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Arbeitsmarkt: Stellschraube Arbeitszeit - lockern oder festziehen?

In Deutschland wird wieder an der Stellschraube Arbeitszeit gedreht. Doch es herrscht Uneinigkeit, ob die Schraube gelockert oder festgezogen werden soll.

In Deutschland wird wieder an der Stellschraube Arbeitszeit gedreht. Doch es herrscht zwischen Unternehmern, Politikern und Gewerkschaftern Uneinigkeit, ob die Schraube gelockert oder festgezogen werden soll. Um Arbeitsplätze zu retten, kürzen einige Firmen die Wochenarbeitszeit ihrer Mitarbeiter, andere stocken sie mit der gleichen Begründung auf. Von "verwirrender Vielfalt" schreibt die Presse, Ökonomen finden die Debatte "komisch" und "ziemlich konfus". Nach ihrer Ansicht übersehen die Diskutanten, das Wettbewerbsfähigkeit weniger von Arbeitszeiten abhängt, als davon, wie viel ein Beschäftigter im Schnitt je Stunde produziert und was dies den Arbeitgeber kostet.

"Die Lohnstückkosten und die Effizienz der Produkte sind entscheidend", sagt der Volkswirt Gerhard Bosch, Vize-Präsident des Instituts Arbeit und Technik (IAT) im Wissenschaftszentrum Nordrhein-Westfalen. Es sei aber "betriebswirtschaftlich vollkommen rational", dass etwa der Autobauer Opel, die Deutsche Telekom und der Energiekonzern EnBW wegen flauer Konjunktur auf Kurzarbeit setzen.

Dauerhaft kann Kurzarbeit keine Strategie sein

Die Unternehmen sparten so enorme Kosten, die sie im Falle von Entlassungen aufbringen müssten, erläutert Bosch. Zudem stünden bei einem Wiederanspringen der Konjunktur die Fachkräfte sofort bereit. Opel verringerte in seinem Rüsselsheimer Stammwerk vorübergehend die Wochenarbeitszeit von 35 auf 30 Stunden und rettet damit nach eigenen Angaben 1.200 Stellen.

"Wenn die Absatzflaute anhält, hilft das Opel gar nichts, dann wird es auch zu Entlassungen kommen", prognostiziert der Würzburger Ökonom Norbert Berthold. Auch der Präsident des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) in Essen, Christoph Schmidt betont: "Dauerhaft kann Kurzarbeit keine Strategie sein, weil dieses Modell nur eine problematische Situation abfedert, aber die Arbeitnehmer nicht ihren Lebensstandard halten lässt." Schmidt ist überzeugt: "Langfristig wird sich Deutschland dem internationalen Trend zu Mehrarbeit wohl nicht entziehen können."

In Deutschland sinkt die Jahresarbeitszeit je Arbeitnehmer stetig

Nach Berechnungen des arbeitgebernahen Kölner Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) verbilligt eine Stunde Mehrarbeit bei gleichem Lohn die Beschäftigung im Schnitt um 2,7 Prozent. Schmidt erläutert, Firmen die sich in der derzeitigen Konjunkturkrise für Mehrarbeit bei gleichem Lohn entschieden, wollten damit wettbewerbsfähiger werden. Bereits im Frühjahr plädierte ifo-Präsident Hans-Werner Sinn für eine Arbeitszeitverlängerung. Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) hält eine pauschale Anhebung von 38 auf 40 Wochenstunden für den Königsweg.

Im internationalen Vergleich arbeiten nach Erhebungen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) nur Norweger (1.342 Stunden pro Jahr) und Niederländer (1.340) weniger als die Deutschen. Die Spitzengruppe bilden demnach Tschechien (1.980), Griechenland (1.934) und die USA (1.815). Für Deutschland ermittelte das Statistische Bundesamt, dass die im Schnitt geleistete Jahresarbeitszeit je Arbeitnehmer seit 1970 stetig gesunken ist - von 1.956 Stunden im Jahr 1970 auf 1.443 im Jahr 2002.

"Wir haben die größten Exporterfolge in Branchen mit den kürzesten Arbeitszeiten"

"Offensichtlich verzichten wir seit Jahren auf Wachstum, um viel Freizeit als einen Aspekt der Lebensqualität aufrechtzuerhalten", urteilt RWI-Chef Schmidt. IAT-Vize Bosch hält dagegen, de facto sei die Wochenarbeitszeit hier zu Lande seit 1995 wieder kontinuierlich auf zuletzt mehr als 40 Stunden im Schnitt gestiegen. Zwar sähen einige Statistiken Deutschland bei den tariflichen Arbeitszeiten als Schlusslicht, doch viele Firmen unterlägen keinem Tarifvertrag oder hielten sich nicht daran, sagt Bosch. Der Chef des Reifenherstellers Continental, Manfred Wennemer, brachte es jüngst auf den Nenner: "Wir müssen uns darüber klar werden, dass nicht 35 bis 37 Stunden pro Woche die normale Arbeitszeit sind, sondern 43 bis 45 Stunden."

Im Verarbeitenden Gewerbe in Westdeutschland kostet eine Arbeitsstunde nach Zahlen des Kölner IW im Jahresdurchschnitt 26,36 Euro. Nur in Norwegen sei das Niveau der Lohnstückkosten - der Anteil der Arbeitskosten je Produkteinheit - höher. Dort koste eine Arbeitsstunde 28,52 Euro. Die USA (22,44 Euro), Japan (20,18) und Frankreich (19,50) produzieren demnach bis zu 25 Prozent günstiger.

RWI-Präsident Schmidt ist überzeugt: "Wir haben jahrzehntelang die Arbeitszeit zurückgefahren und auch damit die Lohnstückkosten hochgetrieben." Bosch hingegen erteilt Forderungen, die Deutschen müssten generell mehr arbeiten, eine Absage. "Wir haben die größten Exporterfolge in Branchen mit den kürzesten Arbeitszeiten - etwa in der Automobilindustrie", sagt er. Nach Einschätzung der Experten ist das Drehen an der Stellschraube Arbeitszeit noch lange nicht beendet.

Jörn Bender, dpa