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L. Karasek: Tippt die noch ganz richtig?: Liebe ist kein Kitsch!

Oscar Wilde sagte bereits: "In dieser Welt gibt es nur zwei Tragödien. Die eine ist, nicht zu bekommen, was man möchte, und die andere ist, es zu bekommen." Für stern-Autorin Laura Karasek gilt: Liebe muss unberechenbar bleiben, sonst ist sie langweilig.

Von Laura Karasek

Liebe

Für stern-Autorin Laura Karasek ist Liebe alles andere als Kitsch

Getty Images

Liebe gilt schnell als kitschig, als banal. Liebe ist was für Schlager, für Blumenläden, für Zitate auf Pralinenschachteln. Liebe ist zu einfach. Und zu schwer. Wer liebt, hat irgendwie nicht genau hingeschaut, nicht richtig nachgedacht, irgendeinen Fehler übersehen.

Wer ist denn so schwachsinnig, sich heute noch zu verlieben? Es gibt ja ein viel zu großes Angebot da draußen – dank Tinder, , match usw. und außerdem erzeugt das Festlegen auch viel zu viel Verwundbarkeit.

Je mehr Auswahl wir haben, desto unglücklicher sind wir. Denn je größer die Auswahl, desto größer ist auch die »vorweggenommene Reue« einer falschen Entscheidung.

Wer machen kann, was er will, muss auch etwas machen. Aber dazu muss man zunächst einmal überhaupt etwas wollen!

Und wie soll man jemanden wollen, der die falschen Schnürsenkel trägt? Oder jemanden, der zu laut kaut beim Essen? Oder jemanden, der zwei verschieden große Nasenlöcher hat?

Dank Hollywood haben wir vollkommen unrealistische Erwartungen an den einen Menschen, an die Liebe an sich. Dein Typ hat Ohrenschmalz? Pierce Brosnan hatte nie Ohrenschmalz! Dein Aufriss hat rote Pusteln auf dem Bauch? Julia Roberts hatte nie Ausschlag!

Die Realität ist leider manchmal doch nur einen Ausschlag entfernt: Jemanden haben zu können, entzaubert ihn auch.

Ist das ständige Wechseln also nur Beschäftigungstherapie, nur Ablenkungsmanöver, damit wir uns nicht eingestehen müssen, dass wir eigentlich zu wenig fühlen?

Wir schaffen uns Problemchen, kleine Techtelmechtels, Affären, unter denen wir ein bisschen leiden, die uns aber nicht töten, die uns nicht wirklich nahe gehen. So sind wir immer okkupiert, immer beschäftigt und begehrt. Aber der beste Kuss kommt eben doch nur von dem einen bestimmten Menschen – dazu muss er keine von uns erstellte Wunschliste erfüllen, keine Merkmale aufweisen in unseren eigens aufgestellten Suchmaschinen. Der Kuss an der Dönerbude kann mehr wert sein als der Kuss in einer Gondel von Venedig. Ohne Gefühl nützt auch der Eiffelturm nix! Dann lieber intensiv an der Autobahnraststätte mit demjenigen rumknutschen, den man wirklich toll findet.

Warum verlieben wir uns so selten? 

Emotionale Erfahrungen beeinflussen unsere Entscheidungsfindung: je nachdem, welche Erlebnisse wir mit einem Menschen eines ähnlichen Typs gemacht haben. Diese sogenannten somatischen Marker bestimmen, ob wir jemanden begehren. Dann wird dieses Bindungshormon Oxytocin ausgeschüttet, das auch beim Sex freigesetzt wird. Angeblich spüren wir dadurch nach dem Beischlaf ein Gefühl der Verbundenheit. Manchmal habe ich das Gefühl, die Drüse ist bei mir zu. Bei uns allen.

Es muss eben auch immer die richtige Dosis sein. "Hey ho, muss meine Butze noch auf Vordermann bringen. Danach Bock aufn Pils?" ist ebenso verkehrt wie nach dem ersten Date: "Meine schöne Blume. Ich möchte morgen mit Dir nach Rom fliegen. Dein Geburtsdatum habe ich bereits herausgefunden, Tickets liegen in Deinem Briefkasten." (woher weiß er, wo ich wohne) Datenschutz lässt grüßen.

Wenn die Liebe berechenbar wäre, wäre sie ebenso langweilig wie eine Exceltabelle.

Aber Gottseidank gibt es noch keine Pillen, keine Medikamente für oder gegen Gefühle. Kein Oxytocin, das wir uns spritzen können oder auf das wir mit dem ersten Glas Wein als Kapsel schlucken, wenn wir jemanden treffen. Wir können auch niemanden damit besprühen, wir können die Liebe nicht lenken. Und das soll auch bitte so bleiben. Meinetwegen nennt mich kitschig.

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