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Bundesagentur für Arbeit: Den Service über die Krise bringen

Nach langem Kampf hatte die Bundesagentur für Arbeit sich von einer unfähigen Behörde zum erfolgreichen Dienstleister entwickelt. Doch nun schießt die Zahl der Arbeitslosen in die Höhe. Die Krise bringt die Vermittler in Nöte, die überwunden schienen.

Von Maike Rademaker, Dresden

Thomas Wünsche hat sie noch nicht, die Reformsiegelurkunde, die höchste Auszeichnung für Arbeitsvermittler. Aber immerhin hat der Chef der Arbeitsagentur in Dresden eine Urkunde, dass sein Telefonservice für Arbeitslose gut funktioniert. Und er hat ziemlich viel Optimismus. "Mir Sachsen sind helle und werden die Krise bewältigen", sagt er und grinst breit.

Diesen Optimismus kann Wünsche brauchen. In seiner Stadt ist gerade der Chiphersteller Qimonda pleitegegangen, 3200 Arbeitsplätze stehen allein in der Firma auf der Kippe. Weitere 5000, schätzt man, hängen von Qimonda ab. Große Chancen auf einen neuen Job gibt es nicht, in Dresden allein sind 35.000 Menschen arbeitslos, in der Republik schnellt die Arbeitslosenzahl nach oben - im Januar von 3,1 Millionen auf 3,49 Millionen. Das sieht gar nicht gut aus für den Rest des Jahres.

Die Krise hat den Arbeitsmarkt erreicht

Absturz am Arbeitsmarkt, vorbei sind die guten Zeiten, als Frank-Jürgen Weise, der Chef der Bundesagentur für Arbeit (BA), Jahr für Jahr schönere Zahlen präsentieren konnte. Zum ersten Mal seit 2005 geht es nach unten, die Krise hat den Arbeitsmarkt erreicht. Hunderttausende neue Arbeitslose werden nun zu den Agenturen laufen, wollen Geld, Beratung, einen Job, und das möglichst sofort. Es wird die große Probe. Drei Jahre wurden die Agenturen umgebaut, auf Dienstleistung und Unternehmergeist getrimmt. Es war ein langer schwerer erfolgreicher Weg. Aber ob es reicht, um diese Krise zu bewältigen?

Er nennt die Krise schlicht einen "Belastungstest" - und seine Agenturen seien auf sie "gut vorbereitet". Das ist natürlich nicht allein Weises Verdienst. Sicher, als er 2004 die Führung in der BA übernahm, war diese auf einem Tiefstand. Aber Weises Vorgänger hatte schon Reformen begonnen, und in Berlin hatte Rot-Grün die Hartz-Gesetze längst verabschiedet. Auch wenn die Arbeitslosenzahl erst mal unerbittlich weiterstieg, Weise wusste, es ist nur eine Frage der Zeit, die Wende ist nah.

Mehr Unternehmertum wagen

Kühl und unternehmerisch machte er sich an die Aufgabe heran. Vor allem wollte er die Kultur in der Behörde verändern, mehr Unternehmertum wagen. So sprach er von Steuerung und Wirtschaftlichkeit, von Führungsdialog und Transparenz, Handlungsprogrammen und Leistung. Entscheider mussten sich auf befristeten Stellen beweisen, Zeitarbeit wurde unter Protest der Gewerkschaften zum Standbein der Vermittlung. Aus Arbeitslosen wurden Kunden - Marktkunden, Betreuungskunden, Beratungskunden. Erfolg und Misserfolg wurden gezählt und veröffentlicht, für Leistung gab es Urkunden. Reformsiegelurkunden, Servicecenterurkunden.

Und so nach und nach kam Bewegung in die Sache. Die Mitarbeiter wandelten sich, und gleichzeitig begann die Arbeitslosigkeit zu sinken - dank des Aufschwungs, dank der neuen Gesetze und dank der internen Reform. Immer weiter ging es mit der Zahl herab, auf ein Niveau wie zuletzt vor 16 Jahren: knapp unter drei Millionen.

Es war ein langer Kampf. Kritik gab es genug, von Mitarbeitern, von der Öffentlichkeit. Der Druck auf Agenturchefs wie Wünsche ist hoch, zu hoch, findet der. "Die Zielvereinbarungen waren und sind knackig", sagt Wünsche mit kritischem Unterton. Sie schreiben vor, wie viele Arbeitslose einen Job zu finden haben. Das aber, sagt Wünsche, sei vom Arbeitsmarkt abhängig. Und der sei in Dresden schlechter, als die Chefs wahrhaben wollen. Immerhin wird die Quote mit einer "Konjunkturabweichung" gesenkt, für die niemand zur Verantwortung gezogen wird - auch 2009.

Spinnende Computer, falsche Zahlungen

Und immer wieder musste die Nürnberger Arbeitslosenbehörde beim Umbau Pannen zugeben. Auch heute noch gibt es spinnende Computer, die falsche Zahlungen anweisen. Und Unternehmer, die hospitierende Arbeitslose als Billigkräfte missbrauchen. Und Ein-Euro-Jobs, die Handwerkern Aufträge wegnehmen. Und der Bundesrechnungshof kritisiert immer wieder den Service: nicht früh genug, nicht professionell genug, zu wenig Vermittlungsgespräche, zu lange Wartezeiten.

