VG-Wort Pixel

Erwerbslosenzahl Wahrheitssuche im Dickicht der Statistik


Die von der Bundesanstalt für Arbeit monatlich verbreitete Erwerbslosenzahl enthält nur auf den ersten Blick eine klare Aussage. Zahlreiche Erfassungskriterien verzerren das wahre Bild; beileibe darf sich nicht jeder arbeitslos nennen, der einfach nur eine Stelle sucht.

Schon vor Jahresfrist hat Rot-Grün versucht, die Arbeitslosenstatistik zu vereinfachen. Die Initiative blieb stecken, weil die Zahl der Erwerbslosen auf dem Papier gesunken wäre und sich die Bundesregierung im Wahljahr nicht dem Vorwurf der Manipulation aussetzen wollte. Jetzt unternimmt Wirtschaftsminister Wolfgang Clement einen neuen Anlauf, die Statistik an EU-Methodik anzupassen. Die Wirtschaft würde die Neuerung begrüßen: Vergleichbare Daten erleichtern den Unternehmen die Aufstellung im Wettbewerb.

In der Tat enthält die von der Bundesanstalt für Arbeit monatlich verbreitete Erwerbslosenzahl nur auf den ersten Blick eine klare Aussage. Zahlreiche Erfassungskriterien und methodische Differenzen verzerren das wahre Bild, ein Abgleich mit den EU-weiten Erhebungen von Eurostat, dem Statistikamt der Europäischen Union, ist so gut wie unmöglich.

Diffuse Definition

Denn in Deutschland darf sich beileibe nicht jeder arbeitslos nennen, der einfach nur eine Stelle sucht. Diesen Status erringt nur ein Beschäftigungsloser, der weder Schüler, Student oder Teilnehmer einer Berufsbildungsmaßnahme noch arbeitsunfähig erkrankt ist und darüber hinaus keine Altersrente bezieht. Der oder die müssen ferner eine mindestens 15 Wochenstunden umfassende Beschäftigung anstreben, jünger als 65 Jahre, ordnungsgemäß beim Arbeitsamt gemeldet sein und überdies der Vermittlung zur Verfügung stehen, um als arbeitslos zu gelten.

Doch damit hat die Definition des deutschen Arbeitslosen noch kein Ende: Mitgezählt werden auch diejenigen, die sich zwar arbeitslos gemeldet haben, aber an einem neuen Job gar nicht interessiert sind, und nicht zuletzt auch die, die sich mit dem Arbeitslosenstatus ausschließlich Rente oder Kindergeld sichern wollen.

Andererseits fallen Schätzungen zufolge zwei Millionen Joblose durch den Rost, die zwar arbeiten wollen, sich aber nicht beim Arbeitsamt melden. Schließlich grenzt die deutsche Statistik viele 58-Jährige und ältere aus, die zwar Arbeitslosengeld beziehen, denen aber auf dem Weg zur Rente gar keine Arbeit mehr angeboten wird.

Dagegen sind die Kriterien, nach denen Eurostat seine Statistik verfertigt, weit einfacher: Einmal im Jahr nimmt das EU-Amt eine Stichprobenbefragung in den Mitgliedsländern vor. In den Kreis der Arbeitslosen aufgenommen werden alle mindestens 15 Jahre alten Personen, die sich selbst als erwerbslos bezeichnen, seit vier Wochen aktiv Arbeit suchen und innerhalb von zwei Wochen eine Arbeit aufnehmen können, unabhängig davon, ob sie den Job schon gefunden haben oder nicht. Ein entscheidender Unterschied zur deutschen Erhebungsmethode: Nach EU-Maßstäben gilt schon derjenige als erwerbstätig, der in der Woche mehr als eine Stunde bezahlt tätig ist.

Arbeitslosenzahl wäre um 20 Prozent niedriger

Johann Hahlen, Präsident des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden, geht davon aus, das die deutsche Arbeitslosenzahl rund 20 Prozent niedriger ausfiele, würden EU-Maßstäbe angelegt. Ob die Bundesregierung damit ihr Ziel erreicht, die Statistik möge nur jene Personen erfassen, die dem Arbeitsmarkt auch wirklich zur Verfügung stehen, ist unter Experten umstritten. Kritiker meinen, die Reform nach EU-Muster könnte alles noch unübersichtlicher machen, zumal Rot-Grün neue und alte Statistik vom nächsten Jahr an nebeneinander stellen will, um dem Vorwurf der Schönfärberei zu entgehen.

Die Wirtschaft freilich hat weniger Bedenken. Von ihr werde es "als notwendig angesehen, die in Deutschland erfassten Arbeitslosenzahlen nach international gebräuchlichen methodischen Standards und Definitionen zu erfassen, um die konjunkturellen Einflüsse auf die Bewegungen bei Beschäftigung und Arbeitslosigkeit besser erkennen zu können", formulierte im Dezember der Wissenschaftliche Dienst des Deutschen Bundestages.

Anselm Bengeser

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker