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Rat vom Jobcoach Ich habe meine Kollegen mit Corona angesteckt und fühle mich schuldig. Wie gehe ich damit um?

Schutzmaske im Büro
Wie geht man damit um, der Superspreader in der Firma zu sein?
© Getty Images
Frau N. war unvorsichtig und hat das Coronavirus in der Firma verbreitet. Mitarbeiter sind erkrankt, die Produktion des Betriebs musste gestoppt werden. Wie kann sie mit ihren Schuldgefühlen umgehen - und den Kollegen wieder aufrecht unter die Augen treten?
Von Reinhild Fürstenberg

Frau N.* hat sich angesteckt. Wo, weiß sie nicht genau. Bisher hatte sie eigentlich kein Thema mit Corona. Die Virus-Pandemie machte ihr keine Angst, die Maßnahmen der Regierung fand sie übertrieben – "wird schon nichts passieren".  Den Mundschutz hat sie nur getragen, wenn es nicht anders ging, aber bestimmt nicht, wenn sie mit ihren Freund*innen abends unterwegs war – Empfehlungen zu Kontakteinschränkungen hin oder her. Ich sollte das nicht falsch verstehen! Sie war keine Corona-Leugnerin! Sie hat sich nur nicht so richtig an alle Maßnahmen gehalten. Tja. Und nun sitzt sie, auf Abstand unter Einhaltung aller Corona-Maßnahmen, vor mir: zusammengesunken. Still.

Sie hat ihre Kollegen angesteckt. Zu viele. Das ganze Team musste in Quarantäne, die Produktion des mittelständischen Familienunternehmens wurde gestoppt – und das im Vorweihnachtsgeschäft! 

Reinhild Fürstenberg
Reinhild Fürstenberg ist Gesundheitswissenschaftlerin, systemische Beraterin und Familientherapeutin. Das von ihr geleitete Fürstenberg Institut aus Hamburg berät Unternehmen, Führungskräfte und Mitarbeiter, wie sie psychische Belastungen reduzieren, Veränderungen gesund gestalten und die Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Privatleben verbessern können. Für den stern berichtet die Expertin in loser Folge von Fällen aus ihrer Beratung - und erklärt, was wir daraus lernen können. 
© Verena Reinke

Quälende Schuldgefühle

Es tut ihr so leid, unendlich leid… Einige Kolleg*innen sind tatsächlich erkrankt und hatten nicht so einen milden Verlauf wie sie selbst. Vor acht Tagen war ihre Quarantäne nun um, die Produktion fuhr wieder an, aber seitdem weiß Frau N. nicht so richtig, wie sie den anderen begegnen soll. Die Kolleg*innen reagieren sehr unterschiedlich: Manche fragen, wie es ihr geht. Aber viele sind sauer, machen ihr Vorwürfe oder schneiden sie. Damit könnte Frau N. vielleicht noch umgehen – hat sie ja auch irgendwie verdient. Aber ausgerechnet ihre engste Kollegin wohnt mit ihrem 84-jährigen herzkranken Vater zusammen. Genau diese Kollegin hat immer wieder zur Vorsicht ermahnt, gebeten, auf sie und ihren Vater Rücksicht zu nehmen – das hätte richtig schief gehen können. Allein der Gedanke daran lässt Frau N. nachts nicht mehr schlafen. Auf einem ganz anderen Blatt steht noch, ob durch die Produktionseinbußen nun auch Arbeitsplätze im Unternehmen gefährdet sind. Der Chef hält sich da bedeckt. Am liebsten würde Frau N. alles ungeschehen machen. 

Frau N. quält ihre Schuld in Form von einem massiven Gefühl der Scham. Sie schwitzt und errötet, sie plagen schlechtes Gewissen, tiefe Zweifel und Selbstvorwürfe. Ihre Schuldgefühle zeigen sich auch in Form von stark bedrückter Verstimmung: Frau N. kann nicht mehr schlafen, leidet unter Gedankenkreisen, zieht sich zurück, ist innerlich unruhig, aber dennoch antriebslos. Mittlerweile hat sie Unmut, zur Arbeit zu gehen, sodass sie überlegt, sich krankschreiben zu lassen. Kann es überhaupt jemals wieder gut werden mit den Kolleg*innen?

Was ist hier eigentlich passiert? Legen wir den normativen Schuldbegriff an, hat Frau N. wider besseren Wissens und im Vollbesitz geistiger Klarheit und Reife frei entschieden, ethisch-moralisch falsch zu handeln. Fehlte es ihr an Unrechtsbewusstsein, also Wissen? Nein. War ihr Handeln bereits zum Zeitpunkt der Tat verboten? Nein – aber es war dringend empfohlen im mehrheitlichen Konsens unserer Gesellschaft. Entsprang ihr Handeln einem guten Willen, aus Gleichgültigkeit oder Böswilligkeit? All dies sind Parameter, die bei der Bemessung von Schuld in unserer Gesellschaft eine Rolle spielen. Frau N. hat gegen Normen und Gebote verstoßen – und steht nun vor einem durch sie verursachten Schaden. Schuld kommt aus dem Bereuen und Anzweifeln der getroffenen Entscheidung. Und das ist wichtig. 

Was kann Frau N. tun?

