HOME

Stern Logo Stern-Stimmen

L. Karasek: Tippt die noch ganz richtig?: Wieso Scheitern erst peinlich wird, wenn man es versucht, zu vertuschen

Scheitern ist nicht schön, findet stern-Autorin Laura Karasek. Peinlich wird es aber, wenn wir Methoden anwenden, um unser Scheitern zu verdecken.

Von Laura Karasek

Getty Images

Der wahre Charakter zeigt sich nicht in dem, wie man mit Erfolgen umgeht. Sondern darin, wie man mit Niederlagen umgeht.

Oft sind die Methoden, die wir anwenden, um unser Scheitern zu verdecken, viel peinlicher als das Scheitern selbst.

Ich bin oft uncool. Ich habe dumme Gedanken. Ich stelle mir manchmal beim Joggen vor, wie ich einen Grammy gewinne und eine Dankesrede halte. Dabei habe ich nicht mal eine Band. Und Singen tue ich auch mittelmässig. Ich mache mir Notizen vor privaten Telefonaten, um besonders kluge Dinge zu sagen. Wenn keiner mit mir redet, tue ich so, als ob ich telefonieren würde. Manchmal klingelt dann leider das Telefon. Laut.

Oder ich mache eine Radtour. Mein Rock weht im Wind, ich fühle mich sexy und frei. Dann sehe ich, dass ich eine Zecke in der Wade stecken habe. Da ist ihr Kopf! Und sie steckt mir im Fleisch. Ich schwitze, suche einen Arzt raus, der in der Nähe sein könnte, aber ich bin im Wald und es ist Sonntag! Also fahre ich ziemlich hektisch und nicht mehr besonders sexy oder frei in das nächste Krankenhaus. Das Bein fühlt sich schon ganz taub an! Deswegen kann ich nur noch mit dem anderen Bein in die Pedale treten. Aber ich bin kein Hypochonder! Ich schwör! Ich sitze leidend in der Notaufnahme und fasse mir hektisch an die Stirn. Habe ich schon Fieber? Das Bein lasse ich bloß in Ruhe! Ich will ja die Zecke nicht falsch herum rausziehen und dann womöglich eine Hirnhautentzündung bekommen oder für immer mit einem Insekt im Bein herumlaufen. Außer Schmetterlingen im Bauch habe ich an Kleintieren in meinem Körper kein besonderes Interesse. Auch wenn ich neulich einen sehr netten Mexikaner traf, der mir erzählte, dass er eine Madenzucht betreibe – als Bauer. Andere hätten Kühe auf der Weide, er hätte Maden als Nahrungsmittel. Sehr figurschonend: Viel Proteine, wenig Kohlenhydrate. Made in Mexico.

"Hinter eines Baumes Rinde, ruft die Made nach dem Kinde. Sie ist Witwe, denn der Gatte, den sie hatte, fiel vom Blatte... Schade." Ich denke an Heinz Erhardt und google nervös, was man alles von Zeckenbissen bekommen kann. Jedenfalls ist der Mexikaner extra durch Thailand und Myanmar gereist, weil man dort die besten Insekten essen kann! Für eine Tarantel halb um den Erdball. Da denke ich dann an den Dieter. Dieter Rantel. Oder Dietarantel. Dann lieber Nudeln und dick sein, denke ich. Ich fliege ganz sicher nicht für einen Wurm nach Vietnam. Nicht mal in meiner Wurm und Drang Phase.

Oder für eine Ameise nach Amerika. Heuschreck lass nach!

Verzockt und verzeckt

Die Zecke wird immer größer. Jedenfalls ist die Stelle an meiner Wade rot. Endlich werde ich aufgerufen. Ich schaue den Arzt besorgt an. Er hebt meine Wade an, untersucht sie, klopft dagegen und zieht dann die Zecke mit dem Zeigefinger und Daumen aus der Wade. Es tut gar nicht weh. Beinah so, als ob überhaupt nichts in meinem Fleisch gesteckt hätte. "Das ist keine Zecke. Es handelt sich um einen Kieselstein." Offenbar bin ich beim Radeln über den Kies mit einem Kieselstein kollidiert, der sich an meiner Wade festgesetzt hat. Verzockt und verzeckt. Ich verlasse gesenkten Hauptes das Krankenhaus und versuche, die stöhnenden blutenden Menschen im Warteraum zu ignorieren, die nun wegen meiner Zecke, aka Kieselstein, nicht schneller behandelt werden konnten. Anderen fällt ein Stein vom Herzen, mir fällt ein Kieselstein von der Wade. Ich sollte meine Insektenphobie wirklich mal in den Griff bekommen.

Nächste Woche können Sie dann lesen, wie peinlich ich sonst noch bin.

Zum Beispiel habe ich in meinem Handy einen Ordner mit – vermeintlich - sexy Selfies. Er heißt "Secret". Ab und zu fotografiere ich mich. Lasziv. 

Es sind 1.107 Fotos. Das ist bezeichnend. Bin ich ein Borderliner? Krank? Hoffentlich knackt niemals jemand mein Handy, wenn ich tot bin. Dann werden die Nachrufe oder Schlagzeilen übel ausfallen.

"Laura K. (36) aus H. wirkte auf Nachbarn stets freundlich und liebenswert, Aber ihre dunkle Seite verbarg sich in ihrem Handy. Ihr krankhafter Hang zum Narzissmus: eine pornografische Ausstellung des eigenen Ich. BILD zeigt Ihnen eine Serie der Abgründe. Auf Seite 3."

Also gut: ich bin uncool. Aber wenigstens hab ich keine Hirnhautentzündung.

Und außerdem halte ich es mit Harry Rowohlt:

"Sagen, was man denkt. Und vorher was gedacht haben."

Themen in diesem Artikel