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L. Karasek: Tippt die noch ganz richtig?: Das Geschäft mit der Dankbarkeit

Es scheint der Glaube zu herrschen, Arbeit hätte keinen Wert mehr. Es wird immer häufiger erwartet, dass wir Dinge freiwillig tun. Schluss mit knauserig, findet stern-Autorin Laura Karasek. Sie empfiehlt: Nehmt Euch, was Euch zusteht!

Von Laura Karasek

"Es ist schon eine Ehre, gefragt zu werden!", so lautet das Argument derer, die von Ihnen was umsonst bekommen wollen.

"Hätten Sie nicht Lust, für uns als Rednerin bei einer Konferenz aufzutreten?" Am besten sollen wir reden, schreiben, moderieren, musizieren, debattieren, mitdenken, formatieren, optimieren – und zwar alles ohne Honorar. Ist ja quasi unser "Hobby", unser "Talent" und macht auch "kaum Arbeit"...

Natürlich fühlen wir uns geschmeichelt, wenn wir Anfragen bekommen, Aufträge, Auftritte, Jobs. Sie suggerieren "ich bin begehrt. Interessant. Spannend. Besonders." Ja, und es ist auch tatsächlich schön, gewollt zu werden. Das Geräusch von Applaus. Das Geräusch vieler aufpoppender E-Mails. Das Geräusch von Likes.

Dein Like ist lautlos. Genau wie Dein Honorar. Aber was hat heute noch einen konkreten Gegenwert, eine Bedeutung?

Es wäre nämlich auch schön, wenn man für eine Auftragsarbeit oder ein Praktikum angemessen bezahlt würde. Wobei es oft nicht mal darum geht, dass die Bezahlung nicht "angemessen" ist, sondern dass es ÜBERHAUPT keine Bezahlung gibt. "Hey, aber dafür bekommst Du Ruhm, eine Plattform, Reichweite."

Du solltest dankbar sein, dass wir Dir das anbieten! Der Uwe machts sofort und würde sogar noch Nacktfotos beisteuern. Und Lexy hat letztes Jahr dadurch sogar einen Auftritt während der Schamhaar-Messe bekommen. Steve moderiert seit unserer Anfrage frei für Antenne Arschkriecher. Und Zoe haben sie sofort eine Übernachtung im Iltis Hotel Hildesheim geschenkt! Für Dich springen da gewiss total viele Folgeaufträge bei raus... Und auf jeden Fall mehr Follower. Awareness. Vielleicht sogar Ausland.

Du sollst also wieder mal einen Vortrag halten, einen Beitrag schreiben, mithelfen, Leute akquirieren, ohne dafür bezahlt zu werden. "Hey, aber wir zahlen Dir sogar die Anreise per Fernbus." Keiner würde von einem Steuerberater verlangen, dass er doch umsonst arbeiten solle, weil er durch uns so viel Weiterempfehlungen bekäme und dazu außerdem so einen tiefen Einblick in falsch angelegtes Geld und Verschwendung, dass der Lerneffekt immerhin nicht unbeachtlich sei. Ich sag meinem Vermieter dann auch mal, wie froh er sein kann, so eine coole Mieterin wie mich zu haben! Ich rauche nicht, ich trinke meist auswärts und Haustiere hab ich auch keine! Miete will er trotzdem.

Jeder Arbeitgeber könnte uns vorhalten, wir sollten doch froh sein, dass wir keine Lücke und dazu noch so einen renommierten Namen im Lebenslauf haben.

Wozu noch ein Gehalt? Wir schenken Dir Lebenserfahrung!

Schließlich bekommst Du ein warmes Büro in einem hippen Gebäude und sogar eine sich selbst wartende Kaffeemaschine. Nebenan ist auch echt ein cooler Konzept Store und das W-Lan funktioniert auch oft, zwischen 9.30 und 10.30 Uhr neben der Toilette. So sollen junge Menschen dann für Start-ups und Firmen geworben werden.

Nein, mitmachen ist nicht alles. Und von Euren Grünkern-Brotgutscheinen und veganen Lipgloss Give aways kannst Du auch Deine Miete nicht bezahlen.

Warum scheint gerade heute der Glaube zu herrschen, die Arbeit selbst habe keinen Wert? Schreiben und Reden ist sowas wie Yoga; die Mitarbeit in einem Start Up ist sowas wie Schwimmen, eigentlich mehr ein Interesse, eine Lebenseinstellung, its fun! Und das Team ist auch fun! Eine gewisse Wertschätzung wäre gleichwohl nett. Es wird immer häufiger erwartet, dass wir Dinge freiwillig tun, als Freundschaftsdienst, aus Zugehörigkeit oder Coolness. Und wir schämen uns mehr und mehr, für unsere Arbeit nach Geld zu fragen. Es wirkt peinlich, gierig, geldgeil, geradezu bedürftig, sich nach einer etwaigen Bezahlung zu erkundigen. Nein, es ist spießig! Hast Du es etwa nötig, Du Kleingeist?

Der Ausgenutzte fühlt sich – wie auch in Liebesbeziehungen – immer wie der Spielverderber, wenn er den Mund aufmacht. "Unentspannt" ist er, weil er nicht toleriert, was der Täter von ihm verlangt. "Die Kollegin zickt wieder rum", heißt es, nur weil sie nicht die dritte unbezahlte Nachtschicht in dieser Woche machen will. Aber sie ist nicht faul – sie will nur nicht länger verarscht werden. "Schluss mit lustig?" Nein, Schluss mit knauserig. Nehmt Euch, was Euch zusteht!

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