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Abschwung, Brexit, Handelskriege: Aufschwung am Ende - wo die Krise zuschlägt und wo nicht

Die Wirtschaft schrumpft, die Sorgen um Job und Wohlstand wachsen: Wo schlägt die Krise zu? Und wo nicht? Eine Suche nach Wegen in der Gefahr.


Krise in deutscher Wirtschaft: Was bedeutet das Ende des Aufschwungs?

Anzeichen der Krise: Steelwind-Geschäfts­führer Ralf Hubo musste Kurzarbeit anmelden. Er steht in Nordenham an der Weser vor Rohren für Offshore-Windräder.

Hündin Lina wartet in ihrem Körbchen darauf, dass Frank Hildebrandt mit ihr spielt, Stöckchen wirft, über die Wiese tobt. Doch dem Betriebsratsvorsitzenden im Luckenwalder Werk des Automobilzulieferers Schaeffler ist nicht danach. Er sagt: "Beim Blick in die Zukunft dominiert vor allem ein Gefühl: Angst."

Hildebrandt ist zuständig für fast 500 Kollegen. Und denen geht es nicht gut. Immer näher kommt die Krise: "Die ganz kleinen Werke sind schon zu", sagt Hildebrandt. "Als Nächstes wären wir an der Reihe." Er greift nach einer seiner polnischen Pall-Mall-Zigaretten. "Ich will nicht von Endzeitstimmung reden, aber wir spüren alle: Die Zeiten sind schwer."

Frank Hildebrandt ist ein Arbeitertyp. An diesem sonnigen Tag sitzt er im Garten seines gepflegten Einfamilienhauses. Er hat 1978 Elektriker gelernt, im Wälzlagerwerk "Willy Sägebrecht" hier in Luckenwalde. Im Wendechaos musste er kurz in einer Papptellerfabrik arbeiten, bevor er wieder in der Industrie unterkam, bei Schaeffler. Er hat sich hochgearbeitet, etwas aufgebaut, Verantwortung übernommen, für die Kollegen, für die ganze Region. Es lief gut. Doch jetzt ist das Erreichte in Gefahr: "Ich hoffe sehr auf die Verantwortung der Geschäftsführung", macht er sich Mut. "Wir sind das letzte Schaeffler-Werk in Ostdeutschland und außerdem der größte Arbeitgeber in Luckenwalde nach der Kreisverwaltung."

"Rezession"

So wie Frank Hildebrandt machen sich viele Sorgen um ihre Zukunft. Nach beinahe zehn Jahren Aufschwung ist ein fast vergessener Begriff wieder da: "Rezession".

"What goes up must come down" – das uralte englische Sprichwort beschreibt das Gefühl ziemlich treffend: Nach all den guten Zahlen vom Arbeitsmarkt, den satten Lohnerhöhungen, den sprudelnden Steuereinnahmen ist reichlich Platz für Verlustängste. Kommt jetzt eine Krise wie 2008, als die ganze Welt stillzustehen schien?

Längst haben die Sorgen ein reales Fundament: Im Juli gingen die Auftrags­eingänge der deutschen Industrie um 2,7 Prozent zurück. Der Export sank sogar um fast acht Prozent. Über 50 deutsche Konzerne haben in den vergangenen Monaten Gewinnwarnungen ausgegeben – es läuft bei ihnen schlechter als erwartet. Es werden Werke geschlossen oder Belegschaften zusammengestrichen. Bei Volkswagen stehen in den kommenden Monaten weitere 7000 Jobs zur Disposition, bei BASF sind es 6000, bei der Deutschen Bank sogar 18.000, die meisten davon in Deutschland. Fast täglich dominieren Krisenmeldungen die Schlagzeilen: Mal ist es das Brexit-Chaos, an einem anderen Tag drohende Straf­zöl­le auf Autoexporte, dann sorgt der Handelskrieg zwischen den USA und China für Verwerfungen, oder es geht um bewaffnete Konflikte, etwa am persischen Golf oder in der Ukraine. All das belastet auch immer die wirtschaftliche Entwicklung der Welt und damit auch der Exportnation Deutschland.

