Erfolgstipps "Man muss stur in der Birne sein"


Der eine ist angestellter Manager eines Großkonzerns, der andere sein eigener Chef in einem kleinen Start-up: Bahn-Boss Mehdorn trifft Gründer Volkert. Ein Gespräch über Fleiß, Glück, Kündigungsschutz und Kaffeetrinker.

Herr Mehdorn, Sie sind angestellter Manager bei der Deutschen Bahn. Haben Sie nie davon geträumt, Ihr eigener Chef zu sein?

Mehdorn: Meine Eltern hatten einen mittelständischen Betrieb, in dem Kunststoffspritzgussteile hergestellt wurden. Da habe ich aus nächster Nähe gesehen, was das heißt. Meine Eltern haben, soweit ich mich erinnere, nie Urlaub gemacht. Und wenn es um die Frage ging: Kaufen wir ein neues Auto oder eine neue Maschine fürs Unternehmen, ging die Firma immer vor. Es war selbstverständlich, dass wir Söhne in den Semesterferien im Betrieb geholfen haben. Ich habe gesehen, wie hoch der Einsatz ist.

Herr Volkert, Sie haben 2003 in Erlangen die Firma Promeos gegründet, die Porenbrenner mit besonders hohen Leistungswerten entwickelt und produziert. Sie haben 20 Mitarbeiter. Erkennen Sie sich in der Beschreibung wieder?

Volkert:

Das ist heute sicher etwas anders als damals im Betrieb bei den Mehdorns, allein schon aufgrund der Technik. Laptop und Handy helfen sehr, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. Aber wenn man ein Unternehmen aufbaut, muss man schon sehr viel arbeiten.

Wie viel?

Volkert:

Mal sind es 30 Stunden in der Woche, und ich habe zwei, drei Tage für die Familie. Mal sind es 80 oder 100 Stunden, weil übers Wochenende eine Kalkulation fertig werden muss. Mit Laptop zu Hause auf dem Schoß kann ich dann aber wenigstens mit einem Ohr noch hören, ob die Kinder schlafen. Natürlich bleibt das meiste bei der Frau hängen.

Welche sind die wichtigsten Eigenschaften, die ein Gründer braucht?

Volkert:

Man muss von einer Idee überzeugt sein, und man darf sie sich von niemandem ausreden lassen. Man muss einfach etwas stur in der Birne sein. Herr Mehdorn, das klingt ja wie eine Beschreibung von Ihnen.

Mehdorn:

Es geht nicht um Sturheit, ich würde das lieber Zähigkeit nennen. Man darf sich nicht gleich beim ersten Misserfolg in die Büsche schlagen und hinschmeißen, das gilt für Herrn Volkert, für mich und für jeden, der Karriere machen will. Man muss extrem fleißig sein. Und man braucht nicht zuletzt Glück. Es gibt auch viele, die im Netz hängen bleiben und die nicht mehr schwimmen. Was übrig bleibt, nennt man Erfolg.

Unternehmer, die Pleite gehen, haben in Deutschland einen Makel. Die zweite Chance wird nur selten gewährt.

Mehdorn: Leider, ja. Wenn einer dann noch in einem kleinen Ort wohnt, zeigt beim Kirchgang jeder mit dem Finger auf ihn. Dabei ist es auch eine Managementleistung, eine Idee zu haben, sie am Markt auszuprobieren - und wenn es nicht funktioniert, alles wieder einzupacken. Das ist doch kein Versagen! Ohne solche mutigen Menschen sähe es trister aus in unserem Land.
Volkert: Viele meiner Studienfreunde arbeiten heute bei Siemens oder Bosch - klingende Namen, mit denen auch die Angestellten identifiziert werden. Ein Gründer wird nur über seinen Erfolg legitimiert. Scheitert er, heißt es schnell: Na ja, der ist gegen die Wand gefahren.

Davon sind Sie weit entfernt. Vergangenes Jahr haben Sie den Deutschen Gründerpreis gewonnen.

Volkert:

Es läuft gut bei uns. Ein solcher Preis gibt allen einen Extrakick, auch den Mitarbeitern. Und auch die Geschäftspartner sehen, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

Herr Mehdorn, Sie fördern die StartUp-Initiative von stern, Sparkassen, McKinsey und ZDF, die den Gründerpreis vergibt, bereits seit 1997. Warum?

Mehdorn:

Als Manager eines großen Konzerns hat man auch eine Verpflichtung für diejenigen, die am Anfang stehen. Die Idee von StartUp finde ich da sehr gut: Da wird nicht gejammert, sondern angepackt. Im Grunde ist es das, was in diesem Lande fehlt: Gründern mehr Freiräume zu schaffen, damit wieder mehr Unternehmen und mehr Arbeitsplätze entstehen.