Aber, so muss er auch anerkennend konstatieren: Die Bundesagentur justiert nach, immer wieder. Das ist Weises Strategie - Fehler sind unvermeidbar, aber nicht unbehebbar. Und so hat sich die Behörde in der Tat zu einem Dienstleister entwickelt, effizienter, wirtschaftlicher, einfach besser - kein Vergleich zu den alten Jagoda-Zeiten.

Auch die Arbeitslosen spüren die Veränderung. Sylvia S., seit November arbeitslose Kauffrau, nennt das zwar anders: Druck. "Dauernd soll ich nachweisen, was ich tue, wo ich mich bewerbe - selbst mitten in der Weihnachtszeit", beschwert sie sich. Auf der anderen Seite aber muss sie auch zugestehen: Sie hat durch die Vermittler ein Angebot bekommen.

Schnell und freundlich

Und der amerikanische Koch und Kellner Matthew Carr, seit 16 Jahren in Dresden, ist durch und durch begeistert. "Früher war es furchtbar, ewige Wartezeiten und unfreundliche Leute. Ich hatte einen Horror, wieder aufs Amt zu müssen", sagt er. Aber das sei jetzt "wundervoll! Es geht schnell, sie sind freundlich - ich habe sogar einen Kaffee bekommen".

Aber wird es reichen? Die neue Freundlichkeit? Die neuen Abläufe? In der größten Krise der Nachkriegszeit!?

Die Leute bei der BA sind voller Zuversicht, ob in Dresden oder Berlin. "Wir sind topfit", sagt Wünsche. Und Peter Clever, Arbeitgebervertreter und Vorsitzender des Verwaltungsrats der BA, sagt: "Wir sind noch nie so gut in eine Krise gestartet, finanziell, organisatorisch, mental." Clever nennt BA-Chef Weise einen "Glücksfall".

Er hat nicht nur Betreuung und Vermittlung verbessert, nein, mithilfe des Aufschwungs hat er es geschafft, dass die BA mit einer dicken Reserve von 17 Milliarden Euro in die Krise startet. Nur: Niemand weiß, wie furchtbar die Krise wirklich werden wird und wie lange sie dauert. Der Absturz vom Januar lässt Böses ahnen.

In den Agenturen wird deswegen mit Hast umgeplant und verschoben. Es ist hart für die Mitarbeiter. Glaubten sie doch, sie hätten es geschafft. Der Umbau sei vollzogen, jetzt käme der Feinschliff. Stattdessen - Krisenmanagement: Derzeit ist Kurzarbeit das Wort der Stunde. Freies Personal muss in Blitzgeschwindigkeit lernen, wie sie organisiert wird, und das während die Telefone dazu heißlaufen.

Die Agenturen brauchen mehr Leute. Arbeitsminister Olaf Scholz hat zugesagt, dass allein dieses Jahr Hunderte von befristeten Verträgen der Vermittler entfristet werden sollen und zusätzliches Personal eingestellt wird. "Das ist in Bewegung", sagt Personalrat Einsiedler. Doch der Plan ist längst zu einem Wettlauf geworden: "Wer ist schneller: die Krise oder wir?"

Im schlimmsten Fall passiert etwas, was sich hier keiner vorstellen mag. Der Rückfall in alte Zeiten, als die Arbeitsämter es mehr schlecht als recht hinbekamen, die Arbeitslosen zu erfassen und ihnen ihr Geld zu überweisen. Betreuung? Sich wirklich kümmern? Vermitteln gar? Zuhören, weil man ja, wie Wünsche sagt, "eben nicht in einer Schraubenfabrik arbeitet, sondern mit und für Menschen" - all diese Errungenschaften könnte die Krise wieder zerschlagen. Wenn auf einmal eine halbe Million Menschen vor der Tür steht, geht es nur noch darum, die erste Not zu mildern.

Und so machen sich die Dresdner derzeit weniger Gedanken darüber, wie sie einen arbeitslosen Ingenieur aus Dresden nach Bayern verfrachten; zunächst einmal suchen sie schlichtweg geschulte Sachbearbeiter, die dafür sorgen, dass die Arbeitslosen ihr Geld bekommen. "Wer keinen Job bekommt, demonstriert selten vor der Agentur. Aber wer kein Geld bekommt, ist blitzschnell auf der Straße", sagt BA-Personalrat Eberhard Einsiedler.

Auch Wünsche kämpft mit diesen Problemen. Am Tresen im Eingang und dort, wo Geld gezahlt wird, muss jetzt erst mal genug Personal sein. "Es macht einen Unterschied, ob man im Tagesgeschäft 200 oder 500 Menschen betreut."

Hinzu kommt: Ende 2007 hat das Bundesverfassungsgericht geurteilt, dass die Betreuung der Hartz-IV-Empfänger in den Arbeitsgemeinschaften aus Agenturen und Kommunen verfassungswidrig ist. Immerhin 2,3 der 3,4 Millionen Arbeitslosen. Bis 2010, so das Diktum des Gerichts, muss eine Lösung her. Seitdem streiten Bund und Länder über das Wie und Wer. Der Umbau wird gewaltig sein. Und im schlimmsten Fall muss Weise ihn machen, während Arbeitslose ihm die Türen einrennen, vier Millionen Kunden könnten es zum Jahresende schon werden, so Weise.

Das wäre dann endgültig eine Zeitreise in die schlechte alte Zeit.

FTD