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Wahlen in Italien: Im Kampf gegen Mafia und Berlusconi

Bei den Wahlen in Italien tritt die neue Demokratische Partei an, mit Roms Bürgermeister Walter Veltroni an der Spitze. Für das Parlament kandidiert auch eine Berlinerin: Laura Garavini. Die 41-Jährige hat sich bereits in Deutschland durch ihren Einsatz gegen die Mafia einen Namen gemacht.

Frau Garavini, Sie kandidieren im Wahlkreis Europa für das italienische Parlament - das bedeutet sicher eine ganze Menge Reisebereitschaft…

Im vergangenen Monat habe ich etwa 30.000 Kilometer hinter mich gebracht, jetzt gerade bin ich in Stuttgart, vorgestern war ich in Amsterdam, nachher fahre ich noch nach Metz. Überall hin eben, wo viele Italiener leben.

Wer bezahlt für Ihre Kampagne?

Den größten Teil finanziere ich selbst. Aber ich sage mir: Ein ausgedehnter Urlaub würde mich genauso viel kosten.

Die italienische Politik ist aber kein Urlaub, sondern eher ein stressiges Kuddelmuddel. Warum begeben Sie sich da freiwillig hinein?

Ich mache es freiwillig, weil es besonders wichtig ist. Meine Demokratische Partei bietet die Chance für eine Neuerung in der italienischen Politik. Die Tatsache, dass Spitzenkandidat Walter Veltroni alleine antritt, bedeutet fast eine Revolution im Parteiensystem. In den vergangenen Jahrzehnten hatten die Splitterparteien oft zu viel in ihrer Hand. Mit der Demokratischen Partei wollen wir eine starke Mehrheitspartei schaffen und die Politik handlungsfähiger gestalten.

Sie gehören zu den Gründungsmitgliedern - wie kam es dazu?

Ich wurde schon bei den Vorwahlen im vergangenen Herbst gefragt, ob ich mitmachen wolle. Man wollte eine junge Frau aus dem Ausland, die sich gegen Korruption und für Integration einsetzt. Ich stehe auch persönlich als Zeichen für Erneuerung und unterscheide mich vom traditionellen italienischen Weg.

Sie persönlich haben mit Ihrer Initiative "Mafia - Nein Danke!" im vergangenen Jahr für öffentliche Aufmerksamkeit gesorgt. Wie nehmen die italienischen Wähler dieses Engagement auf?

Es gab große Resonanz auf unsere Initiative, mit der wir ein Zeichen gesetzt haben. Immerhin haben wir ja auch in einem Fall in Berlin bewirkt, dass drei Schutzgelderpresser von der Polizei gefasst wurden. Ich werde natürlich immer wieder darauf angesprochen und merke, dass dieses Engagement gegen ein grassierendes Problem mir bei meinen Landsleuten auch Respekt eingebracht hat. Es ist dringend nötig, dass wir uns gegen die korrupten und kriminellen Methoden offensiv positionieren.

Nun kämpfen Sie mit Ihrer Partei gegen das Berlusconi-Lager - ist das ein vergleichbarer Kampf?

Ich bemühe mich um Integrität und gegen den Rückschritt in einen alten Politikstil, den Berlusconi verkörpert. Einige seiner Verbündeten sind reaktionär oder gar faschistisch - so kann sich Italien nicht weiterentwickeln. Für mich ist Berlusconi ein europäischer Albtraum.

Das klingt, als sei die Wahl für die Italiener leicht: Gut oder böse.

Ganz so leicht ist es ja auch wieder nicht. Nicht alle Politiker auf der anderen Seite sind ja so extrem. Und vor allem merke ich überall, wo ich hinkomme, dass die Leute oft wenig wissen und viel vergessen - auch, was unter Berlusconi bisher schlecht lief, haben viele wohl verdrängt. Meine Aufgabe ist es, dagegen anzukämpfen und zur Erneuerung Italiens mit frischem Wind aus Deutschland beizutragen.

Walter Veltroni, Ihr Spitzenkandidat, genießt als römischer Bürgermeister großen Ruhm. Was bedeutet er Ihnen als Leitfigur?

