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Konjunktur: Aufschwung geht am Portemonnaie vorbei

Die Wirtschaft brummt, der Arbeitsmarkt boomt und die Steuerneinnahmen explodieren. Der Aufschwung in Deutschland ist an vielen Stellen sichtbar, nur nicht in den Geldbörsen der Bürger. Viele Menschen können von ihrem Lohn ihren Lebensunterhalt nicht mehr bestreiten.

Die positive wirtschaftliche Entwicklung ist bei vielen Bürgern in Deutschland nicht zu spüren - im Gegenteil: Mit dem verfügbaren Einkommen kann immer weniger gekauft werden. Einer aktuellen Studie zufolge ist die so genannte Lohn-Kaufkraft der Arbeitnehmer auf ein historisches Tief gefallen. Der Anteil der Löhne am Volkseinkommen habe im ersten Halbjahr 2007 bei nur noch 38,8 Prozent gelegen, heißt es in dem in Berlin vorgestellten Bericht der DGB-nahen Hans-Böckler-Stiftung.

Auch im dritten Quartal hat sich diese negative Entwicklung fortgesetzt. Zum Vergleich: Im Jahr 2006 lag die Netto- Lohnquote, die die Einkommen nach Abzug von Steuern und Sozialabgaben zugrunde legt, noch bei 40,5 Prozent, 1991 bei 48 und 1960 sogar bei 56 Prozent.

Die Kaufkraft der Arbeitseinkommen macht der Studie zufolge nur noch rund ein Viertel der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage aus. Die Zahlen zeigten, wie zweifelhaft eine nachhaltige Entwicklung der Binnennachfrage sei und wie labil der vom Export getriebene Aufschwung bleibe.

Preise rasant gestiegen

Hinzu kommt eine anziehende Inflation: Die Preissteigerung erreichte zuletzt mit drei Prozent den höchsten Stand seit 13 Jahren. Neben den Energie- und Lebensmittelpreisen hat auch die Erhöhung der Mehrwertsteuer zu Jahresbeginn zu dieser Entwicklung beigetragen. Die Deutsche Bundesbank rechnet noch bis zum Frühjahr 2008 mit einer hohen Inflation.

Die steigenden Preise sorgen für eine zunehmende Verunsicherung unter den Verbrauchern, wie aus den jüngsten Daten der Gesellschaft für Konsumforschung hervorgeht. Demnach hat die Kauflaune kurz vor dem Weighnachtsgeschäft deutlich abgenommen.

Von den Brutto-Erhöhungen der Einkommen bleibe angesichts der Entwicklung in diesem Jahr nichts mehr übrig, sagte der Autor der Böckler-Studie, Claus Schäfer. "Es wird netto real ein Minus." Eine echte Verteilungstrendwende sei trotz des aktuellen Beschäftigungsaufbaus nicht absehbar. Der Hauptgrund dafür sei, dass viele der neuen Stellen schlecht bezahlt seien, sagte Schäfer. Dagegen hätten die Einkommensanteile aus Gewinnen und Vermögen erneut zugelegt.

Armut hat deutlich zugenommen

Zuvor hatte die Bundesagentur für Arbeit (BA) die jüngsten Daten zum deutschen Arbeitsmarkt veröffentlicht. Demnach ist die Zahl der registrierten Joblosen erneut stärker zurückgegangen als von Experten erwarten. Für Oktober wies die Behörde eine Arbeitslosenzahl von 3,378 Millionen aus - der niedrigste Wert seit 1992.

Viele derer, die einen neuen Arbeitsplatz gefunden haben, können aber offensichtlich nicht von ihrem Lohn leben: Der Anteil der deutschen Privathaushalte, die laut EU-Definition als arm gelten, zwischen 1999 und 2005 von zwölf auf 19 Prozent gestiegen. Nach Angaben Schäfers müssen derzeit "rund ein Fünftel der deutschen Bevölkerung" als arm gelten, wenn man jene hinzurechne, die wegen Überschuldung ebenfalls nur wenig Geld ausgeben können.

"Die Verteilungs-Schieflage und vor allem die wachsende Einkommens-Armut sind eine schwerwiegende Hypothek für Wirtschaft und Gesellschaft", sagte Schäfer.

Reuters/DPA/AP / AP / DPA / Reuters