Dazu kommen tief greifende technologische Veränderungen, die Althergebrachtes obsolet und einstige Weltkonzerne zu Sanierungsfällen machen können. Die ganze Welt scheint in Aufruhr. Und Deutschland ist eher Spielball als Player auf internationaler Bühne. Wohl nie zuvor war die ökonomische Gemengelage so schwierig einzuschätzen wie heute.

Das erlebt auch Frank Hildebrandt. "Eigentlich müsste es doch so sein: Wir stellen ein Produkt her, das verkauft sich oder es verkauft sich nicht", sagt er. "Die Gleichung ist heute aber schon lange nicht mehr so einfach. Wir sind von so vielen äußeren Faktoren abhängig: Politik, Umwelt, China, Trump." Hildebrandt und seine Kollegen stellen Motorenteile her. Verbrennungsmotoren gelten aber nicht mehr als Technologie mit Zukunft, in die Unternehmen noch viel investieren. Gleichzeitig bricht der Absatz ein, weil Käufer in wirtschaftlich angespannten Zeiten vorsichtiger werden. Und dann sind da noch die drohenden Exportzölle auf Autos. "Die Konzernführung hat natürlich auch keine Ahnung, wohin die Reise geht: Elektro? Wasserstoff? Was passiert mit dem Diesel?", sagt Hildebrandt leicht resigniert.

Trotzdem handelt die Branche: Kon­kurrent Continental hat gerade die Gewinnprognose korrigiert, Bosch will Stellen abbauen, und der Gewinn von Schaeffler ist im zweiten Quartal um die Hälfte eingebrochen. Die Geschäftsführung hat angekündigt, vier Werke zu schließen und etwa 700 Stellen in Deutschland abzubauen, die Konzernführung nennt das Programm "RACE".

Eigentlich kein Wunder, dass in Luckenwalde die Angst vor diesem Rennen wächst. Aber ist das schon die richtige Krise oder bloß ein Branchenproblem?

Andere Welt, seit Krise von 2008

In einem hellen Raum mit Blick auf die Kieler Förde sitzt an einem Donnerstag Ende August eine Gruppe Wirtschafts­wissenschaftler und macht sich genau darüber Gedanken. Draußen ist es noch warm, und einige tragen kurze Hosen. Vor dem Fenster ziehen die Fähren nach Oslo und Göteborg vorbei, vollgeladen mit Urlaubern, aber auch Maschinen und Autos für den skandinavischen Markt. Heile Welt. Übers Wasser sieht man die Reste der einst stolzen Kieler Werftindustrie, ein eher trüber Anblick.

An diesem Vormittag kommt hier auf den Tisch, was die globale Ökonomie in den kommenden Monaten beeinflussen könnte: Die Konjunkturforscher des Instituts für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel treffen sich zum ersten Mal, um ihre Herbstprognose zu erstellen, die Mitte September erscheinen wird. Es ist eine der wichtigsten Ökonomengruppen des Landes, und ihre Einschätzung wird von Wirtschaft und Politik sehr ernst genommen. Sie bewegt Märkte. Sie soll sagen, ob eine Krise kommt und wie schlimm sie wird. Zumindest denken das viele.

"Wir machen auch Prognosen, von denen wir hoffen, dass sie so nie eintreten", widerspricht Professor Stefan Kooths, der Leiter des IfW-Prognosezentrums. "Und zwar, wenn sie die Politik rechtzeitig zum Gegensteuern anregen."

Gemeinsam begeben sich die Forscher in ihrer ersten informellen Runde auf die Suche nach der wirtschaftlichen Wahrheit. Und die ist schwerer als gedacht, denn die Daten sind diesmal ziemlich widersprüchlich. Und Ökonomie ist keine Natur­wissenschaft mit Gesetzen, die, einmal be­wiesen, immer gültig sind.

"Die Welt ist seit der letzten Krise von 2008 eine andere geworden", sagt Professor Jens Boysen-Hogrefe, der Stellvertreter von Kooths, zuständig für die öffentlichen Finanzen. "Alte Gewissheiten sind weg: Damals waren Zinsen unter null bei gleichzeitig geringer Inflation einfach nicht vorstellbar." Heute können sich der Staat und sogar einige Unternehmen wie Siemens Geld auf den Kapitalmärkten leihen, mit dem Versprechen, in ein paar Jahren etwas weniger wieder zurückzuzahlen.

