Kommentar Italiens neuer Bürgermeister


Eigentlich ist er ein Mann der leisen Töne, aber sein Wahlerfolg vom Wochenende kommt einem Donnerschlag gleich: Walter Veltroni wird Chef der neuen Partei PD. Die hohe Wahlbeteiligung zeigt dabei, dass die Italiener nicht von der Politik an sich genug haben - sondern nur von einzelnen Politikern.
Von Luisa Brandl, Rom

Die Italiener sind bekannt dafür, dass sie von ihren Politikern nicht viel halten. Doch einem scheinen sie zuzutrauen, den vermieften Palazzo, den Palast der Macht, ordentlich durchlüften zu können. Walter Veltroni errang gestern bei den Vorwahlen einen triumphalen Sieg. In einer beispielslosen Basisabstimmung wählten mehr als drei Millionen Menschen den Chef einer neu entstehenden Partei. 75 Prozent stimmten für Veltroni. "Der Traum meines politischen Lebens geht in Erfüllung", sagte der frisch gekürte Chef der Demokratischen Partei.

Mehrheit folgt Veltroni auf dem Weg

Die große Bürgerbeteiligung hat alle Erwartungen übertroffen. Die Italiener wählten den Linksdemokraten Veltroni an die Spitze einer Partei, die noch kein Statut und kein Programm hat, sie ist die Fusion zweier Parteiapparate, der Linksdemokraten und der liberalen Katholiken der Margherita, die ihrerseits aus der kommunistischen und der christdemokratischen Partei hervorgegangen sind. Es ist ein originelles Experiment, die einst verfeindeten politischen Kulturen zu verschmelzen. Doch die große Mehrheit der linksliberalen Italiener folgt Veltroni auf diesem Weg.

Die Wahl hat auch gezeigt, dass der Unmut gegen die Politikerkaste, den der krackelende Komiker Beppe Grillo im Internet und auf den Plätzen Italiens geschürt hat, nicht zwangsläufig in die Abkehr von der Politik mündet, wie von vielen Amtsträgern prophezeit. Das Volk richtet seinen Zorn vielmehr gegen das Verhalten bestimmter Politiker, nicht gegen die Politik schlechthin.

Verschmelzung der größten Parteien belohnt

In einem maroden politischen System, das laufend neue Miniparteien hervorbringt, die sich auf Kosten der Stabilität profilieren wollen, haben die Italiener die Verschmelzung der beiden größten Koalitionsparteien belohnt. Vor allem vertrauen sie aber Veltroni. Der überaus beliebte Bürgermeister von Rom ist ein Mann der leisen Töne, ein Liebhaber der schönen Literatur und des Kinos, der den Zänkereien unter Politikern ausweicht. Ihm kommt nun die Rolle des Versöhners zu.

Das große Vertrauen, das die Italiener in ihn setzen, lastet nun auf seinen Schultern. Es muss sich erst zeigen, wie viel von seinen Reformvorhaben er durchsetzen kann. Veltroni geht zwar gestärkt durch den überwältigenden Wahlsieg in die Verhandlungen mit seinen Parteifreunden, aber die Rivalen in den eigenen Reihen der Linksdemokraten werden ihm kaum den Triumph überlassen, genauso wenig wie die Funktionäre der katholischen Margherita. Es hängt nun von seiner Standfestigkeit ab, sich nicht in die Machtspiele hinein ziehen zu lassen.

Regierungschef Romano Prodi hat unterdessen geschickt den Wahlerfolg für sich verbucht. "Das Kabinett wird gestärkt durch diese Abstimmung", sagte Prodi am Wahlabend. Veltroni und Prodi beeilten sich zwar beide gestern zu betonen, ihre Beziehung sei "bombensicher", doch die neue Doppelspitze des Mitte-links-Bündnisses birgt Konfliktstoff. Veltroni steht jetzt eine Gratwanderung bevor: er wird versuchen, Prodi so lange wie möglich die Stange zu halten, und andererseits seinen Wahlerfolg dazu einsetzen, sich als die erneuernde Kraft des Landes zu behaupten.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker