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Interview: "Wann fordern sie die Kinderarbeit?"

Franz Steinkühler, bis 1993 Chef der IG Metall, über Erpressungsversuche der Arbeitgeber und schwache Gewerkschaften.

Was halten Sie vom Kompromiss bei Daimler?

Ich kann nachvollziehen, dass die ganze Belegschaft aufatmet, weil die Arbeitsplätze gesichert sind. So eine Erpressung macht ja nicht nur schlaflose Arbeitnehmer, sondern auch schlaflose Familien. Es atmen also weit mehr auf, als beim Daimler arbeiten. Das macht den Kompromiss aber nicht schöner und das Vorgehen auch nicht. Man muss schon fragen, wie belastungsfähig eine Vereinbarung mit Unternehmern ist, die sich nicht genieren, während der Friedenspflicht den Tarifvertrag anzugreifen. Die Frage muss ja erlaubt sein: Was fällt denen morgen ein?

Viele Daimler-Arbeiter sind nun sauer, weil sie mit Gehaltsverzicht die Fehler des Managements ausbaden müssen.

Die Belegschaft in Sindelfingen weiß doch genau, dass sie die Kosten bei Mitsubishi in Japan und andere Abenteuer bezahlt hat. Das ausgerechnet diese Belegschaft jetzt bluten muss, führt zu einer Minderung der Loyalität gegenüber dem Unternehmen, und das ist nicht produktivitätssteigernd. Hundertprozentige Hingabe kann ein Unternehmen, das die Leute so behandelt, nicht mehr erwarten.

Diesmal hat Daimler die Arbeiter in Sindelfingen gegen die in Bremen und Südafrika ausgespielt. Ein Werk in Indien wäre natürlich noch kostengünstiger...

Bei dieser Logik muss man sich fragen, wann fordern die Arbeitgeber die Zulassung von Kinderarbeit? Natürlich gibt es bettelarme Länder, wo für einen Euro pro Tag gearbeitet wird. Ich hab in Thailand Frauen in der Gießerei arbeiten sehen, barfuß im Sand. Wollen wir das? Die können dann aber auch nicht die deutschen Mieten zahlen, die können nicht mal bei Aldi einkaufen.

IG-Metall-Vize Berthold Huber hat vor zehn Tagen noch gesagt, dass man die geforderten 500 Millionen nicht schlucken werde...

Jetzt hat er's geschluckt. Die IG Metall muss natürlich überlegen, ob in Zukunft nur sie sich während der Laufzeit des Tarifvertrags an die Friedenspflicht halten will und die Arbeitgeber nicht. Man kann ja darüber nachdenken, in Zukunft Verträge ohne feste Laufzeiten mit Friedenspflicht abzuschließen. Dann kann jeder Arbeitgeber jeden Monat nachverhandeln, und die IG Metall kann das auch. Dann herrschte wieder Waffengleichheit.

Wird das Sparpaket jetzt weitere Unternehmen ermuntern, "nachzuverhandeln"?

Heute erpresst Siemens, morgen erpresst Daimler, übermorgen erpresst MAN, dann kommt BMW, und jeder beruft sich auf den anderen, weil er nicht möchte, dass die Konkurrenz bessere Verhältnisse und billigere Lohnkosten hat. Über Arbeitsorganisation oder die Qualität des Produkts redet kein Mensch mehr. Dabei machen Lohnkosten einen Anteil von 20 Prozent aus, und jetzt tut man so, als ob sie die Welt bewegen. Fünf Millionen Arbeitslose machen einen natürlich erpressbar, aber ich denke, die IG Metall muss sich ein paar Fragen stellen, um nicht heillos ins Hintertreffen zu geraten. Es gibt auch Möglichkeiten, aus einer schwachen Position heraus Widerstand zu leisten.

Interview: Markus Grill / print