HOME

Arbeitsmesse: Arbeiten? Aber sicher!

Deutschland ist ein Messeparadies. Dabei gibt es eine Unzahl von Messen, mit denen der gemeine Bürger zunächst nicht viel anzufangen weiß, auf denen aber durchaus nützliche und wichtige Produkte zur Schau gestellt werden. Auch die "A+A 2007" in Düsseldorf gehört zu dieser Kategorie. Ein Rundgang mit Notdusche und Vibrationsmessung.

Von Matthias Lauerer, Düsseldorf

Man muss gar nicht lange warten, bis sich das eher spröde Motto so richtig mit Leben füllt. Bereits im Transfer-Bus zum Messe-Eingang Süd geht es, kaum hat man Platz genommen, los. Im tiefsten Bayrisch fachsimpeln zwei Männer im klassischen schwarzen Business-chic über die "Türen und deren Spaltmaße." "Zu wenig", sagt der Eine, "zuviel" entgegnet kopfschüttelnd der Andere.

Leicht verstört steigt man aus dem Bus und wird in Halle vier von den schicken, schwarzen "Anti-Vibrationshandschuhen" der Firma "KCL" angelockt. Wer will, kann hier diese besonderen Arbeitshandschuhe testen. Denn die EU hat für die "Vibrationsrichtlinie 44 EG", gesorgt. Nun wird sie, nach nur fünf Jahren, auch endlich umgesetzt. Und das sollen Besucher jetzt am Gerät sehen. Dazu drückt einem Martin Trauert, der das Qualitätswesen bei "KCL" leitet, eine "Recipro-Säge" in die Hand und verklebt einen Sensor mit Kreppband in der rechten Handinnenfläche.

Dann startet die Tätigkeit: "Halten im Leerlauf", 60 Sekunden lang. Währenddessen registriert der Sensor die Schwingungen und gibt diese an das Notebook weiter. Dann wiederholt sich die Prozedur, doch diesmal mit dem leichten Handschuh. Es wackelt und vibriert wieder in der Hand, der Baum wäre jetzt wohl durch. Und nach wenigen Sekunden spuckt die Maschine die "Auswertung der Vibrationsmessung aus." Ohne Handschuh hätte ich nach 70 Minuten mein "Tages-Vibrations-Pensum" erfüllt, mit Handschuh könnten Arbeiter immerhin 161 Minuten vor sich hin sägen.

Mehr als eine Million Arbeitsunfälle

Doch gibt es tatsächlich so viele Betriebsunfälle, wie man bei einem Rundgang vermuten könnte, in unserem Land? Die Zahlen sprechen dafür: 2004 gab es in Deutschland 1.088.672 Arbeitsunfälle mit verletzten Personen, 949 Menschen starben. So berichtet es das Datenblatt der Welt-Gesundheitsorganisation (WHO). Neuere Zahlen liegen noch nicht vor. 1993 waren noch 1867 Menschen bei der Arbeit ums Leben gekommen. Ein deutlicher Fortschritt also.

Sicherheit will die Fachmesse schaffen und deren Produkte verkaufen. Und dies scheint zu gelingen, denn der Herstellerverband Interessenverbund Persönliche Schutzausrüstung (IVPS) berichtet von einem gestiegenen Marktvolumen von elf Prozent im Zeitraum von 2004 bis 2006 alleine bei Schutzausrüstungen auf aktuelle 1,42 Milliarden Euro.

In der nächsten Halle geht es dann von der Hand weiter zum Fuß. Hier will der "GoreTex"-Schuhtest prüfen, ob die Test-Schuhe auch dicht sind. Der Arbeitstag eines Bauingenieurs wird dazu in einer kleinen Plexiglas-Box auf einem kleinen Treppchen in wenigen Minuten simuliert. Menschen bleiben jetzt stehen, während heißer Dampf die Temperatur im Inneren auf 43 Grad steigen lässt und auf die schwarzen Testschuhe einbläst. Jetzt Contenance bewahren. Die Füße bleiben, wie zu erwarten, trocken.

