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Walter Veltroni: Die letzte Hoffnung einer lahmenden Linken

Wer führt Italien aus dem Chaos politischer Instabilität und schafft es, den Reformstau zu lösen? "Superwalter!" könnte die Antwort lauten, die bei der Wahl zum Chef der neuen Demokratischen Partei fallen könnte.

Von Luisa Brandl, Rom

Er ist in Hochform in diesen Tagen vor der Wahl. Walter Veltroni beginnt den Tag mit Morgengymnastik, hält eisern Diät und eilt unaufhaltsam von Termin zu Termin. Nicht selten ist er 20 Stunden auf den Beinen, bereist das ganze Land. Hier eine Messeveranstaltung, da eine Begegnung im Studentenheim, dort ein Parteifest, dann ein Besuch in der römischen Peripherie, wo es keine Monumente und keine Touristen gibt. Und überall jubeln die Menschen.

"Superwalter" trifft den Nerv des Volkes

"Superwalter", wie sie ihn nennen, kommt nicht wie die üblichen Politiker daher. Im Gegenteil: Er attackiert sie, die Politikerkaste, die Bürokratie, die Parteien als Karriereschmiede. Seine Botschaft trifft den Nerv des Volkes: "Wir brauchen eine Schocktherapie, um Italien aus dem Tunnel zu führen", sagt Veltroni.

Starker Protest gegen das Verhalten der Politiker war zuletzt in Italien hoch gekocht. Der Linksdemokrat greift den Zorn der Italiener auf und fordert einschneidende Reformen: die Reduzierung der Parlamentssitze, nur noch eine Abgeordnetenkammer anstatt des zweigliedrigen Parlaments und eine Wahlrechtsreform. In einem Fernsehinterview sagte Veltroni etwas unvorsichtig, das Reformpaket könne innerhalb von acht Monaten verabschiedet werden und dann sei der Weg frei für Neuwahlen.

Positionierung als Prodi-Nachfolger

Es hat den Anschein, als habe der 52-Jährige nicht nur den Parteivorsitz der neuen Demokratischen Partei im Sinn, sondern auch in absehbarer Zeit die Kandidatur als Ministerpräsident. In der Tat ist die Regierung schwer angeschlagen. Romano Prodi ist umzingelt von der radikalen Linken und dem liberalen Flügel. Veltroni steckt jetzt in einem Dilemma: Er hat Prodi seine Unterstützung zugesagt, ist aber zum Scheitern verurteilt, wenn er den politischen Stillstand mit trägt.

Hinter Veltroni stehen laut Umfragen 70 Prozent der Anhänger der linken Mitte. Wenn sie ihn am Sonntag voraussichtlich zum neuen Parteivorsitzenden wählen, erwarten sie vor allem eines: Reformen. In einer beispielslosen Basisabstimmung werden mehr als eine Million Menschen in den 12.000 Wahllokalen im ganzen Land erwartet. Zum ersten Mal wird ein Parteichef direkt gewählt.

Eine beispiellose Wahl

Wahlberechtigt sind Italiener und in Italien gemeldete Ausländer ab 16 Jahren. Sie müssen einen Euro bezahlen, brauchen aber nicht Mitglieder der neuen Partei zu werden. Fünf Kandidaten für den Vorsitz stehen zur Wahl: der Favorit und Bürgermeister von Rom Walter Veltroni, die Familienministerin Rosy Bindi, der Staatssekretär Enrico Letta, der Blogger Mario Adinolfi und der Polit-Außenseiter Piergiorgio Gawronski. Außerdem werden 2500 Delegierte gewählt, die das Parteistatut ausarbeiten sollen. Die Kandidaten sind zur Hälfte Frauen.

Alle warten nun gespannt auf den Reformer Walter Veltroni. Gemeinsam mit Prodi arbeitete er seit 15 Jahren an der Gründung einer linksliberalen Partei. Unter dem Symbol des Olivenbaums (Ulivo) kandidierten die Linksdemokraten und demokratischen Katholiken der Margherita bereits zusammen. Nun sollen sich die beiden stärksten Parteien des Mitte-links-Bündnisses zu einer Partei vereinigen. Ihre Werte sind jedoch stark gefallen von 31 Prozent bei den Wahlen 2006 auf heute 27 Prozent. Nun soll es "Superwalter" wieder richten. Veltroni gilt als einer der beliebtesten Politiker. Laut Umfragen schätzen ihn 44 Prozent aller Italiener - linke wie rechte.