Was irre klingt, macht Sinn für denje­nigen, der an den Niedergang glaubt und sein Geld möglichst sicher wissen will. Die Zeiten, in denen Marius Müller-Westernhagen singen konnte: "Ich glaube an die Deutsche Bank, denn die zahlt aus in bar…" sind eben seit der Finanzkrise vorbei. Wenigstens die Bundesrepublik, so der Glaube mancher Anleger, bleibt zahlungsfähig. Und wenn Siemens pleitegeht? Dann ist eh alles egal.

Solche Negativzinsen sind ein schlechtes Zeichen, und sie wirbeln die Prognosemodelle der Forscher gehörig durcheinander. Auch eine weitere Institution, von den Forschern ehrfürchtig "das Amt" genannt, bietet wenig Hilfe. Denn nicht einmal die Zahlen, auf die sich die Forscher in ihrer Prognose vor drei Monaten noch bezogen haben, sind sicher. "Das Statistische Bundesamt hat seine Daten für das vergangene Jahr korrigiert", stellt Stefan Kooths gleich zu Beginn der Runde nüchtern fest. "Wir wissen jetzt: Der Abschwung hat schon Anfang 2018 eingesetzt. Seitdem schwächelt die Wirtschaftsleistung oder geht sogar leicht zurück." Das war eine Überraschung. "Die Lohnkosten sind in den vergangenen Jahren kräftiger gestiegen, als bisher bekannt war", ergänzt Dominik Groll, der Arbeitsmarktexperte im Team.

Überhitzung

Konkret heißt das: Unser Bruttoinlandsprodukt (BIP), der Wert aller in Deutschland produzierten Waren und Dienstleistungen, stagniert seit Ende 2017 mehr oder weniger. Mal ging das BIP in einem Quartal etwas hoch, dann wieder runter. Fällt es zwei Quartale hintereinander, spricht man von einer Rezession. Und genau die könnte Ende September erklärt werden, wenn die Zahlen für das dritte Quartal vorliegen. Einen Anstieg erwartet hier kaum einer. "Wir hatten einen langgestreckten Aufschwung, der allmählich zu einer Überhitzung geführt hat", erklärt Stefan Kooths in seiner ersten Analyse. "Jetzt haben wir mit der Abkühlungsphase den ersten Teil des Abschwungs hinter uns. Wichtiger als Quartalszuwächse sind die Kapazitätsauslastungen der Unternehmen: Zu wenig ist nicht gut, zu viel aber auch nicht. Die Überauslastung geht seit eineinhalb Jahren zurück und hat sich jetzt im Schnitt normalisiert. Allerdings bieten die Branchen kein einheitliches Bild."

Mit ausgelasteten Kapazitäten kennt Trockenbauer Jan Nöhre aus Bergisch Gladbach sich aus: "Ganz ehrlich: Manchmal schiebe ich E-Mails mit Anfragen einfach weg", sagt er. Der Grund ist der Mangel an qualifizierten Arbeitskräften nach dem langen Boom. Der Arbeitsmarkt ist gerade in der zyklischen und körperlich herausfordernden Baubranche leer gefegt. Das verhindert Wachstum: "Eine Expansion ist automatisch geblockt, weil es keine Leute mehr gibt, die ins Unternehmen kommen wollen", sagt Nöhre.

"Bislang ist nur die klassische Industrie vom Rückgang bei Auslastung und Bestellungen betroffen", sagt Klaus-Jürgen Gern in die Kieler Runde. "Die Frage ist: Bleibt das so?" Er ist beim IfW zuständig für die internationalen Entwicklungen – oder besser: Verwicklungen – angesichts der vielen Populisten und Diktatoren, die momentan den Welthandel erschweren. "Twitternachrichten sind plötzlich ökonomische Einflussgrößen", sagt sein Kollege Boysen-Hogrefe. "Die Halbwertszeit der auf einen Mix aus Drohgebärden und Selbstdarstellung angelegten Tweets eines Donald Trump ist für uns Prognostiker ein ganz neues Arbeitsfeld."

Die Prognosen der Forscher entfernen sich damit ein gutes Stück von den Zahlen und Daten, mit denen sie sonst umgehen. Etwas Unberechenbares steckt im kommenden Abschwung. "Wir werden den Übergang zur Rezession erleben", stellt Boysen-Hogrefe fest. "Eine tiefe Rezession, die für viele Menschen dramatisch spürbar wäre, sehen wir nicht. Es deutet mehr auf eine ausgeprägte Schwäche hin denn auf einen Absturz der Konjunktur."

