegen auch die Daten des Statistischen Bundesamtes. Die Zahl der Erwerbstätigen liegt nach jüngsten Berechnungen mit insgesamt 38,18 Millionen um 100.000 unter Vorjahresniveau. Gleichzeitig ging die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten binnen zwölf Monaten sogar um 518.000 auf 26,45 Millionen zurück.

Produktivität der Beschäftigen nimmt mit zunehmender Stundenanzahl ab

Neben den Forschern des IAB, das zur Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg gehört, steht auch die überwiegende Mehrzahl der Betriebe einer Arbeitszeitverlängerung ohne Lohnausgleich indifferent oder negativ gegenüber. Ganze drei Prozent der Unternehmen erwarten positive Effekte. Der schlichte Dreisatz "Zehn Prozent längere Arbeitszeit bedeutet zehn Prozent weniger Beschäftigung und entsprechend mehr Arbeitslose" lässt sich jedoch nicht anwenden. "Im Moment fehlt es vor allem an der notwendigen Güternachfrage", sagt Spitznagel.

Außerdem nimmt die Produktivität der Beschäftigten mit zunehmender Stundenzahl ab. Auch mögliche Motivationsverluste sind aus der Sicht der Wissenschaftler nicht zu unterschätzen.

So hätte eine längere Wochenarbeitszeit auch einen Rückgang der Überstunden, einen Abbau von Arbeitszeitkonten, mehr Kurzarbeit und weniger Nebentätigkeiten zur Folge. "Eine Arbeitszeitverlängerung würde den Einstellungsdruck, der von einer konjunkturellen Belebung ausgeht, abschwächen", heißt es im IAB-Kurzbericht. Im Gegenzug ginge das zu Lasten der Arbeitssuchenden. Bei entsprechend niedriger Auslastung der Kapazitäten würde der Entlassungsdruck steigen. Zumindest kurzfristig würde das die Beschäftigungsentwicklung bremsen und die Konsumnachfrage schwächen.

Wochenarbeitszeit: Deutschland liegt im europäischen Mittelfeld

"Für die Wachstumsschwäche und die Verschärfung der Beschäftigungskrise in den vergangenen drei Jahren kann die tarifliche Arbeitszeit nicht ursächlich gewesen sein", belegen Spitznagel und Wanger durch Zahlen. So hat die effektive Jahresarbeitszeit eines Vollzeitbeschäftigten zwischen 1991 und dem Jahr 2003 lediglich um 0,3 Prozent auf 1.636 Stunden abgenommen.

Mit einer durchschnittlichen Wochenarbeitszeit von 39,9 Stunden liegt Deutschland laut EU-Arbeitskräfteerhebung im Mittelfeld. Eine mit 29,1 Tagen vergleichsweise hohe Zahl von Urlaubstagen wird durch relativ weniger bezahlte Feiertage zumindest teilweise kompensiert. Mit durchschnittlich 10,5 Stunden liegt Deutschland knapp unter dem europäischen Mittelwert, auch wenn Briten und Niederländer nur 8 Feiertage haben. Das Fazit der Wissenschaftler: "Deutschland ist im europäischen Vergleich keineswegs 'Freizeitweltmeister' wie in den Medien oft behauptet wird."

Manfred Präcklein, dpa