Volkert:

Es gibt in den Hochschulen viele hervorragende Ideen, aber der Graben zwischen Hochschule und Wirtschaft ist zu tief. Viele von denen, die die Ideen haben, trauen sich nicht zu, ein Unternehmen aufzubauen, weil ihnen die betriebswirtschaftlichen Kenntnisse fehlen. Das lernt man an der Technischen Uni nicht.

Macht Ihnen das Ende von Rot-Grün in Berlin Hoffnung, dass die Bedingungen für Gründer künftig besser werden?

Volkert: Ich bin sehr skeptisch. Mein Eindruck ist, dass die Politik vor allem auf Wirtschaftsverbände und Gewerkschaften fixiert ist. Die vertreten aber nicht die Interessen kleiner Gründer.
Mehdorn: Da stimme ich ausdrücklich zu. Man zeigt ja immer mit dem Finger auf die Gewerkschaften. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die schon viel flexibler sind als manche Arbeitgeber. Und was die Politik - egal, welcher Partei - angeht, erleben wir leider auch bei der Bahn, dass die Rahmenbedingungen nicht immer richtig gesetzt werden. Nur ein Beispiel: Wir sind das umweltfreundlichste Mobilitätsunternehmen und haben allein im vergangenen Jahr 200 Millionen Euro an Ökosteuern bezahlt und sind mit den zusätzlichen Energiesteuern auf eine Belastung von 400 Millionen Euro gekommen. Die Billig-Airlines aus Irland zahlen keinen Cent und können uns so den Markt wegnehmen. Da stimmt doch was nicht.
Volkert: Wir erleben das beim Kündigungsschutz. Bei 20 Angestellten können Sie sich keine Leistungsverweigerer leisten. Aber versuchen Sie mal, Leute loszuwerden, die mit ihrer Haltung den Erfolg der ganzen Firma gefährden. Das ist ein irrer bürokratischer Prozess.

Sie sind für Hire and Fire?

Volkert:

Im Gegenteil ...

Mehdorn:

Er will und braucht mehr Freiheiten. Wir verlangen von den Gründern, dass sie so schnell wie Michael Schumacher fahren, nehmen ihnen aber die Bremse weg. Ein Gründer muss beim Personal mal Gas geben, dann aber auch wieder bremsen können, ohne gleich als sozialer Rambo angefeindet zu werden.

Volkert:

Ich will ja niemanden vorsätzlich rauswerfen. Ich stelle aber leichter Leute ein, wenn ich weiß: Im Fall des Irrtums kann man sich auch wieder trennen. Der jetzige Kündigungsschutz ist eine Einstellungsverhinderungsmaßnahme. Ebenso der Mutterschutz, das können sich kleine Betriebe nicht erlauben. Die Folge ist, dass 30-jährige Frauen schwerer einen Job finden. Es ist niemandem geholfen, wenn alles übertrieben reglementiert wird. Mehdorn: Das gehört für mich schon zur Fürsorgepflicht, dass man die Fleißigen fördert und den Faulenzern Beine macht.

Volkert:

Trotzdem glaube ich, dass es immer noch einfacher ist, ein kleines Unternehmen zu leiten, in dem man sein eigener Herr ist, als einen großen Konzern, wo einem alle dreinreden.

Mehdorn:

Ich sehe gar keinen so großen Gegensatz. Ob groß oder klein, das ist kein Qualitätsmerkmal. Wichtig ist, dass sich das Management nicht beirren lässt, sondern seine Strategie abarbeitet und notfalls dafür auch Schelte in Kauf nimmt.

Volkert:

Aber wenn der Konzern auch noch an der Börse ist ...

...wo Herr Mehdorn mit der Bahn hinstrebt...

Volkert: ...dann ist das leichter gesagt als getan. Da geht es nur noch um den Aktienkurs, nicht mehr um langfristige Strategien.
Mehdorn: Na, na, keine Ausreden! Es kommt auf das Management an, und wenn der Kurs mal fällt, auch auf die Treue des Aufsichtsrats. Das macht einen entscheidenden Unterschied, ob da kompetente Leute sitzen, denen die Strategie wichtig ist und nicht nur der Aktienkurs, oder ob das eine Runde von Kaffeetrinkern ist. Hier sind einige Veränderungen in Gang gekommen, aber wir brauchen eine qualifiziertere Auswahl von Aufsichtsräten. Und man sollte darüber nachdenken, die Amtszeit auf einige Jahre zu begrenzen.

Herr Volkert, was lernen Sie vom Manager Hartmut Mehdorn?

Volkert:

Dass man mittel- und langfristig denken muss. Und dass man niemals Konflikte scheuen darf.

Und was lernen Sie, Herr Mehdorn, vom Gründer Jochen Volkert?

Mehdorn:

Ich bin zuversichtlicher: Es ist nicht alles so schlecht in unserem Land, wie es dargestellt wird. Wir müssen die vielen Menschen, die so sind wie Herr Volkert, noch stärker herausstellen. Das macht auch andere mutig.

Interview: Frank Thomsen

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