Berufsporträt Loses Mundwerk gesucht


Mit Show-Talent und oft derben Sprüchen landen Marktschreier bei ihren Kunden, die selten mit leeren Tüten nach Hause gehen. Aber die Marktschreier-Gilde hat Sorgen: Der Job ist hart, und es fehlt in Deutschland der Nachwuchs.

Nudel-Uwe ist in Hochform. "Wer in Holland durch die Prüfung fällt, der kriegt ein gelbes Nummernschild", kalauert er und schaut herausfordernd in Richtung seines rechten Nachbarn auf dem roten Lkw. Der so geschmähte Holländer kontert mit gezielten Bananen- Geschossen. Die Menge johlt - und bückt sich eilig nach dem Gratis-Obst. Auf dem Marktplatz in Hagen-Boele (Nordrhein-Westfalen) ist Marktschreier-Wettbewerb. Wie in jeder der 46 Städte, in denen die Marktschreier regelmäßig gegeneinander antreten, hat sich schnell ein belustigtes Publikum eingefunden. Alles wie immer eigentlich - doch die Marktschreier-Gilde hat Sorgen. Der Job ist hart, und es fehlt an Nachwuchs.

Marktschreierwettbewerb, das heißt: Sieben Männer, sieben Lkw und hunderte Zoten, Witze und lockere Sprüche. Für zehn Euro gibt es volle Tüten von Aal-Kai, Käse-Rudi, Taschen-Guido oder Wurst-Achim. Niemand, der sich an diesem Freitag auf den Weg zum Marktplatz gemacht hat, wollte wirklich fünf Aale oder sechs Pakete Pasta kaufen. Am Ende gehen dann aber doch viele Menschen voll bepackt nach Hause. Mit Show-Talent und oft recht derben Späßen landen die Schreier bei ihren Kunden.

"Erst mal verkauft man sich selbst, und dann die Ware"

"Marktschreier sind Entertainer: Immer gut drauf, man lebt für den Erfolg", sagt Nudel-Uwe, als er von der Show-Rampe seines mit Farfalle-Nudeln verzierten Lkw herunter gestiegen ist und wieder Uwe Treutlein heißt. Der 44-Jährige kommt aus Kitzingen in Bayern, und dorthin fährt er auch wieder zurück, wenn der Spaß nach drei Tagen vorbei ist. Um fünf Tage später in Solingen wieder aufzubauen. Eigentlich ist Nudel-Uwe Heizungs- und Lüftungsbauer, doch nach zwei Knie-Operationen musste er umsatteln. Also nahm er einen Kredit auf, kaufte sich seine fahrende Show-Bude und ging mit seiner Frau, jetzt "Nudel-Traudl", auf Reisen. "Das muss einem im Blut liegen. Erst mal verkauft man sich selbst, und dann die Ware."

Später, hofft er, werde sein Sohn den Stand übernehmen. Ab und zu komme der 21-Jährige mit auf Tour. "Aber meist will er seine Wochenenden nicht dafür opfern." Ein Problem, das Joachim Borgschulze, Geschäftsführer der 33 Jahre alten Marktschreier-Gilde mit Sitz in Sprockhövel (Nordrhein-Westfalen), gut kennt. "Junge Leute sind kaum bereit, ein solches Leben zu führen. Durch die derzeitige Lage am Arbeitsmarkt gibt es höchstens Quereinsteiger, Wurst-Achim zum Beispiel war vorher Brummifahrer", sagt der studierte Jurist, der das Gilde-Geschäft von seinem Vater übernommen hat.

Wurst-Achim ist ein Naturtalent

Wurst-Achim, ein kräftiger Metzger-Typ mit tiefer Bass-Stimme, war ein Naturtalent. Meist ist er es, der vom Publikum zum besten Marktschreier gewählt wird. "Man kann aber längst nicht jeden als Schreier gebrauchen. Von sechs Interessenten, die sich bei uns bewerben, geben fünf von selbst auf und der sechste entspricht dann auch nicht den Anforderungen", sagt Borgschulze. Etwa 20 Marktschreier haben sich in der Gilde organisiert, erst vier Mal habe es schon einen Generationenwechsel gegeben. Zurzeit ist es Blumen-Udo aus Kamen, der einen Nachfolger sucht. Er ist seit über 30 Jahren und damit am längsten im Geschäft. Einen Übernahme-Kandidaten hat er noch nicht. "Blumen sind schwierig zu verkaufen, da braucht man auf jeden Fall eine Zusatzausbildung", sagt Borgschulze.

Wer Marktschreier werden will, muss erst mal bei einem Altmeister ein Praktikum absolvieren - "so lange, bis man’s alleine packt" - und kann sich anschließend als Mitglied der Gilde bewerben. Zurzeit gibt es zwei Praktikanten. Eine richtige Lehre, etwa als Metzger oder Florist, ist nicht nötig, dennoch erwartet die Gilde, dass sich die Bewerber kaufmännische und spezielle Fachkenntnisse aneignen. Vor allem sind aber Spontaneität, ein loses Mundwerk und eine laute Stimme gefragt.

Das Publikum stirbt nicht aus

Das kommt an, und deshalb wird die Marktschreierei auch nicht aussterben, glaubt Gilde-Manager Borgschulze. 1962 habe ein Gesetz das laute Anpreisen der Ware auf Wochenmärkten verboten. "Aber die Menschen mögen das", glaubt er. Die eigenen Märkte, die sein Vater Elmar acht Jahre später nach dem Vorbild des Hamburger Fischmarktes in Berlin organisierte, seien von Anfang an ein großer Erfolg gewesen. Der heute 69-Jährige gründete die "Gilde der Marktschreier" und damit eine neue alte Tradition, die sich bis heute nicht überlebt hat. Dass die Marktschreier auch noch in 20 Jahren von Stadt zu Stadt ziehen werden, steht für den Sohn fest. "Das Publikum wird nicht aussterben - höchstens die Schreier selbst."

Katrin Pinetzki, dpa DPA

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