Ich erkläre Frau N., dass Schuldgefühle zunächst mal ein Alarmsignal sind, das genau wie das Schmerzgefühl auf körperlicher Ebene eine Gefahr anzeigt, und Schuldgefühle damit ein Zeichen für psychische Gesundheit sind, die uns auf einen sozialen Schaden aufmerksam machen wollen. So gesehen ist also eigentlich alles gut mit ihr. Ist das Schuldgefühl jedoch wie bei Frau N. pathologisch gesteigert, verknüpfen Betroffene das Begehen von Fehlern allerdings mit einer Bewertung ihrer gesamten Person, also ob sie eine wertvolle oder wertlose Person sind.

Schuldgefühle bzw. Scham können überwunden werden, wenn Bewertung und Schlussfolgerung überprüft und korrigiert werden. Dann wird ein Lernen und Weitergehen möglich gemacht. Wie nun also damit umgehen?

Ich frage Frau N., ob sie Situationen aus ihrem Leben kennt, in denen sie ein Verhalten bereut hat. Frau N. überlegt: Ja, sie habe immer mal wieder von anderen, auch von Freunden und dem Partner, die Rückmeldung bekommen, immer alles besser zu wissen. Sie sei manchmal überheblich, meinte gerade kürzlich noch eine enge Freundin. Da habe sie schon öfters im Nachhinein ein ungutes Gefühl gehabt, weil sie in dem Moment gar nicht bemerkt habe, wie sie wirkt – welche Wirkungen ihr Gesagtes, ihre Haltung hat. Wir entdecken die Parallele zur Corona-Geschichte: Frau N. hat die Auswirkungen ihres Handelns, ihre Kontakte nicht einzuschränken und keine Maske zu tragen, unterschätzt. Sie beschließt, ab sofort mehr auf ihre überhebliche Seite zu achten, sich selbst in der Sache besser zu beobachten – denn diese Seite möchte sie nicht mehr. 

Hilfreiches Rollenspiel

Ich bitte Frau N., aufzustehen und mal auf meinem Sessel Platz zu nehmen, um sich selbst aus der gegenüberliegenden Position anzuschauen. Was sie sieht, möchte ich wissen. Frau N. überlegt: Sie sieht eine Frau, der es wirklich leidtut. Was das bei ihr auslöse? Die "andere" Person tut ihr auch leid. Sie sieht, dass da jemand sitzt, die offensichtlich bereut. Das fühlt sich auf ihrer Seite gut an. Sie hat kein Gefühl, die Person anklagen zu wollen, da es ihr vorkommt, als bestrafe sie sich selbst genug. Was das mit ihr mache, wiederhole ich meine Frage. Es mache sie ruhig. Ist sie wütend auf die Person? Nein. Auf diese Weise lasse ich sie eine Weile erfahren, wie sie andere sehen. POV-Wechsel nennt sich diese Intervention, der Wechsel des Point of View. Dann lasse ich sie wieder auf ihren Platz zurückkehren.

Frau N. sitzt nun deutlich aufrechter, hat wieder einen klaren Blick und kann mir in die Augen sehen. Frau N. bemerkt, dass sie damit sehr wohl etwas tun kann – aber die Reaktion der anderen nicht beeinflussen kann. Sie muss den anderen Zeit lassen, jeder hat sein Tempo. Wie sie das umsetzen möchte, möchte ich noch wissen? Frau N. überlegt kurz: Sie möchte sich sehr persönlich bei jedem entschuldigen. Wir gehen gemeinsam durch, welche Worte dabei für sie stimmig sind. Ihrer engsten Kollegin wird sie einen Brief schreiben. Wie immer zum Ende der Stunde möchte ich wissen, was sie mitnimmt? Das Gefühl, dass sie kein Monster oder Versager ist und das Gefühl, dass es ausreicht, die Verantwortung zu übernehmen und zu ihrem Fehler zu stehen.

Auch wenn der Preis für diese Erkenntnis in diesem Fall sehr hoch war: Frau N. ist ein Mensch, der gelernt hat. Um worum mehr geht es im Leben? 

Hier meine Tipps für Sie:

  • Halten Sie sich an das, was Sie beeinflussen können: Ihr Verhalten.
  • "Erlauben" Sie den anderen ihre Reaktion.
  •  Übernehmen Sie Verantwortung, stehen Sie zu Ihrem Fehlverhalten. Das nimmt den Druck, denn Sie können etwas tun. Das tut gut, da es uns aus der Ohnmacht holt.
  • Erzählen Sie, was Sie daraus gelernt haben. Diese Offenheit ist alles, was Sie bieten können – der Rest liegt nicht in Ihrer Kraft.
  • Versuchen Sie, sich zu verzeihen. Verzeihen meint nicht vergessen, aber es richtet Sie wieder nach vorne aus.
  • Suchen Sie den Sinn in dem, was passiert ist. Es hat Sie vermutlich sehr klar positioniert.
  • Und zögern Sie nicht, sich bei Bedarf Hilfe zu holen. Wenn z. B. Angst oder Niedergestimmtheit unaushaltbar wird, wenden Sie sich an das Patient*innentelefon der kassenärztlichen Vereinigung (116117) oder die Telefonseelsorge (0800 – 111 0 111 oder 0800 – 111 0 222). Sollten Sie akute Suizidgedanken haben, nehmen Sie sofort Kontakt mit dem Notdienst Ihrer örtlichen psychiatrischen Klinik oder dem Rettungsdienst (112) auf.

* Anonymisiertes Fallbeispiel aus der Beratungspraxis des Fürstenberg Instituts. Der Fall wurde mit dem Einverständnis des Betroffenen anonymisiert.

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