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Jobwunder: Wir stellen ein!

Diese Geschichte hätte vor wenigen Monaten noch keiner geglaubt: Große und kleine Firmen suchen Personal. Die Arbeitslosigkeit geht zurück. Wie ist dieses kleine Jobwunder zu erklären?

Von Jan Boris Wintzenburg

Wenn man früher vor Fabriken stand, konnte man schon an den Aushängen am Werkstor erkennen, wie es der Firma geht. Wenn es gut lief, hing das Schild draußen "Wir stellen ein!", darunter eine Liste der gesuchten Berufe. Gäbe es solche Tafeln noch heute, könnte man den Aufschwung buchstäblich sehen. Beim Düsseldorfer Stahlhersteller Schmolz und Bickenbach würde stehen: "Gesucht: Maschinisten, Mechatroniker, Lagerarbeiter, Kaufleute, Ingenieure." Allein in diesem Jahr will das Unternehmen etwa 50 Stellen schaffen. Für Vorarbeiter Rudolf Ratz, 59, bedeutet das: Sorgen um seinen Arbeitsplatz muss er sich keine machen. Zu Weihnachten bekam er sogar eine Prämie: "So viel wie noch nie." Und so geschmiert lief es nicht, seit er 1962 bei Schmolz und Bickenbach angeheuert hat.

350.000 neue Jobs in einem Jahr

Das Jahr 2007 beginnt mit einer guten Nachricht: Egal, ob in Autowerkstätten, die auch nachts noch geöffnet sind, in Bootswerften, im Buchhandel oder Maschinenbau: Gerade bei kleinen und mittelgroßen Betrieben entstehen Arbeitsplätze. Erstmals seit dem Jahr 2000 wurden in den vergangenen zwölf Monaten wieder deutlich mehr neue sozialversicherungspflichtige Jobs geschaffen als abgebaut - im Saldo rund 350.000. Die Arbeitslosenquote sank im November - selbst für Experten überraschend - unter die Vier-Millionen-Grenze. Und das, obwohl vor gerade einmal zwei Jahren mit den Hartz-Reformen auch die Zählweise der Arbeitslosenstatistik umgestellt wurde und Hunderttausende arbeitsfähige Sozialhilfeempfänger im Heer der Jobsuchenden mitgezählt wurden. Damals gab es zeitweilig mehr als 5,2 Millionen offiziell Arbeitslose.

Der Jahreswechsel 2006/2007 könnte in die Geschichte eingehen als der Zeitpunkt, an dem die lang ersehnte Wende am Arbeitsmarkt zur Gewissheit wurde. Ganz kühne Prognosen halten zumindest kurzzeitig in diesem Jahr die Drei-Millionen-Grenze für erreichbar. Und selbst das aus bitterer Erfahrung stets skeptische, zur Bundesagentur für Arbeit gehörende Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) sieht im Jahresschnitt "nur" noch etwa 4,3 Millionen Menschen ohne Beschäftigung. "Zum Jahresende gab es rund 40 Prozent mehr offene Stellen als im Vorjahr", sagt IAB-Experte Eugen Spitznagel optimistisch. "Besonders groß sind die Zuwächse im verarbeitenden Gewerbe, in der Baubranche, im Bereich Verkehr, der Nachrichtentechnik und bei den Dienstleistungen."

Positive Trends verstärken sich

Der stern hat in den vergangenen Wochen mehr als ein Dutzend Unternehmen besucht, die neue Mitarbeiter suchen. Auch wenn man angesichts von über vier Millionen Arbeitslosen noch lange nicht vom Ende der Massenarbeitslosigkeit sprechen kann, so zeigen sich doch mehrere positive Trends, die sich gegenseitig stützen und sogar verstärken.

Die Initialzündung für den steigenden Arbeitskräftebedarf kam vom Export: Die Weltwirtschaft wächst seit mehreren Jahren stetig mit Raten von mehr als vier Prozent. Besonders Asien, Russland und die ölreichen Staaten am Persischen Golf kaufen gern Hightech made in Germany, etwa die Filter der schwäbischen Firma Volz, die in Klimaanlagen die Luft rein halten. Der Familienbetrieb investiert gerade zehn Millionen Euro in sein siebtes Werk. "Mit großen Schritten steuern wir auf 600 Mitarbeiter zu", sagt Seniorchef Manfred Volz. "Wir wachsen und wachsen."

