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L. Karasek: Tippt die noch ganz richtig?: Schluss mit Mutti - Warum man Mütter einfach mal in Ruhe lassen sollte

Wie eine Mutter ihr Leben mit dem Kind regelt, geht niemanden was an. stern-Autorin Laura Karasek fordert daher, dass man Mütter einfach mal sein lässt und Ratschläge für sich behält.

Von Laura Karasek

Getty Images

"Lasst uns Komplizen sein! Ein Urteil beinhaltet immer auch die Angst, etwas falsch zu machen. Etwas anders zu machen. Für diesen anderen Weg braucht man vermeintlich eine Rechtfertigung. Aber man braucht überhaupt keine."

Es war wieder einer dieser Lieblingssätze der Menschen: "Wenn man gut organisiert ist, kriegt man das alles hin."

Jeder gab ihr Ratschläge. Jeder fasste sie an. Vielmehr: ihren Bauch. Jeder sagte, dass es natürlich nicht wichtig sei, was andere sagten, "lass Dir da echt nicht reinquatschen...aber... Du musst unbedingt..." Und dann folgte eine lange Reihe von Hinweisen und Pflichten, ein Monolog aus Entsetzen und Urteilen voller hilfreicher Telefonnummern und must-have Adressen. "Du willst nicht stillen? (was sie nicht sagten, war: "Dabei wissen doch alle, dass Stillen voll das Beste fürs Baby ist. Eitle Sau. Faule Nuss. Titten versus Baby. Und die Nährstoffe!") 

"Echt jetzt: Du willst einen Kaiserschnitt? (man sah es, ihr ungläubiges Stirnrunzeln – und man hörte ihren stummen Untertitel: die faule Nudel ist sich zu schade, mal selbst zu pressen. Als ob sie ein Hollywoodstar wäre...) "Mmmh... Du willst nach sechs Monaten wieder arbeiten?" ("was bist Du denn für eine! Total egoistisch von Dir!")

Und mit der Geburt ging es erst richtig los.

Es war, als habe sich die Welt in zwei Lager geteilt. Ach, und man würde den Frauen ja doch heimlich (oder laut) vorwerfen, dass sie sich durch und Elternzeit ja quasi selbst aus dem Rennen gezogen hätten, sich zurückgezogen in die Welt der Cupcakes und Spieluhren, fort von der Rauheit des echten Lebens, raus aus den strengen Konferenzräumen, hinein in die Wickelzimmer. Dass sie den bequemen Rückzug gewählt hätten, in eine friedliche Welt, in der Härte und Leistung keine Rolle spielen. Eine mit Babyöl einbalsamierte Wirklichkeit, gepudert und schaumgebadet – weil Frauen eben doch nicht für das gemacht seien, dieses Verhandeln und Einstecken, für dicke Felle und dickes Auftragen. 

Aber ein gewickeltes Kind ist keine – jedenfalls von der Gesellschaft anerkannte – Leistung und gespülte Flaschen sind kein "business plan" und das in einer Welt, die so von Leistung und Nachweisbarkeit lebt, die sich definiert über die Anzahl der Telefonkonferenzen, Meetings, Kniebeugen und Burpees.

Das Kind ist alles wert 

Kein Wunder, dass es so schien, als wollten die Berufstätigen (Männer UND Frauen) mit den "Muttis" nichts zu tun haben – und umgekehrt. Arbeitende fühlten sich bewertet und verurteilt, weil sie keine Pastinake blanchierten und den Adventskalender nicht mit nachhaltigem Holzspielzeug bastelten, sondern online bestellten. "Karrierefrauen", die sich bestätigten, beruhigten und trösteten, dass es andere gab, Frauen wie sie, die nicht 24/7 an Kursen wie Pekip, Babypilates oder Mutter-Kind-Yoga teilnahmen. Nein, sie flohen vor den Sing-Sang-Krabbel-Gruppen und Früh-Chinesisch-Kursen. Weil sie sich dort unwohl fühlten. 

Natürlich verbirgt sich dahinter nicht nur ein Urteil, sondern auch die Angst, etwas falsch zu machen, das schlechte Gewissen, weil man arbeiten geht und sich "selbst verwirklicht" - was auch immer das bedeuten mag (ich jedenfalls wollte mich selbst eher weniger "wirklich" machen, geschweige denn VERwirklichen! VerUNwirklichen wäre mir lieber.) Außerdem: nicht jeder ist ein Wellness-Programm oder Achtsamkeitskurs... 

Auf der anderen Seite: Die Mütter, die nicht mehr arbeiteten. Sie fühlten sich ebenso minderwertig: Denn das Leben vorher hatte aus Aufgaben bestanden, aus To-Do-Listen, aus Erledigungen, Ablieferungsterminen, Fristen, Deadlines, Abgaben, Besprechungen, Meetings, Konferenzen, Telefonterminen. Bei alledem hatte es Zeugen gegeben. Menschen, denen man etwas beweisen musste. Man hatte etwas einhalten müssen und nun war man von der Öffentlichkeit abgeschieden, nur dem Kind gegenüber verpflichtet, aber das Kind fragte nicht nach und applaudierte nicht, das Kind gab kein Feedback und schrieb auch keine Mail.

Es war schwierig. Was auch daran lag, womit die "Muttis" (welch ein dummes Wort!) sich beschäftigten, sich beschäftigen mussten (Einkaufslisten, Kinderarzt, Impfungen usw.). Wodurch ihr Alltag automatisch weniger anspruchsvoll, weniger intellektuell schien als ein bezahlter Job mit Ergebnissen und Excel-Tabellen und vorzeigbaren Präsentationen und Slides und Pitches. Hier war nichts vorzeigbar. Das Kind verbrauchte Windeln, Milch, Tücher, Lätzchen, das saubere Geschirr – und man selbst war damit beschäftigt, das alles wieder brauchbar zu machen, nachzukaufen, nachzubesorgen, in einer Endlosschleife aus Waschpulver, Feuchttüchern und Watte. Der Erfolg (den man erstmal für sich definieren musste... War es ein "Erfolg", wenn das Kind aufgegessen hatte?), der Verzicht, die Arbeit, die Leistung – das alles war nicht sichtbar, es war sogar unsichtbar. Und daher mochte es stumpf, weniger wichtig erscheinen als ein Kunde oder eine Präsentation, obwohl es verdammt essentiell war. Versorgung. Anerkennung. Weibliche Komplizenschaft, bitte.

Solidarität.

Das Kind ist alles wert. Aber es geht die anderen nichts an, wie Du das für Dich regelst. Also lasst uns bitte in Ruhe. (sorry, dass ich nun doch auch einen Ratschlag raushaue) An alle, die meinen, zu wissen, wie wir uns fühlen. Die alles besser wissen: Einfach mal die Fresse halten.

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