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Arbeitszeitverlängerung: Für manche Betriebe undenkbar

Die Misere am deutschen Arbeitsmarkt hat wieder einmal einen altbekannten Lösungsvorschlag auf den Plan gerufen: Nur wenn länger gearbeitet werde, könne die Job-Verlagerung ins Ausland gestoppt werden.

Die Misere am deutschen Arbeitsmarkt hat wieder einmal einen altbekannten Lösungsvorschlag auf den Plan gerufen: Nur wenn in Deutschland länger gearbeitet werde, könne die Job-Verlagerung ins Ausland gestoppt werden, war am Wochenende von Unionspolitikern und Unternehmensverbänden zu vernehmen. Auslöser der Debatte war die Forderung der Bundesländer nach längerer Wochenarbeitszeit im öffentlichen Dienst.

"Eine Arbeitszeitverlängerung ist für uns völlig undenkbar"

Dabei wurden erst kürzlich in einigen Firmen, etwa bei Opel und bei der Telekom, Tarifverträge abgeschlossen, in denen mit Arbeitszeitverkürzungen Jobs gesichert wurden. "Wenn Opel die Arbeitszeit heute auf 40 Stunden pro Woche erhöht, stehen morgen 2.500 Menschen auf der Straße", sagt etwa Klaus Franz, Betriebsratsvorsitzender bei Opel. Im vergangenen Oktober hatten sich Vorstand und Betriebsrat der Adam Opel AG auf das Arbeitszeitmodell "30plus" geeinigt. Darin ist eine Reduzierung der Wochenarbeitszeit auf bis zu 30 Stunden, gepaart mit teilweisem Lohnverzicht, vereinbart. So will der Autohersteller trotz der derzeitigen Absatzflaute Kündigungen vermeiden.

Einen ähnlichen Weg geht die Deutsche Telekom AG in ihrer Festnetzsparte T-Com. Erst vor zwei Wochen hatte die Formel "weniger Arbeit für etwas weniger Geld" für den Durchbruch in den laufenden Tarifverhandlungen mit der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di gesorgt. Danach sollen die T-Com-Mitarbeiter künftig statt 38 nur noch 34 Stunden pro Woche arbeiten, aber für 35,5 Stunden bezahlt werden. Die Telekom verpflichtete sich im Gegenzug, 10.000 Stellen weniger als geplant einzusparen und bis 2008 auf betriebsbedingte Kündigungen zu verzichten. "Eine Arbeitszeitverlängerung ist für uns völlig undenkbar", betont ein Telekom-Sprecher angesichts der jüngsten Diskussion.

Gewerkschaft kritisiert ideologische Debatte

"Die Debatte um eine starre Wochenarbeitszeit ist doch längst überholt", findet Stefan Ohletz, Sprecher der Volkswagen AG. Der Wolfsburger Automobilbauer habe bereits vor zehn Jahren die Vier-Tage-Woche eingeführt und somit 30.000 Arbeitsplätze gesichert. Das Zauberwort heißt damals wie heute Flexibilität: Die Arbeitszeit könne bei Volkswagen "frei atmen" - zwischen 28,8 und 40 Stunden pro Woche. Wenn die Nachfrage groß sei, müsse eben auch mehr gearbeitet werden. Aber auch VW-Mitarbeiter mussten für die kürzere Arbeitszeit entsprechende Lohneinbußen hinnehmen.

Ein Patentrezept gegen Stellenabbau sieht IG-Metall-Funktionär Schild in der Arbeitszeitverkürzung indes auch nicht. "In dieser Allgemeinheit sind solche Vorschläge doch pure Ideologie", sagt IG-Metall-Mann Schild. "Wir würden zum Beispiel niemals fordern, dass die Entwicklungsingenieure von Opel weniger arbeiten sollten." Nur mit innovativen, qualitativ hochwertigen Produkte könnten in Deutschland Arbeitsplätze geschaffen werden. Die deutsche Exportbilanz beweise, dass Produkte "Made in Germany" auf dem Weltmarkt durchaus konkurrenzfähig seien. Die Hauptursache der Wirtschaftsflaute sieht Schild vielmehr in der lahmenden Binnennachfrage. Und die sei durch Mehrarbeit ohne Lohnausgleich nicht anzukurbeln, betont der Gewerkschafter.

Tobias Lübben, AP