Als Exportweltmeister mit etwa zehn Prozent Anteil am Welthandel profitiert Deutschland wie kaum ein anderes Land vom globalen Boom. Auch der Stahlhersteller Schmolz und Bickenbach ist ein Beispiel dafür: Der Weltmarktführer für Edelstahlstangen exportiert in 25 Länder und hat seine Belegschaft in den vergangenen fünf Jahren von 2500 auf 10.000 Mitarbeiter vergrößert. Die Hälfte arbeitet in Deutschland.

Die Produktion wurde auf Effizienz getrimmt

Ein Teil dieses Wachstums gelang den Rheinländern durch Zukäufe, Ausdruck eines anderen Trends: Deutschlands Wirtschaft wurde in den vergangenen Jahren grundsaniert und sortierte sich dabei neu: Die Produktion wurde auf Effizienz getrimmt, Firmen wurden ge- und verkauft, auf Kernbereiche ausgerichtet, verschlankt, manche auch dichtgemacht. Arbeitsplätze gingen verloren, die Belastung der Mitarbeiter stieg, die Löhne stagnierten, mancherorts gingen sie zurück. Noch immer sind viele Arbeitnehmer, die die Hauptlast der Sanierung tragen mussten, verunsichert, fürchten um ihre Jobs (stern 1/2007 "Die Mitte hat Angst").

Nach der brutalen Rosskur sind Unternehmen übrig geblieben, die weltweit konkurrenzfähig sind, genügend Arbeit für ihre Belegschaft heranschaffen und zunehmend wieder über Expansion nachdenken können - auch weil sie Schulden abgebaut haben und ordentliche Gewinne einfahren.

Bei ihren Investitionsplanungen spielt der Standort Deutschland eine wichtige Rolle: Die jahrelange Lohnzurückhaltung bei gleichzeitigem Produktivitätswachstum hat ihn für die Unternehmen wieder deutlich attraktiver gemacht. Zugleich sind in Osteuropa - lange Zeit bevorzugtes Ziel deutscher Investitionen - die Löhne schnell gestiegen. Luftfilterproduzent Manfred Volz baut sein neues Werk in Deutschland: "Ein guter Standort und nicht zu teuer."

Solche Investitionen haben die inländische Nachfrage nach Maschinen und Bauleistungen erhöht - der dritte Faktor, der zurzeit neue Arbeitsplätze entstehen lässt.

Reinhardt Grossmann, mit seiner Stuttgarter Firma auf das Management von Großbaustellen spezialisiert, verzeichnet "einen gigantischen Auftragseingang". Seine Belegschaft soll 2007 um etwa 20 Prozent wachsen. Und nachdem viele Firmen jahrelang von der Substanz gelebt haben, gibt es bei ihnen auch technologisch etwas aufzuholen. Angesichts der Auftragsflut aus dem Ausland modernisieren Unternehmen ihre Fabrikation und sorgen damit gleichzeitig für eine Auftragsflut im Inland: "Wir brauchen Verstärkung!", ruft fast flehentlich Stefan Schiller, Geschäftsführer des gleichnamigen Maschinenbauers, der Anlagen für die Elektronikindustrie und den Fahrzeugbau produziert. "2007 sehen wir Chancen, über 31 Millionen Euro Umsatz zu machen. Mehr als die Hälfte davon steht schon in den Büchern. Für unsere Mannschaft von 180 Mitarbeitern ist das kaum zu bewältigen."

"Verspargelung" der Landschaft

Ein weiterer Pluspunkt des Arbeitsmarktes 2007: Der Staat hat sich über die Jahre aus vielen Bereichen des Wirtschaftslebens zurückgezogen und Raum geschaffen für mehr Beschäftigung. So sorgte das "Stromeinspeisungsgesetz" zur Förderung alternativer Energien nicht nur vielerorts für eine "Verspargelung" der Landschaft mit Windrädern, sondern auch für einen blühenden neuen Industriezweig mit mittlerweile fast 170.000 Arbeitsplätzen. Allein die Nordex AG, einer der großen Windradhersteller, hat inzwischen 1000 Mitarbeiter und will 2007 bis zu 60 weitere einstellen. "Die Windkraftbranche boomt", sagt Bernhard Rettler, Personalchef am Standort Rostock. "Inzwischen exportieren wir 80 Prozent der Anlagen."