"Notduschen", "Augenduschen" und Co.

Natürlich ist Michael Haag, der für die PR des Unternehmens arbeitet, zufrieden. Ein Blitzbesuch beim "Gehsimulator", der Schuhen "500.000 Biegebewegungen im fünf Zentimeter hohen Wasser" abverlangt und so "500 gelaufene Kilometer" simuliert, dem "Knicktest" und endlich dem "Whole Boot Comfort Test" lenken irgendwie davon ab, dass es hier immer noch um Schuhe und dergleichen geht.

Wer sich des Nachts gerne die spannenden Reportagen der Privatsender ansieht, oder sich wach liegend schon immer fragte, wie man eigentlich nach einem betrieblichen Unfall duscht, der ist beim Stand des Unternehmens "Hughes" willkommen. Der "Notduschen-Katalog" erzählt von "Notduschen", "Augenduschen" und "Dekontaminationsduschen". Die "EXP-SD-18G/45G" ist also eine "selbst entleerende, unbeheizte Notdusche mit zusätzlicher Augen- und Gesichtsdusche Typ STD-45G." Doch leider ist das "Augenbad" dabei übrigens "nicht selbst entleerend."

Nach soviel geballter Fach-Technik hilft die Halle sieben. Schon am Eingang dröhnt es laut vom Stand der Firma "Dräger" her. Eine hübsche lockige Dame schmettert herzergreifend: "I'm walking on sunshine" ins Mikro, dazu trägt sie ein blaues Fantasie-Kostüm, aus dem weiße Plastik-Stäbe in alle Himmelsrichtungen ragen. Von irgendwoher weht der Duft von Waffeln herüber, der Appetit macht. Doch wer tobt im gleichen Moment noch vor der Sängerin? Ein Skater rollt schnell donnernd in der kleinen Halfpipe auf und ab. Des Wahnsinns fette Beute macht hier eindeutig Station.

Hilfe bei Verbrennungen

Doch kaum hat man sich von diesem Bild erholt, kehrt der Ernst zurück. Schließlich ist dies hier keine bunte Lifestyle-Messe. Dafür sorgt der nächste Stand. Hier gibt es ein spezielles Produkt. Das "Water Jel" wird aufgetragen, wenn Menschen massive Verbrennungen erlitten haben. Und um dies recht hübsch zu demonstrieren, liegt dazu eine Kinder-Plastikpuppe flach auf einem hellen Tischchen. Auf dem Plastik-Mädchen liegen einige feuchte Tücher, die nach Aussage der Mitarbeiterin "auch noch nach vier Messe-Tagen nass sind."

Ob nun das "Water Jel Tuch" als Gesichtsmaske eingesetzt wird, oder nur im Haushalt: "Das Gel kühlt die Verbrennung und nicht den Patienten." So heißt es hier werbend. 18 Euro kostet das Paket, dass ein Prozent der "Total Body Surface Area" eines Erwachsenen abdeckt. Das Unternehmen "Water Jel Technologies" agiert seit 25 Jahren auf dem Markt und "hilft bei Verbrennungen."

Weiter geht der Besuch jetzt am "stärksten Feuerwehrmaterial in diesem Universum", "LubeRite", dessen Behälter "Kontamination" an Maschinen verhindern will, der "Personen-Notsignal-Anlage" von "optro" und dem Stand der Firma "Hund". Diese stellt "optische stationäre Feinstaubmessanlagen" her. Das klingt fast schon zu normal für diese Messe, doch dann lockt Besucher der Ausgang mit dem Spätsommer-Sonnenschein und tiefblauem Himmel. Und nach dem befreienden Gang in die Sonne verblassen all die ernsten Sorgen aus der Arbeitswelt.

Themen in diesem Artikel