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L. Karasek: Tippt die noch ganz richtig?: "Sagt was!"

Die Debatte zum Feminismus findet stern-Autorin Laura Karasek ungefähr so sexy wie Diarrhoe. Sie würde sich wünschen, dass man mit relevanten Themen achtsamer umgeht.

Von Laura Karasek

Getty Images

"Was soll der Scheiß?"

Ich war oft zu feige, ich hielt mich für zu unwichtig, für zu ungeeignet – ich mache doch nur so Texte über Gefühle. Ich schreibe über miese Dates und laszive Selfies, über Missgeschicke im Büro, über Peinlichkeiten in der seriösen Welt. Na gut, manchmal muss zu dem Kurzweiligen auch was Ernstes: dann schreibe ich auch mal über Krankheiten und Frühchen – aber meist halte ich mich aus Debatten raus. Aus Angst, aus Ehrfurcht vor denen, die wirklich Bescheid wissen.

Aber vielleicht sollte ich mal sagen, was ich zum Sexismus so zu sagen habe. Und zum Echo. Ich finde es beschissen, wenn Menschenverachtung cool ist. Ich finde es beschissen, wenn Frauenverachtung gefeiert wird. Ich habe Angst davor, selbst zu verblöden, weil Verblödung irgendwie nicht mehr so schlimm ist – wenn man ja heute so glänzende Preise und tolle Auszeichnungen dafür bekommt. Hass ist Trumpf und Trumpf muss bedient werden.

Andererseits ist es doch auch zu verführerisch, sein liebevoll geschnitzeltes Mittagessen zu fotografieren, wenn man für Avocado an Granatapfelkernen gepaart mit Quinoa (#couplegoals) mehr Aufmerksamkeit bekommt als für eine Reportage über Gefangenenlager. Pumpernickel- ibims!

Das wichtigste Medium sind wir selbst.

Bertolt Brecht? Ist das nicht dieser Modeblogger?

Herzchen gibt's nicht für einen wichtigen Beitrag zu Russland – Herzchen gibt's auf dem Schaum vom Cappuccino!

Debatte? Ungefähr so sexy wie Diarrhoe. Feminismus? Reden Sie doch gleich vom nässenden Brustekzem!

Mehr Reichweite bekommt eine Anleitung zum Schminken, die Frage, welchen Highlighter man auf den Wangenknochen benutzt und ein "tutorial", wie man falsche Wimpern so richtig "beautymässig" anklebt.

Intoleranz? Wir Menschen haben heute nicht nur Unverträglichkeiten gegen Gluten und Laktose, sondern sind auch gegenüber allen abweichenden Meinungen extrem intolerant. "Ich vertrage keinen Weizen, keine Milch und keinen Anstand." Dabei sollten nicht nur Veganer die Finger vom Zerfleischen lassen!

Wie sollen wir denn noch wissen, was richtig und falsch ist, wenn die Sprache inzwischen aus Emojis, aus hochgereckten Daumen, niedlichen Tiersymbolen – und nicht mehr aus Buchstaben und Metaphern – besteht. Und wenn selbst einflussreiche Blogger die deutsche Grammatik eigentlich nur als eine Art "Formulierungsvorschlag" ansehen. So sehr, dass sich der Duden im Grabe umdreht, in dem er ziemlich bald liegen wird... Weil uns an Richtigkeit nichts mehr liegt. #fakenews #fakeeverything

Und ausgerechnet die Tölpel bekommen noch Applaus für ihre abgefuckte Sprache und ihre abgedroschenen Bilder.

Ist ja auch schwer, so ein SEIT UND SEID zu unterscheiden. Seid wann ist das wichtig?! Und dieser Akkusativ ist doch ohnehin überbewertet! "Gib mir MEIN Hut zurück!" Ja, Grönemeyer singt es richtig! Aber das Herz ist kein Hut. MEINEN Sie? Zwinkersmiley.

Die Wichtigkeit der Nichtigkeit. Ja, Zerstreuung ist toll. Aber nur, wenn man vorher auch was gestreut hat. Es muss das alles geben! Spaß und Freunde und Leichtigkeit und Kurzweiligkeit – aber nur, wenn es dazu als Ausgleich auch etwas anspruchsvolle Anregung gibt.

Ich bin auch nicht besser. Ich mache Fehler. Ich schaue manchmal lieber Netflix als in die Tagesthemen. Aber ein bisschen Achtsamkeit im Umgang miteinander, mit relevanten Themen wäre doch total "funky", oder? #goodlife, DREI DAUMEN HOCH!"


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