Auch einige Privatisierungen, etwa im medizinischen Bereich, hatten positive Beschäftigungseffekte. So geht die Haema AG teilweise auf eine Gründung des Freistaats Sachsen zurück. Nach diversen Übernahmen von Kliniklaboren ist Haema inzwischen der größte unabhängige Anbieter von Blut und Blutplasma in Deutschland - mit rund 600 Mitarbeitern. "In den nächsten zwei Jahren sollen weitere 300 dazukommen", sagt Personalchefin Katrin Scholz.

Die jüngste Stütze für den Arbeitsmarkt 2007 ist der private Konsum. Passend dazu meldeten die Wirtschaftsforscher vom Münchner Ifo-Institut Rekordwerte in Sachen Geschäftsklima, andere Institute hoben ihre Konjunkturprognosen an. "Die Leute geben wieder Geld aus", freut sich Peter Geringhoff, Mitinhaber der Kaufhauskette Strauss Innovation. Zehn bis fünfzehn neue Filialen will er 2007 aufmachen. "Wir wollen expandieren und neue Mitarbeiter einstellen", sagt Geringhoff und zählt auf: 220 neue Jobs für Verkäufer und Bürokräfte, 40 Nachwuchsführungskräfte, 50 Azubis, 80 Mitarbeiter für die Firmenzentrale.

Für Langzeitarbeitslose ändert sich wenig

Doch es ist zu früh, um in Jubel auszubrechen. Der Arbeitsmarkt 2007 ist ein anderer als der des ersten deutschen Jobwunders in den 50er Jahren: Denn nur qualifizierte Mitarbeiter sind wirklich gesucht. Längst werden in einigen Regionen und Branchen die Fachkräfte knapp. An der Zahl der Langzeitarbeitslosen ändert das wenig. Ein hoher Sockel schwer vermittelbarer Arbeitnehmer, viele ohne Ausbildung, bleibt. In den 50er Jahren kamen sie mit Handlangertätigkeiten über die Runden, doch die übernehmen heute billiger und zuverlässiger Maschinen.

In vielen Bereichen der Wirtschaft prägen außerdem Teilzeit, freie Mitarbeit und besonders die rasante Zunahme der Zeitarbeit das Bild. Allein die Schweizer Adecco, das größte Zeitarbeitsunternehmen der Welt, will in Deutschland in diesem Jahr 12.000 neue Mitarbeiter einstellen. Doch selbst diese gewaltige Zahl reicht laut Adecco-Deutschland-Geschäftsführer Uwe Beyer nicht, die Nachfrage zu befriedigen: "Wir können nur die Hälfte der Aufträge bedienen. Unsere 22.000 Mitarbeiter sind zu mehr als 99 Prozent ausgelastet."

Beyer verleiht sein Personal vorzugsweise an große Unternehmen, die vielfach noch zurückschrecken, feste Stellen einzurichten. Sie zahlen gut für die superflexiblen Leiharbeitnehmer, die man einfach so wieder abbestellen kann. Sie nutzen die Zeitarbeit aber auch, um passende Mitarbeiter zu finden. "Etwa ein Drittel unserer Mitarbeiter wechselt zu den Kunden", so Beyer. "Im Schnitt bleiben die Leute neun Monate bei uns."

Leiharbeitern dürfte der Wechsel auch deswegen leichtfallen, weil sie im Branchenschnitt eher mäßig verdienen. Im Süden fällt es Adecco deswegen zunehmend schwer, qualifiziertes Personal zu finden. "Bei Arbeitslosenquoten von fünf Prozent in Bayern und Baden-Württemberg gehen wir fast von Vollbeschäftigung aus", sagt Beyer. "Da können wir längst nicht mehr zu Tariflöhnen einstellen."

Beyers Problem ist eine gute Nachricht für die Langzeitarbeitslosen. "Wo die Nachfrage nach Arbeitskräften hoch ist, beobachten wir, dass auch Menschen mit geringer Qualifikation, höherem Alter und längerer Arbeitslosigkeit zunehmend wieder Arbeit finden", sagt Eugen Spitznagel vom IAB. "Aber natürlich sind die gut ausgebildeten Jungen wesentlich gefragter."

Mitarbeit: Frank Gerstenberg, Maria Theresia Heitlinger, Mathias Rittgerott, Julia Schlöpker

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