Alltagsrassismus Ausländer raus - und dann?

Alltagsrassismus: Ausländer raus - und dann?
© colourbox.de/ Grafik: Natalie Isser
Millionen Deutsche wünschen sich ein Land ohne Ausländer. Dass ganze Branchen, Kultur und der Staatshaushalt einbrechen würden, sehen sie nicht. Ein Szenario, wie unser Land ohne Zuwanderung aussähe.
Von Matthias Thieme

Wenn Sie dies lesen, sind die Ausländer schon weg. Mehr als sieben Millionen Menschen haben Deutschland verlassen - zumindest in unserem Buch. Denn dort fällt eine imaginäre rechtspopulistische deutsche Regierung die radikale Entscheidung: Alle Ausländer müssen zu einem bestimmten Stichtag raus aus Deutschland. Frankfurt verlöre jeden vierten Einwohner, Nürnberg jeden fünften und Nordrhein-Westfalen jeden zehnten. Aus Baden-Württemberg verschwinden 11,9 Prozent der Einwohner und aus Hessen 11,2 Prozent. Einen solchen Exodus hätte es seit Kriegstagen nicht mehr gegeben.

Fiktion kann helfen, die Realität besser zu verstehen. Wie Erdbebenforscher verzeichnen Sozialwissenschaftler die Risse, Erschütterungen und Spannungen in der Gesellschaft. Aktuell empfinden rund 30 Millionen erwachsene Deutsche ausländische Menschen als Störung im eigenen Land. Doch was würde geschehen, wenn sie tatsächlich weg wären?

Bundesliga wie Kreisklasse

Da die ausländischen Paare ihre Kinder trotz eines deutschen Passes mitnehmen, verliert Deutschland auch einen Großteil seines Nachwuchses und insgesamt sogar neun Millionen seiner Bewohner. Überhaupt ist jeder Fünfte der Ausländer in Deutschland geboren. Mehr als eine halbe Million ausländische Kinder und Jugendliche besuchen hier die Schule. Deutschland ohne Ausländer ist ein Deutschland der leeren Klassenzimmer. Ein solcher Aderlass hat massive Auswirkungen in allen Bereichen der Gesellschaft.

Die deutsche Bundesliga ist eine Liga ohne Ribéry und Robben, Lewandowski und Mkhitaryan, ohne Xabi Alonso, Pizarro und Firmino, Huntelaar und Farfán. Eine Bundesliga ohne Ausländer – das ist eine Liga von weit schwächerer Qualität, mit geringen Chancen auf europäischer Ebene, mit Zuschauern. 228 Bundesliga- Spieler müssten aus den Kadern der ersten Liga gestrichen werden. Der Anteil der Ausländer unter den 18 Clubs lag in der Spielsaison 2012 bei 43 Prozent.

Pflegeheime und Kliniken brechen zusammen

Doch das wäre noch das geringste Problem. Denn am Abend des Tages, an dem die Ausländer das Land verlassen, bricht in deutschen Pflegeheimen der Notstand aus. Laut Bundesgesundheitsministerium haben etwa 11 Prozent der Pflegekräfte aus Pflegediensten einen Migrationshintergrund und etwa 15 Prozent in Pflegeheimen. Als erstes brechen die Dienstpläne der Pflegestationen zusammen. Sie sind ohne das ausländische Personal nicht mehr in der Lage, die alten Menschen zu Hause zu betreuen. Zigtausende müssen in Heime und Krankenhäuser verlegt werden – doch auch hier fehlen überall Arbeitskräfte. Die Sterberaten in den Heimen steigen sprunghaft an. Deutschland ohne Ausländer, das heißt für viele alte Menschen: früher sterben.

Wer sich noch selbst versorgen kann und gerne außer Haus isst, hat andere Probleme: Nach der Ausweisung aller Ausländer verschwinden plötzlich unzählige Lokale. Zehntausende von Pizzerien, Dönerbuden und Hamburger- Bratereien bleiben geschlossen. In vielen Städten haben überhaupt keine Restaurants mehr geöffnet. Das Gastgewerbe ist der Wirtschaftszweig mit dem höchsten Ausländeranteil. Mit knapp 169 000 Menschen stellen sie mehr als 21 Prozent der Beschäftigten in Gaststätten und Hotels.

Börsencarsh kommt, Kriminalität bleibt

Ohne Ausländer verwandelt sich Deutschland in ein dreckiges Land. Das Gebäudereinigerhandwerk ist der größte Arbeitgeber für ausländische Bürger in Deutschland. Etwa zehn Prozent der ausländischen Beschäftigten arbeiten in den entsprechenden Betrieben.?

Bleibt Deutschland zumindest ein reiches Land? Nein, meinen Finanzexperten. Nach der Ausweisung der Ausländer gäbe es sofort einen Börsencrash. Deutschland droht in diesem Szenario eine Kapitalflucht. Das Land müsste sich an den Märkten zu deutlich höheren Zinsen als heute verschulden und würde zu einem Problemstaat mit Verschlechterung der Bonität, Unternehmenspleiten und Rezession.

Würde Deutschland denn wenigstens sicherer, wie sich das manche Deutsche von einem Land ohne Ausländer erhoffen? Kriminologen betonen: Der Wegzug aller in Deutschland lebenden Nichtdeutschen würde sich selbstverständlich nicht nur bei den Tätern bemerkbar machen, sondern auch bei den potenziellen Opfern. Der Ausländerkriminalität entspricht ein ebenfalls recht hoher Anteil an ausländischen Opfern. Wenn ein ausländisches Opfer fehlt, könnte es in austauschbaren Fällen einen Deutschen treffen. Am Ende bleibt also die wissenschaftliche Erkenntnis: Die Ausweisung von Ausländern aus der Wohnbevölkerung in Deutschland würde das Kriminalitätsproblem in Deutschland nicht lösen.

"Grauenhafte Vorstellung"

Steuer- und Rentenausfälle, eine Vergreisung der Gesellschaft, die Isolierung der Forschung und Wissenschaft, der kulturelle Verlust: Ein Deutschland ohne Ausländer – "das wäre eine grauenhafte Vorstellung", sagt der Schriftsteller Günter Wallraff. "Es gäbe neue Verteilungskämpfe. Man würde sich mit Sicherheit auf die Alten als überflüssige Esser stürzen. Es würde erneut und wahrscheinlich massenhaft debattiert werden, wer da noch ein Überlebensrecht hat und wer nicht mehr durchgefüttert werden kann", sagt Wallraff. "Das ist ein grausames Science-Fiction-Szenario, vor dem man sich retten müsste. Am Ende wären die Sarrazins unter sich! Da würde man sich eher die Kugel geben."


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