Doch gerade in Unternehmen gibt es die Tendenz, mögliche Krisen vorwegzu­nehmen und sich immer auch auf das Schlimmste einzustellen. Wie die "Prepper", die sich Bunker im Garten graben und Vorräte für die Apokalypse und den Angriff der Zombies horten, so präparieren Ma­nager ihre Firmen gern frühzeitig. Auch das verstärkt die Krisenstimmung, ist fast schon eine sich selbst erfüllende Prophezeiung.

Angst vorm Abstieg

Hüseyin Öncü erlebt so etwas gerade. Er ist stellvertretender Betriebsratsvor­sitzender bei der Württembergischen Metallwarenfabrik (WMF) in Geislingen. Dort soll jetzt die traditionsreiche Kochtopf-Fertigung eingestellt und nach Südeuropa verlagert werden. "In unserem Stammwerk geht es vermutlich um die Streichung von rund 250 Arbeitsplätzen", schimpft Öncü. "Für uns ist es ein Schlag, zumal die WMF kein Sanierungsfall ist. Aber laut Geschäftsleitung ist die Koch­geschirr-Fertigung defizitär."

Im beschaulichen Geislingen geht die Angst vorm Abstieg um, denn auch andere Unternehmen am Ort planen Personalabbau. Es gibt hier viele mittelständische Automobilzulieferer, bisher Rückgrat des Wirtschaftsbooms, die sich ebenfalls krisenfest machen wollen. Bisher herrschte nahezu Vollbeschäftigung wie fast überall im Süden Deutschlands, jetzt könnten bis zu 2000 Arbeitsplätze allein in Geislingen wegfallen. "Viele meiner Kollegen arbeiten seit dreißig, vierzig Jahren im Unternehmen. Wir alle haben zum Erfolg beige­tragen – und haben jetzt Angst um unsere Zukunft", sagt Öncü. Seit Juli suchen er und seine Kollegen die Öffentlichkeit, marschieren montags in gelben Warn­westen ums Werksgelände und erhoffen sich Hilfe von der Politik.

Dort ist das Thema Rezession längst angekommen: Im Foyer eines Hotels am Templiner See bei Berlin sitzt der CDU-Bundestagsabgeordnete Carsten Linnemann und isst noch schnell ein Eibrötchen. Nach und nach zieht die gesamte CDU-Prominenz an ihm und dem mannshohen Plüschbraunbären in seinem Rücken vorbei: der Gesundheitsminister – "Hi, Jens!", ruft Linnemann –, die Parteichefin, der Bundestagspräsident. Alle auf dem Weg zur Klausursitzung der Unionsbundestagsfraktion.

Linnemann ist Vorsitzender der Mittelstandsvereinigung seiner Partei und hat sein Ohr an der Wirtschaft. "Ich bekomme sehr unterschiedliche Signale", sagt er. "Das Handwerk, vor allem der Baubereich, erlebt weiter Konjunktur. Aber jeder, der mit Export zu tun hat, spürt es." Maschinen- und Anlagenbauer, die Zuliefer­betriebe der Automobilindustrie – für sie sieht es nicht rosig aus.

Linnemann will die Lage nicht miesreden. Er weiß, wie wichtig Psychologie für die wirtschaftliche Entwicklung ist – und setzt deshalb auf positive Signale aus der Politik. Er würde sich gern mit der SPD noch mal den Koalitionsvertrag vornehmen, der unter viel besseren konjunkturellen Bedingungen verhandelt worden ist: "Hinsetzen, überarbeiten und Dinge vorziehen, die die Wirtschaft unterstützen." Bestimmt nicht einfach, aber unter dem Druck der sich verschlechternden Daten vielleicht doch möglich – falls die SPD überhaupt noch weiter mit der Union regieren will. "Wenn wir unseren Wohlstand verteidigen wollen, müssen wir uns jetzt den Dingen widmen, die nachhaltig wirken", sagt er. Ein bisschen Agenda 2030. Erzwungenermaßen. "Der Wohlstand hat uns satt gemacht", resümiert Carsten Linnemann.