Das Profil geschärft

Und diese Chance will Veltroni nutzen. Dazu hat er an seinem Image gefeilt. Nicht nur seine Gegner hielten ihn für einen "buonista", einen weichlichen Gutmenschen, der heute etwas sagt und morgen das Gegenteil davon, nur um es allen recht zu machen. In diesem Wahlkampf hat Veltroni sein Profil geschärft. "Die Italiener wollen eine Demokratie, die fähig ist zu entscheiden", ruft er, "unser Land ist in den Händen von Veto-Playern, jenen, die die Politik als Instrument begreifen, um Entscheidungen zu verhindern. Aber die Entscheidung ist die Seele der Demokratie. Und Entscheiden bedeutet eine gewaltige Verantwortung zu übernehmen, weil es sich auswirkt auf das Leben der Menschen."

Veltroni versucht moderate Wähler an sich zu binden mit Akzenten die auch von der rechten Opposition stammen könnten: für mehr Sicherheit (kriminelle Ausländer müssen ausgewiesen werden), für Steuersenkungen und zuletzt mit dem Vorschlag, die erdrückenden Staatschulden mit dem Verkauf von Staatseigentum abzubauen. Sein Vorbild sind die Demokraten in den USA, die New Labour unter Tony Blair. Aber als Modell gelten ihm auch seine eigenen Erfolge als Bürgermeister von Rom, wo er seit 2001 in zweiter Amtszeit regiert. 61 Prozent der Römer haben ihn wiedergewählt.

Zwischen Promis und Pragmatismus

Sein Rezept ist eine Mischung aus Glamour und pragmatischem Handeln. Veltroni, der einst Filmregie studierte, weiß sich in Szene zu setzen. Bei der Eröffnung des von ihm gegründeten Filmfests in Rom voriges Jahr lächelte er Seite an Seite mit dem überzeugten Demokraten George Clooney in die Kamera. Seinen Hang zu Promis lebte er auch bei der Kandidatenwahl für die Demokratische Partei aus. Seine Listen lesen sich mitunter wie die Gästeliste für eine VIP-Party: die Architekten Renzo Piano und Massimiliano Fuksas, der Nobelpreisträger Ennio Morricone, der Regisseur Ettore Scola, die Schriftstellerin Dacia Maraini. Auch die Industriellengattin und tunesisches Ex-Model Afef Jnifen trommelt für Veltroni. Zuletzt versuchte er Veronica Lario ins Boot zu holen, die als linksliberal geltende attraktive Gattin des politischen Gegners Silvio Berlusconi. Doch die Signora lehnte dankend ab.

Die Römer schätzen Veltroni für seine pragmatische Seite. Als rechtradikale Hooligans im Stadion der Hauptstadt randalierten, holte er sie kurzerhand ins Rathaus und lud dazu KZ-Überlebende zu einem Gespräch ein. Danach sei Ruhe gewesen, so Veltroni. Der frühere Chefredakteur des Parteiblattes "Unità" pflegt den Umgang mit Journalisten. Er empfängt einen freundlich, zeigt den ausländischen Reportern vor dem Interview stolz den grandiosen Blick aus seinem Arbeitszimmer auf das Säulenfeld auf dem Forum Romanum.

Römer fühlen sich ernst genommen

Verhandlungsgeschick bewies der Bürgermeister auch, im Umgang mit den rebellierenden Taxifahrern seiner Stadt. Veltroni verschönerte das Stadtbild, ließ den Tourismus boomen und gibt bei alledem seinen Bürgern das Gefühl, dass er sie ernst nimmt. Er ist einer, der auf Dienstfahrten auf Sirenengeheul und Vordrängeln verzichtet - eine wahre Ausnahme unter den italienischen Amtsträgern.

Veltroni gilt als letzter Hoffnungsträger für die gemäßigte Linke. Er steht für einen Generationswechsel in einem Land, dessen Regierungschef und Oppositionsführer über 70 sind und dessen Staatspräsident 80 ist. Veltronis Gegner kritisieren jedoch, die neue Partei sei ein Manöver von oben, die Fusion zweier Parteiapparate. Alte Gesichter präsentierten sich hier unter einem neuen Symbol. Vor allem der Einfluss der betagten Christdemokraten, die in ihren Wahlkreisen immer noch ihre Macht ausüben, wird von einigen gefürchtet.

Der letzte Hoffnungsträger

Zu dieser alten Garde gehören etwa Ciriaco De Mita oder Franco Marini, sie waren die Machthaber einer längst vergangenen Ära, als die Christdemokraten in Italien jahrzehntelang das Sagen hatten. Und heute sind sie immer noch da. Ob eine demokratische Erneuerung unter Veltronis Parteiführung da überhaupt eine Chance hat, steht in den Sternen. Oder setzt sich wieder einmal das uritalienische Prinzip des Wandels durch Anpassung durch? Im "Leoparden", Italiens berühmten Roman der Nachkriegszeit, ist das so formuliert: "Wenn wir wollen, dass alles so bleibt, wie es ist, dann ist es nötig, dass sich alles verändert."

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