Als Berlinerin habe ich Bezug zu ihm, weil er eine große Nähe hat zu Klaus Wowereit. Beide sind jüngere Bürgermeister, haben besonderen Kontakt zur Kultur, und beiden ist es gelungen, wirtschaftlich angeschlagene Metropolen gut zu regieren. Weil Veltroni als konkreter Regierungspolitiker etwas bewirkt, ist er beliebt.

Wie funktioniert nun Ihr Wahlkampf - reisen Sie im Windschatten von Veltronis Popularität, oder sind sie als eigenständige Kandidatin unterwegs?

Ich plane meine Kampagne danach, wo ich selbst Freunde, Bekannte und Ansprechpartner habe, die für mich vor Ort die Veranstaltungen organisieren. Sie sprechen die Italiener dort an, berichten und verteilen Flugblätter über meine Person. So kommen immer wieder Leute auch deshalb, um Fragen an mich persönlich zu richten. Ich bin aber auch die Ansprechpartnerin für die Partei.

Wie schwierig ist es denn, die einfachen Wähler zu erreichen?

Das ist nicht leicht, denn die wenigsten Auslandsitaliener sind informiert, kennen mich oder das Programm meiner Partei. Also versuche ich, dorthin zu gehen, wo das italienische Leben ist. Gestern war ich zum Beispiel vor meiner Wahlveranstaltung in einem italienischen Kulturverein noch in einem Sport-Club in Stuttgart, wo viele ältere Italiener Boccia spielen. Solch eine Ansprache ist sehr erfolgreich, weil auf diese Weise ein persönlicher Kontakt entstehen kann.

Vernachlässigt die Politik in Rom die Italiener im Ausland?

Traditionell kümmert sich unsere Politik um sie, allerdings war das lange eher eine Frage der Nostalgie. Man verherrlichte die italienische Kultur in aller Welt. Zuletzt gab es immerhin konkrete finanzielle Unterstützung beispielsweise für die Vernetzung von italienischen Wirtschaftsbetrieben oder Beratungsstellen im Ausland. Aber unsere Partei will das stark fördern und widmet sich als einzige in ihrem Wahlprogramm spezifisch den Italienern in der Welt.

Wie gut sind die Italiener denn in Deutschland integriert?

Allgemein sehr gut. Aber ich muss feststellen, dass es Integrationsprobleme bei Jugendlichen gibt. Bei Schulergebnissen und später in der Arbeitswelt herrschen gewaltige Probleme. Da wäre viel mehr Zusammenarbeit zwischen den von Italien finanzierten Beratungsstellen und deutschen Institutionen nötig.

Im Zusammenhang mit türkischen Mitbürgern sprechen viele von der ‚Parallelgesellschaft‘. Nun drängt sich die Frage auf: Wenn Sie später als Abgeordnete von Rom aus Politik für die Italiener im Ausland machen, befördert das nicht das Entstehen solcher italienischen ‚Parallelgesellschaften‘ im Ausland?

Auf keinen Fall geht es um eine ‚Parallelgesellschaft‘. Das Ziel ist, zusammenzuarbeiten und die Identität in der Vielfalt zu stärken. Ich selbst bin beispielsweise in der italienischen Demokratischen Partei und seit Jahren als SPD-Mitglied in Deutschland aktiv. Ich besitze die doppelte Staatsbürgerschaft und versuche alle Italiener davon zu überzeugen, auch die deutsche Staatsangehörigkeit zu erwerben, wenn die rechtlichen Voraussetzungen dafür stimmen. Das fördert Integration.

Wären Sie als Abgeordnete im italienischen Parlament eine Botschafterin zwischen Italien und Deutschland oder gar Europa?

Gewissermaßen ja: Meine Rolle wäre dann, für Integration der Italiener in ganz Europa zu stehen.

Was wären Ihre konkreten Ziele, die Sie als Abgeordnete in Angriff nehmen würden?

Mir geht es zunächst um Integrationsprojekte für Italiener im Ausland. Als Parlamentarierin würde ich natürlich auch in der normalen italienischen Politik präsent sein, und ich denke, dass meine Lebenserfahrung aus Deutschland dort Gold wert sein kann. Geht es zum Beispiel um die Frauen- und Familienpolitik in Deutschland, dann können sich die Italiener noch vieles abschauen.

Interview: Tim Farin