Bevorstehender Abschwung

Aber welchen Einfluss haben Politiker überhaupt auf die Konjunktur? Kurzfristige Investitionsprogramme treffen nur auf eine überhitzte Bauindustrie und dürften verpuffen. Und langfristige Planungen verursachen oft erst den Schaden. Das erlebt gerade Ralf Hubo. Er ist der Geschäftsführer von Steelwind in Nordenham, spezialisiert auf den Bau von Stahlfundamenten für Offshore-Windkraftanlagen.

Die Nachfrage stockt – trotz Energiewende und CO2-Debatte. Gerade musste das Unternehmen acht Monate Kurzarbeit durchstehen. Der Grund: Der Ausbau der Offshore-Windenergie wurde aus politischen Gründen gedeckelt, unter anderem, weil weiter Kohle verstromt werden soll. "Es werden in Deutschland derzeit einfach zu wenige Offshore-Windparks gebaut", sagt Hubo. "Eine vielversprechende Entwicklung wird politisch gebremst. Das kann man in einer Industrienation wie Deutschland eigentlich nicht machen. Andere Länder überholen uns gnadenlos."

Jetzt rettet sich Steelwind mit einem Auftrag aus Taiwan und lässt seine Spezial-Fundamente um den halben Globus schippern. "Wir haben Glück, dass wir auf andere Märkte gesetzt haben", sagt Hubo. "Man kann sich auf Deutschland nicht verlassen."

Die Kieler Wirtschaftsforscher sehen das ähnlich: "Viele Konjunkturmaßnahmen dauern zu lange, bis sie wirken, oder sie wirken an der falschen Stelle", erklärt Stefan Kooths. Er setzt auf sogenannte "automatische Stabilisatoren", Einrichtungen und Gesetze, die immer da sind und einen Absturz bremsen.

"Glücklicherweise haben wir die in Deutschland und müssen daher nicht in jedem Abschwung das konjunkturpolitische Instrumentarium neu erfinden", sagt Kooths und zählt auf: "Eine funktionierende Arbeitslosenversicherung, Arbeitszeitkonten und Kurzarbeit, um Entlassungen zu vermeiden, ein progressives Steuersystem." Außerdem seien die Un­ternehmen gerade relativ finanzstark und angesichts der alternden Gesellschaft und des Fachkräftemangels die Neigung zu Entlassungen in Deutschland nicht besonders groß. Die Firmen wüssten, dass sie im folgenden Aufschwung dann keine neuen Mitarbeiter mehr finden würden. Und schließlich sind auch die Arbeitszeitkonten vieler Arbeitnehmer randvoll mit Überstunden, die nun erst mal abgebummelt werden können. Ge­rade der Arbeitsmarkt wird im bevorstehenden Abschwung wohl eher langsam reagieren.

Abwärtssog

In ihrer Prognose, die am Mittwoch dieser Woche veröffentlicht wurde, geben die Kieler Experten einen moderaten Ausblick auf Deutschlands wirtschaftliche Zukunft: Auch im dritten Quartal gehe die Wirtschaftsleistung zurück, aber nur um 0,3 Prozent. "Deutschland im wirtschaftlichen Abwärtssog" steht über der Prognose. "Das ist aber kein Absturz", beeilt sich Stefan ­Kooths hinzuzufügen. Ihm ist wichtig, keine Ängste zu schüren und so selber zum Krisenverstärker zu werden. Wichtig sei der differenzierte Blick: "Die Industrie geht in die Rezession, aber sie macht nur etwa 30 Prozent der Wirtschaftskraft aus." 70 Prozent der Wirtschaft sind Dienstleistungen, und die blieben auch in rezessiven Phasen recht stabil.

Was bleibt, sind die internationalen Risiken, etwa Trumps Getwittere oder die Entwicklung in Asien, von der auch hierzulande vieles abhängt. "Man muss sich nicht vor China sorgen, sondern um China", sagt Klaus-Jürgen Gern. Solche Einschätzungen lassen sich in den Prognosen aber gar nicht abbilden. Denn am Ende steht eine schlichte Zahl mit einem Vorzeichen: Plus ist gut, Minus ist schlecht.

Und auf wie viel Minus müssen wir uns einstellen? "Es wird nicht dramatisch", sagt Kooths. "Und wir glauben an eine Erholungsphase ab Ende 2020."